Ich wünschte mir, ich wäre bei der Entstehung einer bedeutsameren Bewegung dabei gewesen, leider waren die letzten zwanzig Jahre ziemlich arm an solchen Gelegenheiten. 1994 machte ich als Schüler ein Austauschjahr in Madrid zu der Zeit der ersten öffentlichen, kollektiven Besäufnisse, genannt botellón (auf Deutsch: «grosse Flasche»; früher ein Slangbegriff für illegal Gebranntes). Wochenende für Wochenende traf sich meine Clique in einem Park und tat, was die Jugend tut, seit es sie gibt: Verbotenes. Wir tranken, kifften, hörten laute Musik und spielten mit leeren Dosen Fussball. Dass wir zu den Gründervätern der grössten Jugendbewegung Spaniens zählten, war uns nicht bewusst. Vielmehr beschäftigte uns: In welchem Verhältnis mixt man den Tetrapack-Wein und die Cola zu einem perfekten Calimocho?
Umfrage der Woche: Wie schlimm sind «botellónes» wirklich?Download (PDF): Studie des spanischen Gesundheitsministeriums über das Phänomen «botellón»Mit knapp fünfzehn Jahren Verspätung ist der botellón nun in der Schweiz angekommen: 1300 Jugendliche trafen sich am 18. Juli im Parc aux Bastions in Genf und betranken sich. Für diesen Freitag ist eine ähnliche Veranstaltung in Schaffhausen und am Samstag für Lausanne angekündigt, bevor am darauffolgenden Wochenende Biel und Zürich beglückt werden sollen. Vorausgesetzt, die Behörden verhindern die Events nicht - was schwierig sein dürfte: Weit über 5000 Personen sind bereits Mitglied der Gruppe «Züri Botellón Nr. 1», die sich im Internet-Netzwerk Facebook austauscht, dem Ort, wo die Massengelage orchestriert werden. Dirigent ist ein 17-jähriger KV-Stift, ein Jan mit dem passenden Nachnamen: Fröhlich. Anfang Woche verliess ihn aber der Mut, und er zog sich zurück. Seine Abschiedsworte: «Ich kann die Gruppe allerdings nicht löschen.»
Der Abschluss der ersten Schweizer botellón-Serie soll in Bern stattfinden. Vielleicht aus Nostalgie trifft man sich am 30. August auf dem Bundesplatz. Da, wo die Berner während der Euro jeden Abend Trinkgelage mit den lustigen Holländern feierten - was die vereinten Politiker und Journalisten weit weniger störte als die Jugendtreffen. Im Gegenteil: Es war ein «tolles Fest», so der SP-Stadtpräsident Alexander Tschäppät im Blick am Abend, «der Imagegewinn für die Stadt Bern ist gewaltig». Mit einem botellón lässt sich weniger gut Staat machen. «Wir sind dagegen!» (Tschäppät). «Es kann doch nicht sein, dass ein 17-Jähriger zu einem Massenabsturz aufruft» (SVP-Fraktionspräsident Mauro Tuena). «Festen ja, aber einen öffentlichen Park Jugendlichen überlassen, die darin eine Sauerei veranstalten mit Unmengen Glasscherben auf dem Rasen und Hektoliter Urin in den Büschen, das geht nicht» (Pierre Maudet, Genfer FDP-Gemeinderat).
Nicht zu leugnen ist: Wo ein botellón stattfindet, wird es laut und dreckig. Und natürlich wird viel getrunken. Eine spanische Studie weist den banalen, aber unangenehmen Zusammenhang nach: Je öfter man einen solchen Anlass besucht, desto häufiger ist man betrunken. Zudem herrscht ein starker Gruppendruck. Obwohl es in Spanien bei den riesigen macrobotellones neuerdings eine Ecke für Abstinenzler gibt (botellón light), sollte man seinem Teenager nicht glauben, wenn er sagt: «Die anderen trinken und kiffen. Ich will es mir nur ansehen.» 95 Prozent der Teilnehmer konsumieren laut der Studie Alkohol, auch andere Drogen sind mehr als eine Randerscheinung. Hätte ich ein Kind, ich würde es an den genannten Daten mit grosser Wahrscheinlichkeit in sein Zimmer sperren.
Kontakt mit dem anderen Geschlecht
Was für den botellón spricht: Man kommt leichter in Kontakt mit dem anderen Geschlecht als in Discos, gibt wenig Geld aus und hat erst noch das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Auch die Teenager in der Studie nennen «Alkohol» nur als einen Grund unter vielen, warum sie an solchen Veranstaltungen teilnehmen. Wichtiger sind: «mit Freunden quatschen», «einen Raum für sich haben», «neue Leute kennenlernen». Ein botellón macht Spass! Und unter den diversen Formen des Kampftrinkens gibt es schlimmere. An Neujahr sind die Feste in Spanien barra libre: Man bezahlt einmal und trinkt den ganzen Abend gratis. In Deutschland ist das Phänomen als Flat-Rate-Party bekannt. Wer einmal dabei gewesen ist, weiss, was es heisst, wenn Jugendliche ihr Geld «amortisieren». Bei den Outdoor-Partys hingegen ist es meistens so, dass der Alkohol früh ausgeht.
Gesteht man sich ein, dass Jugendliche immer trinken werden, ist der botellón zumindest eine kontrollierte Form des Konsums: Die Polizei und die Ambulanz haben guten Zugang zu den öffentlichen Plätzen und Parks, in denen die Gelage stattfinden. An meinen vielleicht fünfzig botellones in Madrid fiel nie etwas Gravierenderes vor, als dass sich jemand übergab - die groben Lausbubenstreiche sparten wir uns für diskretere Orte auf. Die Erfahrung lehrt auch: Der Staat kann wenig tun gegen eine Armee Jugendlicher im Freien. Die Massnahmen in den spanischen Provinzen haben kaum Wirkung gezeigt. Einzig, wenn die Polizei forsch einschritt, eskalierten die ansonsten überraschend friedlichen Veranstaltungen. So kam es 2007 in Madrid zu einem zweitägigen Strassenkampf mit 68 Verletzten (23 davon Polizisten).
Epilog: Kleine Umfrage unter den spanischen Freunden von damals. Alle leben heute in geordneten Verhältnissen. Sechs von zehn sind verheiratet und haben zusammengezählt zwölf Kinder, trotz botellón. Einer der wenigen, die beides noch nicht geschafft haben, ist . . . der Schweizer.
Umfrage der Woche: Wie schlimm sind «botellónes» wirklich?
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