Die Evolutionsbiologen interessiert an der Homosexualität vor allem eines: dass es sie gibt, obwohl es sie nach den Grundannahmen dieser Fachdisziplin gar nicht geben dürfte. Laut Darwin haben nur solche Erbfaktoren Bestand, die den Fortpflanzungserfolg und die genetische Fitness ihrer Träger steigern. Das Bedürfnis, Sex mit Angehörigen des eigenen Geschlechtes zu haben, ist aber kein gutes Rezept zum Kinderkriegen. Die Ergebnisse einer grossangelegten neuen Studie aus Australien bieten jetzt eine Erklärung für das darwinsche Paradox: Die homosexuelle Disposition überdauert deshalb im Erbpool, weil sie in niedriger Dosierung die sexuelle Anziehungskraft - und damit die genetische Fitness - in der heterosexuellen Verwandtschaft erhöht.
Ein bedeutsamer Aspekt der homosexuellen Lebensweise besteht darin, dass die Betreffenden weniger Nachkommen hervorbringen als die meisten Heterosexuellen. Nach den Ergebnissen neuer Erhebungen bekommen bekennende Schwule fünf- bis zehnmal weniger Kinder wie der Rest der Bevölkerung. Gemäss einer neuen australischen Untersuchung hatte von den schwulen Männern über fünfzig nur etwa die Hälfte überhaupt je für Kinder Fürsorgeaufgaben übernommen. «Homosexualität ist praktisch eine Form der Sterilisation», gibt der Psychologe Qazi Rahman vom Queens College in London zu bedenken.
Diese Zahlen stellen eine grosse Herausforderung für jede genetische Theorie dar, denn eine Erbanlage, die den Fortpflanzungserfolg reduziert, würde von der natürlichen Auslese gnadenlos ausgemerzt, betont der Psychologe Edward M. Miller von der Universität New Orleans. Dass Homosexualität ein genetisches Fundament besitzt, wird durch vergleichende Studien belegt. So ergab etwa eine Arbeit der US-Forscher J. Michael Bailey und Richard Pillard: Bei eineiigen Zwillingsgeschwistern von Homosexuellen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch homosexuell sind, bei 52 Prozent, bei zweieiigen Zwillingen bei 22, bei adoptierten Geschwistern bei 11 Prozent.
«Xq28 - Thanks for the genes, mom!»
Kann man also den Anteil der genetischen Einflüsse abschätzen? Nur sehr bedingt. Die Schätzungen reichen von 31 bis 74 Prozent Erblichkeit bei Männern und von 27 bis 76 Prozent Erblichkeit bei Frauen. Die Interpretation von Studien wird dabei dadurch erschwert, dass keine genauen Zahlen über die Häufigkeit der Homosexualität existieren, weil so schwer zu definieren ist, wann jemand «andersherum» ist. Trotzdem machte der Genetiker Dean Hamer vom amerikanischen National Cancer Institute 1993 mit der Meldung Furore, er habe auf dem von der Mutter geerbten X-Chromosom ein «Schwulen-Gen» identifiziert. Von 40 homosexuellen Brüderpaaren hätten 33 fünf Marker in einem DNA-Abschnitt namens Xq28 gemeinsam.
Das vermeintliche gay gene wurde rasch so populär, dass in der Homosexuellen-Szene in San Francisco T-Shirts mit der Aufschrift «Xq28 - Thanks for the genes, mom!» getragen wurden. Sechs Jahre später kam die Ernüchterung: Forscher um George Rice an der University of Western Ontario berichteten, dass sie in einer Studie an 52 homosexuellen Brüderpaaren den von Hamer behaupteten Zusammenhang zwischen Homosexualität und Xq28 nicht finden konnten. Sehr wahrscheinlich wird die Anlage zur Homosexualität nicht durch ein Gen, sondern durch ein ganzes Potpourri von Erbfaktoren vermittelt, von denen jeder nur einen mässigen Beitrag zum Triebschicksal leistet und daher nur sehr schwierig im «Heuhaufen» des Genoms ausfindig zu machen ist.
Bleibt die Frage, wieso eine die Fitness senkende Genkombination nicht ausgelöscht wird. Eine Möglichkeit besteht darin, dass Homosexuelle ihre eigenen Gene «durch die Hintertür» ausbreiten. Vielleicht setzen sie sich besonders «selbstlos» für ihre Blutsverwandten ein. Deren erhöhte Fortpflanzungs-rate hätte dann zur Folge, dass sich auch die «selbstlosen» Gene in der Bevölkerung ausbreiten und die Fitness der Homosexuellen erhöhen würden. Das ist aber graue Theorie, bemerkt der Anthropologe Volker Sommer von der Universität Göttingen. «Niemand hat je gezählt, wie viele zusätzliche Kinder die Eltern, Brüder oder Schwestern von Homosexuellen dank deren Hilfe aufziehen.» Ausserdem hat diese Theorie einen schweren Haken, betont der Psychologe Edward M. Miller: Wenn der genetische Vorzug des Schwulseins darin bestünde, die Fitness Verwandter zu erhöhen, würden Homosexuelle besser fahren, völlig asexuell zu sein, als die Risiken und Kosten des homosexuellen Lebensstiles zu übernehmen.
Miller hat schon vor ein paar Jahren eine alternative Erklärung vorgeschlagen. Gene kommen auf den Chromosomen in doppelter Ausfertigung, in Form von zwei Allelen, vor. Erbfaktoren, die Homosexualität begünstigen, können im Genpool Bestand haben, wenn sie in den meisten Fällen mischerbig (mit anderen Allelen gekoppelt) auftreten und in dieser Kombination den Fortpflanzungserfolg ihrer Träger erhöhen. Erst durch reinerbiges Auftreten würde dann Homosexualität seltener entstehen und die Fitness mindern.
