Editorial Roger Köppel

Umweltschutz

Die Russen sind «melancholische Italiener». Wir erleben den Rückfall in eine subtile Form des 19. Jahrhunderts. Was ist richtiger Umweltschutz?

Von Roger Köppel

Georgien. Die mitleidlose Strafaktion des Kreml im Kaukasus erinnert an ein Gespräch mit einem führenden russischen Journalisten, der erschöpft, fast resignativ auf die Kritik des Westens reagierte, dabei aber sehr differenziert und klug blieb. Die Russen, erklärte er, sähen sich als westliche Macht, als Hüter des christlichen Glaubens und Vorkämpfer westlicher Werte bis weit in den Kontinent hinein. Sie hätten den Islam eingedämmt und Europa von den «grössenwahnsinnigen Psychopathen» Napoleon und Hitler befreit. Der Kommunismus sei ein schlimmer Exzess gewesen, aber doch auch zu verstehen vor dem Hintergrund von Massenelend und Rückständigkeit, den der absolutistische Zarismus im Land hinterlassen habe. Er könne nicht verstehen, warum Russland gerade jetzt, an der Schwelle zu einem neuen demokratischen Aufbruch, in Europa ständig kritisiert und gemassregelt werde. Die EU sei selber kein Leuchtturm der Demokratie, fuhr er fort, sondern eine aus seiner Sicht elitär-autoritäre Einrichtung mit unklaren Entscheidungsverfahren.

Nach den Wirren der Neunziger, sagte der Verleger und Kommentator, gehe es Putin vor allem darum, die Handlungsfähigkeit und Integrität der russischen Nation wiederherzustellen. Der Westen habe keinen Begriff davon, wie nahe der Landkoloss noch vor zehn Jahren am Rande eines Kollapses stand. Die Nation sei der entscheidende Referenzpunkt Putins, die Stärkung und Wiederherstellung ihrer Autorität. Man verfolge keine imperialistische Politik, wohl aber Interessenwahrung im unmittelbaren Umland mit einer Art Monroe-Doktrin, wie sie die USA in Südamerika mit aller Selbstverständlichkeit praktiziert hätten. Eine handlungsfähige russische Nation, sagte er, sei überhaupt erst die Bedingung der Möglichkeit für einen funktionierenden Rechtsstaat. Die neunziger Jahre hätten allen Russen vor Augen geführt, dass eine grosse, aber schwache Nation auch keine rechtsstaatliche Ordnung hervorbringe. Obschon er den Westen liebe und in Paris studiert habe, empfände er den Moralismus der Europäer gegen sein Land als pure Heuchelei.

Zwei Überlegungen sind aus dem Gespräch abzuleiten. Erstens: Das 21. Jahrhundert wird machtpolitisch zu einer subtileren Form des 19. Jahrhunderts, das im Zeichen rivalisierender Nationen stand. Subtiler deshalb, weil es schwieriger und anspruchsvoller geworden ist, militärische Werkzeuge einzusetzen. Wir erleben ausserdem eine Situation merkwürdiger Gleichzeitigkeiten. Die USA sind im Zustand des spätrömischen Imperiums, an dessen Grenzen die Konfliktdichte zunimmt. Europa erinnert an Griechenland nach dem Hellenismus, intelligent, von der Substanz her stark, allerdings auch leicht dekadent und wankelmütig. Im Nahen Osten finden konfessionelle Bürgerkriege wie im verheerenden 17. Jahrhundert statt. Russland, China, die USA und, chaotischer, Europa wiederum finden sich mit dem Gleichgewichtsdenken des 19. Jahrhunderts konfrontiert, nur sitzt eben das Schwert nicht mehr ganz so locker wie damals. Es passt perfekt zum Zeitgeist, dass die Angst um den Bestand der internationalen Ordnungen (Uno) wächst. Insgesamt allerdings geht es uns besser als in allen vergleichbaren Epochen.

Zweitens: Wie China ist auch Russland eine Grossmacht mit Minderwertigkeitskomplex. Man fühlt sich verkannt, missverstanden, man hat den Eindruck, teenagerhaft, dass die eigenen Verdienste nicht gesehen würden, und verfällt in kindischen Trotz darüber. Die Russen, von einem Kollegen einst treffend als «melancholische Italiener» beschrieben, werden, gewiss, oft an falschen Massstäben gemessen, aber sie begehen den Denkfehler jeder Grossmacht, die gleichzeitig gefürchtet und geliebt werden will. Es geht nicht. Man möchte den armen Kerlen zurufen, dass sie mit der Larmoyanz aufhören und den Tatsachen ins Auge blicken sollen: Jede aufstrebende Macht bezahlt zu Recht den Preis, dass sie von allen Seiten aufs Kritischste beäugt wird. Wer aus seiner Scholle aufbricht, zieht den Widerstand der andern auf sich. Es grenzt an Naivität und profunde Unreife, mit einem Panzereinmarsch im Kaukasus auch noch die Herzen der Welt erobern zu wollen. Entsprechend ist das, was die Russen eine antirussische Verschwörung des Westens nennen, nichts anderes als der Normalzustand einer früheren Weltmacht, die im Begriff ist, wieder eine zu werden.


Umweltschutz. Man hat der Weltwoche, neben vielen zustimmenden Leserbriefen, auch schon vorgeworfen, sie stehe dem ökologischen Denken grundsätzlich ablehnend gegenüber. Wir seien, heisst es dann, gegen Umweltschutz an sich, würden den Klimawandel für eine Fiktion erklären und hingen einem platt-hedonistischen, wohlstandsbornierten Denken an, das in der Konsequenz verantwortungslos die Ausbeutung des Planeten predige. Als jemand, der noch als Jung-Sportjournalist hochalarmiert und zukunftspessimistisch Ende der achtziger Jahre die Tschechoslowakei bereiste, um mit eigenen Augen die von gewaltigen Kohlekraftwerken verursachten Waldschäden zu besichtigen, fühle ich mich gedrängt, diesem Missverständnis entgegenzutreten. Die Weltwoche hat sich nie gegen einen sorgfältigen Umgang mit unseren Ressourcen ausgesprochen. Sie steht ausdrücklich für ökologisch sinnvolles Handeln. Was in diesem Blatt kritisiert wird, sind ausschliesslich die mit Absolutheitsanspruch auftretenden Öko-Doktrinen, die in der politischen Arena zur Aufrüstung des staatlichen Sektors dienen. Es ist nicht einzusehen, weshalb man die Ökologie nicht auch und vor allem der Innovationskraft der Marktwirtschaft überlassen sollte.

In den USA tritt Präsidentschaftskandidat Obama mit der Losung an, er wolle die amerikanische Wirtschaft durch die Befreiung vom Öl bald «vollständig» transformieren. Vollständig? Gegen solche planwirtschaftlichen Deklarationen und ihre Souffleure richtet sich die Skepsis dieses Blattes. Wir sind nicht der Auffassung, es brauche politische Notstandsmassnahmen, eine «vollständige», selbstredend von oben gesteuerte Umkrempelung der Verhältnisse, um der Ressourcenknappheit auf der Erde zu begegnen. Die Bewältigung von Knappheit ist eine marktwirtschaftliche Kernaufgabe. Der Staat sollte sich nur massvoll einmischen. Ökologische Herausforderungen sollten so wenig wie soziale Spannungen zur Ursache diktatorischer Versuchungen werden. Das Beispiel der tschechischen Kohleindustrie hat dem Schreibenden anschaulich gezeigt: Zu viel Staat ruiniert auch die Natur.

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