Editorial Roger Köppel

«Tricky Sämi»

Die Liebe ist eine Höllenmacht. Armeechef Nef wird in Raten exekutiert. Wir treffen die Gitarrentexaner ZZ Top in einer Burgruine.

Von Roger Köppel

Die für Schweizer Verhältnisse ohnehin schwach ausgeprägte demokratische Legitimität unserer Landesregierung leidet weiter unter der Armee-Affäre. Die grösste Partei des Landes hat keinen Vertreter im Bundesrat, die massiv überrepräsentierte Bürgerlich-Demokratische Partei sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass ihr Militärminister den unerklärlichen Fehler beging, einen Karrieresoldaten, gegen den ein Strafverfahren lief, ohne sorgfältige Prüfung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Amt zu hebeln. Erst dieser Fauxpas verursachte brandbeschleunigend die jetzt für alle Beteiligten unerträgliche Enthüllungs- und Moralkampagne. Hätte der Sportminister seinerzeit das Dossier richtig angeschaut, wären ihm und vor allem Nef die öffentlichen Peinlichkeiten erspart geblieben. Der Fall illustriert zudem modellhaft, dass unter den bekannten Formen der Kriegführung Beziehungsterror und Liebesverrat besonders selbstzerstörerische Energien produzieren.

Am letzten Montag trat Bundesrat Schmid für eine Erklärung vor die Presse. Es war der perfekte Dolchstoss in den Rücken des strauchelnden Armeechefs. Der finten- und intrigenreiche US-Präsident Richard Nixon ging als «Tricky Dick» in die Geschichte ein. Wehrminister Schmid wird zum «Tricky Sämi» der Schweizer Innenpolitik. Der Mann, der durch seine Schludrigkeit das Desaster um den Armeechef erst richtig entfesselte, gab sich vor den verdutzten Medienleuten plötzlich als Opfer, das «zwischenmenschlich» zu viel Vertrauen «geschenkt» habe. Anstatt die volle Verantwortung für das von ihm bewirkte Auswahldebakel zu übernehmen, flüchtete sich Schmid in Eigenlob und rhetorische Ausschweifungen. Die Gnadenfrist, die der Departementsvorsteher seinem Untergebenen gewährte, damit dieser seine Unschuld beweise, verlängert nur die öffentliche Hinrichtung. Während Nef in Raten exekutiert wird, windet sich Schmid mit beeindruckender Kaltblütigkeit aus dem Schlamassel.

Einige Fragen bleiben offen: Wer hat die Einzelheiten der Strafuntersuchung gegen Nef mit welchen Motiven publik gemacht? Es ergibt keinen Sinn, dass die Ex-Freundin für eine Desinteresse-Erklärung zuerst Schweigegeld entgegennimmt, um die Abmachungen hinterher zu brechen. Wurde Nef mit neuerlichen Attacken rückfällig, was im Umfeld der Frau Vergeltungsmassnahmen auslöste? Oder stehen politische Kreise dahinter, die den ungeliebten Wehrminister weiter destabilisieren wollen? Schliesslich: Warum stoppte die Staatsanwaltschaft überhaupt die Ermittlungen, obschon gravierende Vorwürfe im Raum standen? Da Nef den Anschuldigungen nicht entschlossener entgegentritt, muss davon ausgegangen werden, dass sie stimmen. Der pflichtversessene Erfolgsoffizier erscheint im Phantombild als Mann, der sich nach einer gescheiterten Beziehung als nächtlicher Stalker nicht mehr im Griff hatte. Noch zu einem Zeitpunkt, als er wissen musste, dass er Armeechef werden könnte, hämmerte er seine Belästigungs-Mails in den Computer. Die menschliche Natur bleibt rätselhaft.

Da Schmid auch deshalb niemals zurücktreten wird, weil seine Regierungskollegen der Blocher-SVP diesen Triumph nicht gönnen würden, erübrigt sich die Forderung danach. Die Mehrheit hält, wenn auch murrend, zu ihm. Die politische Mitte ist nicht an einem erzwungenen Abgang des von ihr gewählten Magistraten interessiert. Sogar die SP-Feministinnen schweigen gespenstisch, wo sie sonst mit Mahnwachen und Demonstrationen noch die geringfügigsten Verstösse im Männlichkeitsbereich bekämpfen. Unerklärlich bleibt, dass es der Überlebens- und Entfesselungskünstler Schmid überhaupt so weit hat kommen lassen. Man mag ihm vieles vorwerfen, ein Hasardeur ist er nicht. Seine Instinkte sind auf Machtabsicherung und Selbsterhaltung kalibriert. Als Prototyp des Herdengängers würde sich der Militärminister nie über wichtige Vorschriften hinwegsetzen. Möglicherweise hat er in der Akte Nef seine machiavellistische Neigung, Machtpositionen mit angeschlagenen und daher ungefährlichen Personen zu besetzen, bis über den Bruchpunkt hinaus strapaziert. Das «Sämi»-Prinzip schlug für einmal auf seinen Urheber durch. Faszinierenderweise wird er dennoch im Amt bleiben. Das schweizerische Regierungssystem belohnt Unfähigkeit eher als Exzellenz.

Ganz anders sieht es für den Armeechef mit dem Doppelleben aus. Roland Nef kam mit Überschallgeschwindigkeit nach oben, jetzt droht ihm der totale Absturz. Wie er der Schweiz und vor allem seiner eigenen Familie die absonderlichen Verwicklungen seines Falls erklären will, ist die schwierigste Führungsaufgabe seines Lebens. Einzelne Medien haben dem Ostschweizer «Männerfantasien» und «Sexismus» vorgeworfen, um ihre kleinkarierte Treppenhausneugier mit sozialpsychologischen Begriffen aufzurüsten. Freudig erregt weidet sich die Menge daran, einem als streberhaft geltenden Aufsteiger beim Untergang zuzusehen. Der Korpskommandant erlebt schmerzlich am eigenen Leib, was die Weltliteratur in ungezählten Werken zu ergründen versucht: Für den empfindsamen Mann kann sich die Liebe zur Höllenmacht auswachsen, zu einem «Wahn ohnegleichen», wie es Schopenhauer grimmig-heiter formulierte, «vermöge dessen ein solcher Verliebter alle Güter der Welt hingeben würde für den Beischlaf mit diesem Weibe - der ihm doch in Wahrheit nicht mehr leistet als jeder andere».

Das texanische Gitarrentrio ZZ Top trat letzten Mittwoch in der Festungsruine Hohentwiel auf einem erloschenen Vulkankrater bei Singen auf. Tausende von dunkel bemannten Lederjacken wippten im Takt der Südstaaten-Rocker, die seit 30 Jahren ihre unveränderte Corporate Identity mit wallenden Rauschebärten und synchronen Tanzeinlagen pflegen. In einer Welt des schnellen Wandels und der Zeitgeistforscher, die uns einreden wollen, man habe sich alle dreissig Sekunden neu zu erfinden, verkörpern sie den Ruhepuls des Seins in drei bis vier Akkorden. Die Gitarrentexaner liefern, formulierte ein Kollege, einfache Botschaften, ehrliche Musik und die Sicherheit, dass der Bart auch morgen noch dran ist. Der Mensch braucht Werte, an die er sich gegen alle Evolutionen klammern kann.

Die Festnahme des serbischen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic hat etwas Surreales. Der Mörderpoet des Jugoslawienkonflikts praktizierte zuletzt als Naturheiler in einem Belgrader Spital. Der Scharlatanismus bleibt Sehnsuchtsort und ewige Versuchung in der Politik.

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