Ein Mann, der in seinem Erbgut eine kleine Dosis Schwulen-Gene trägt, würde nach die-ser Theorie seine Chancen beim anderen Geschlecht verbessern. Das gewisse Etwas besteht wahrscheinlich in genau den Wesensmerkmalen, in denen sich Homosexuelle generell von Heterosexuellen unterscheiden, spekuliert der Seelenforscher. Nach seiner Theorie statten die mutmasslichen «Schwulengene» Männer bei mischerbigem Auftreten mit einem überdurchschnittlichen Mass an femininen Wesenszügen wie Sensibilität, Sanftmut und Freundlichkeit aus. Schwulen-Gene bildete demnach ein natürliches Gleichgewicht gegen «hypermaskuline» Gene, die aus Männern spröde Machos machen. Sie würden Eigenschaften fördern, die auf Frauen anziehend wirken und eine gute Eignung als Vater und Lebensgefährte signalisieren. Eine lesbische Veranlagung vermittelt Frauen umgekehrt Wesenszüge, die ihrem Fortpflanzungserfolg Vorschub leisten. Denn Befragungen haben ergeben, dass psychologisch «männliche» Frauen mehr Sexkontakte haben.
Man stelle sich zum Beispiel vor, es gäbe fünf Gene, von denen jedes in doppelter Ausfertigung vorkommt und die Wahrscheinlichkeit einer Homosexualität erhöht, rechnet Miller vor. Erst wenn ein Mann alle fünf Erbfakto-ren in doppelter Ausfertigung trägt, würde er schwul. «Das wäre ein Ereignis, das mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 32, also bei 3 Prozent aller Männer vorkommt.» Das System wäre nach einer Kalkulation schon stabil, wenn ein Hauch der homosexuellen Anlage die genetische Fitness Heterosexueller nur um 2 Prozent erhöhen würde.
Was bislang reine akademische Spekulation war, hat nun ein Team um den Epidemiologen Brendan Zietsch aus Brisbane in Australien mit einer Studie an 5000 ein- und zweieiigen Zwillingsgeschwistern empirisch untermauert: Metrosexuelle (in deren Aussehen und Lebensstil sich männliche und weibliche Eigenschaften vermischen) sind die genetischen Erfüllungsgehilfen der Homosexuellen. Die männlichen und weiblichen Probanden machten unter anderem Angaben über ihre Persönlichkeitszüge, ihre sexuelle Orientierung und die Gesamtzahl ihrer bisherigen Sexualpartner. 2,2 Prozent der Männer und 0,6 Prozent der Frauen bekannten sich zu einer rein schwulen beziehungsweise rein lesbischen Geschlechtsidentität. Dazu kamen 13 Prozent männliche und 11 Prozent weibliche «Nonheterosexuelle», die über Sexkontakte mit beiden Geschlechtern berichteten. Entscheidender Punkt: Sowohl die Geschwister von Homosexuellen als auch die von Nonheterosexuellen besassen besonders viele Persönlichkeitszüge des entgegengesetzten Geschlechtes. Und sie konnten auch eine grössere Zahl von Sexualpartnern verbuchen als die Geschwister von Heterosexuellen. In der evolutionären Vergangenheit, vor der Erfindung der Pille und der Familienplanung, hätten sie einen besonders grossen Fortpflanzungserfolg davongetragen.
Die androgynen Persönlichkeitszüge und die überdurchschnittliche Kopulationsrate dieser Männer und Frauen wurden nach den Berechnungen der Forscher in erster Linie durch Erbfaktoren und nicht durch Umwelteinflüsse verursacht. Die genetische Lücke, die durch den verminderten Fortpflanzungserfolg der Homosexuellen entsteht, wird also wahrscheinlich durch die gesteigerte Reproduktionsrate ihrer Blutsverwandten ausgeglichen. Dadurch erklärt sich übrigens auch ein rätselhafter Tatbestand, auf den sich die Wissenschaftler bisher keinen Reim machen konnten: Homosexuelle weisen eine überdurchschnittlich grosse Zahl von Verwandten auf. Das wurde zuerst nur für die mütterliche Seite nachgewiesen, trifft aber nach neuesten Daten auf die väterliche Seite noch stärker zu.
Nach den Ergebnissen des Psychologen Andrea Camperio Ciani von der Universität Padua sind es aber nicht nur die Geschwister, sondern auch die Mütter und Tanten der Homosexuellen, die deren «Fortpflanzungsmanko» kompensieren. Diese hatten nicht nur eine überdurchschnittlich grosse Zahl von Entbindungen hinter sich, sondern waren auch besonders selten mit Fehlgeburten und Infektionen geschlagen gewesen. Möglicherweise sind sie mit Genen gesegnet, so der Forscher, die eine besonders starke «Liebe zu Männern» entfachen. Dies wäre ihrer genetischen Fitness förderlich, da es sie dazu bewegen würde, mehr Kinder zu bekommen. Bei ihren Söhnen würde diese Anlage eine Homosexualität auslösen. Selbst wenn diese sich dann nicht so stark fortpflanzen wie heterosexuelle Söhne, könnte das für die Mütter evolutionsbiologisch sinnvoll sein: wenn dieselben Erbanlagen ihnen und ihren Töchtern eine grössere Kinderschar sichern.
27.08.2008, Ausgabe 35/08
Evolutionsbiologie
Die List der Schwulen-Gene
Warum gibt es Homosexuelle? Ginge es nach Darwin, dürfte eine Erbanlage, die den Fortpflanzungserfolg mindert, gar nicht existieren. Neue Studien zeigen: Blutsverwandte von Schwulen und Lesben haben besonders viele Nachkommen.
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