Ich trat aus meinem Haus und sah, dass es ein perfekter Tag war, um mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. Die Wolken zogen hoch und flockig vorbei, der Himmel war blau, die Strasse trocken. Ich nahm meinen Rucksack, steckte mein rechtes Hosenbein in meine Socke und war bereit, auf mein Stahlross zu kraxeln, als ich merkte, dass mit meinem Äusseren etwas ganz und gar nicht stimmte. Ich fasste mich an den Kopf. Mein Helm! Ich hatte vergessen, das Symbol meiner neuen Ehrerbietung dem korrekten Denken gegenüber aufzusetzen.
Es war bloss einen Monat her, seit ich beschlossen hatte, vor der Gesundheits- und Sicherheitslobby zu kapitulieren. Meine Frau war dafür. Mein alter Kumpel Ken Livingstone [Johnsons Vorgänger als Bürgermeister von London, d. Red.] war mir in den Ohren gelegen. Und fast täglich, wenn ich vor einem Rotlicht anhielt, bemerkte irgendein Passant: «Aber, aber, dies macht doch keine Gattung. Wo ist Ihr Helm?» «Sie sollten ein Vorbild sein», sagten sie. «Sie sind jetzt eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens», sagten sie.
Natürlich begann ich zu denken, sie hätten vielleicht recht. Wie konnte ich mich vor mir selber rechtfertigen, wenn andere Leute anfingen, meine helmlose Sorglosigkeit nachzuahmen und sich so in Gefahr begaben? Ich stellte mir die leidgeprüften Mütter beeindruckbarer Kinder vor. Ich sah Tadelsmotionen voraus. So schnitt ich ein Gesicht und bemühte mich zum Velohändler. Für £ 16,99 [etwas weniger als 40 Franken] konnte ich mein edles Haupt mit dem neusten, superleichten, aus Kohlefasern gefertigten Schädelschützer verhätscheln, einem Helm, der aussah wie der Kopf des Geschöpfs im Film «Alien». Als ich, mit Haube ausgestattet, herumradelte, spürte ich ein Gefühl von Selbstgerechtigkeit in mir aufsteigen. Ich war endlich sozialisiert, ich zeigte gebührlichen Gemeinschaftssinn.
Ein Sturz in zehn Jahren
So drehte ich mich denn an jenem strahlend schönen Morgen um und machte mich stante pede auf, meinen vergessenen Helm zu holen. Ich war bereit, den Kinnriemen sozialen Gehorsams umzuschnüren . . ., ausser, dass ich es aus irgendeinem Grund nicht tat. Nach Wochen von behelmtem Konformismus zuckte die Rebellion in mir. Schwer zu sagen wieso.
Natürlich sehe ich ein, was für das Tragen von Velohelmen spricht, obschon beim einzigen ernsthaften Sturz in den zehn Jahren, in denen ich durch London radelte, ein Helm nicht den geringsten Unterschied gemacht hätte. Ich zirkelte mit äusserster Vorsicht durch Knightsbridge, als ein französischer Tourist, ohne sich umzuschauen, auf die Strasse trat und in mich hineinlief (ich merkte am Lärm, den er beim Zusammenstoss machte, dass es ein Franzose war). Obschon ich mein Handgelenk verstauchte, schien mir die einzige Lehre, die sich aus dem Zwischenfall ziehen liess, dass man Touristen lehren sollte, sich richtig umzuschauen. Hätte ich ein Nebelhorn bei mir gehabt oder möglicherweise einen vor meinem Velo angebrachten Kuhfänger, dann wäre dies wohl gelegen gekommen. Aber ein Velohelm?
Ich habe auch den Ergebnissen einer Studie aus Australien nachgegrübelt, die zeigt, dass die Obligatorisch-Erklärung von Velohelmen so viele Leute vom Velofahren abschreckte, dass eine Zunahme der Fettleibigkeit die Folge war und dass mehr Leute an Herzversagen starben, als dass andere durch Kopfschutz gerettet wurden. Was jedoch an jenem Morgen den Ausschlag gab, war die schiere Pracht jenes frühen Junitages. Die Sonne schien warm, und bei allen Vorteilen, die ein Helm haben mochte, würde er meinen Kopf erhitzen und zum Jucken bringen. «Never mind», sagte ich mir, «niemand wird es merken», und begann in die Pedale zu treten. In diesem Moment sprang der Fotograf des Evening Standard aus seinem Versteck und - klick war meine Verantwortungslosigkeit festgebannt. Alle konnten meine Schande sehen. «Wo ist Ihr Helm?», rief der Fotograf, und ich muss gestehen, ich konnte ein kleines innerliches Stöhnen nicht unterdrücken.
Das politische Resultat der Sache ist, dass ich in meinem Bemühen, das Richtige zu tun, beide Lager verärgert habe. Sobald ich begann, einen Helm zu tragen, wurde ich als Waschlappen verhöhnt, als einer, der vor der Sicherheitslobby einknickt, als einer, der sich derart feige an sein eigenes Überleben klammert, dass er bereit ist, eine würdelose Plastikhaube zu tragen. Sobald ich jedoch helmlos auf dem Rad abgebildet wurde, kritisierte man mich dafür, dass «ich das falsche Signal aussende» und dass ich ganz allgemein die Geister der Jungen mit meinem leichtsinnigen Verhalten vergifte.
Die Situation ist ein Schlamassel. Ich bin ohne jeden Zweifel in der Frage der Velohelme der vollständigen Verwirrung überführt worden. Und diese Verwirrung bin ich bereit zu verteidigen. Wenn ich mich zwischen den konkurrierenden Geboten der Sicherheit und der Freiheit nicht entscheiden kann, ist dies eine Verwirrung, die wir alle teilen.
Was das Tragen des Velohelms betrifft, sollte es jedem erlaubt sein, sich selber zu entscheiden. Manchmal entscheiden wir uns für helmlose, sonnengesegnete, winddurchblasene Freiheit, manchmal für behelmte Sicherheit. Wichtig ist, dass wir das Risiko einkalkulieren, den Entscheid treffen und dafür den Kopf hinhalten - oder, wie im Falle meines Helmes, manchmal auch nicht.
Aus dem Englischen von Hanspeter Born
© Daily Telegraph













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