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23.07.2008, Ausgabe 30/08

Farc in Europa

«Ein Leben im Dienst des Friedens»

Die Schweiz ist eine Drehscheibe der Farc in Europa. Anders als in der EU wird die kolumbianische Narco-Guerilla hier nicht als terroristische Organisation qualifiziert. Hilfswerke spielen eine wichtige Rolle bei der Terroristen-Propaganda.

Von Alex Baur

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Am 28. Juni 2007 erstattet «Lucas Gualdrón», der Vertreter der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) in der Schweiz, seinem Chef, «Camarada Raúl» Reyes, den wöchentlichen Arbeitsrapport. Nach einem «bolivarianischen und kommunistischen Gruss» kommt Gualdrón gleich zur Sache. Die Nachricht der elf Abgeordneten in Geiselhaft, die am 18. Juni im kolumbianischen Dschungel getötet wurden, hat in Europa die Runde gemacht.

Die Farc behaupten, die Parlamentarier seien bei einer Befreiungsaktion «von unbekannten Truppen im Kreuzfeuer» getötet worden. Tatsächlich wurden die Geiseln von ihren Wärtern kaltblütig ermordet, wie heute feststeht (siehe Weltwoche Nr. 29.08). Gualdrón ist mit der Berichterstattung der europäischen Medien zufrieden, welche die Dementis der kolumbianischen Regierung bezweifeln und die gezielte Desinformation der Farc mehrheitlich schlucken. «Es ist klar, dass [die Presse] indirekt [Präsident] Uribe anschuldigt, weil er dem Gefangenenaustausch nicht stattgegeben hat».

Professor Jean-Pierre Gontard aus Genf habe angerufen, rapportiert Gualdrón unter Punkt zwei, und er habe auch diesem klar gesagt: «Die Unnachgiebigkeit von Uribe ist schuld.» Gontard habe sich sehr bestürzt gezeigt und angekündigt, dass die drei «Vermittlerländer» (Schweiz, Frankreich, Spanien) voraussichtlich ein Communiqué verbreiten würden, in dem sie beide «Kriegsparteien» auffordern, das Leben der Geiseln zu respektieren, und die kolumbianische Regierung im Besonderen, «keine Aktionen zu veranlassen, die das Leben der Geiseln in Gefahr bringen könnten».

Nach einigen Interna aus der französischen Politik kommt Gualdrón unter Punkt fünf auf eine von Freunden organisierte Veranstaltung zum Thema «Gefangenenaustausch» in Kolumbien («intercambio humanitario») zu sprechen.

Der Anlass, an dem «rund 150 Personen vieler NGOs und Institutionen sowie einige Presseleute» teilgenommen hätten, sei ein voller Erfolg gewesen.

Punkt sechs betrifft «Genossin Manuela», eine Farc-Aktivistin, die offenbar an Krebs erkrankt ist, nicht mehr «arbeiten» kann und ein «Land sucht, wo sie sich frei von ökonomischen Sorgen gesundpflegen» will. Er sei bereit, Manuela zu helfen («darle una mano»), schreibt Gualdrón, damit sie in der Schweiz politisches Asyl erhalte.

Unter Punkt sieben erläutert Gualdrón schliesslich noch technische Probleme mit den Websites Redresistencia.org und Anncol.com. Der Internet-Auftritt der Farc soll mit multimedialen Elementen aufgepeppt werden. Allerdings gibt es (wieder einmal) Probleme mit dem Provider. Lucas Gualdrón will einen neuen Vertrag auf seinen eigenen Namen laufen lassen, der ja ohnehin «verbrannt» sei. Denn «offiziell weiss die Justiz hier ja, wer ich bin». Zu guter Letzt übermittelt der Farc-Emissär in der Schweiz Grussbotschaften von Angehörigen Reyes, die in Europa leben und die er offenbar betreut.

Das Mail - eines von Dutzenden dieser Art, die Lucas Gualdrón an seinen Chef Raúl Reyes im Dschungel an der kolumbianischen Grenze schickte - zeigt einen durchaus repräsentativen Querschnitt durch die Aktivitäten der Farc in der Schweiz. Daraus geht klar hervor, wie eng Gualdrón mit der im letzten März getöteten Nummer zwei der Farc zusammenarbeitete und welch wichtige Rolle die Schweiz als Drehscheibe der Europa-Aktivitäten der Narco-Guerilla spielte.

Ein halbes Dutzend verschiedene Pässe

Der Grund liegt auf der Hand: Im Gegensatz zu allen EU-Ländern qualifiziert die Schweiz die Farc nicht als terroristische Organisation und hat deren Aktivisten auch immer sehr grosszügig Asyl gewährt. Und: Die Schweizer Behörden waren - allen Dementis zum Trotz - offenbar über die Machenschaften Gualdróns im Bild und liessen ihn gewähren. Ein Thema für sich ist schliesslich die Rolle der Hilfswerke (NGOs) bei den internationalen Desinformations- und Propagandaktivitäten der Terrororganisation.

Lucas Gualdrón, der mit richtigem Namen Omar Arturo Zabala Padilla heisst, wurde am 11. Juli 1969 in der kolumbianischen Provinzstadt Bucaramanga geboren und studierte an der Universität von Antioquia. Gemäss kolumbianischen Polizeiquellen, die Zabala Padilla als «marxistischen Hardliner» einstufen, gibt sich dieser gerne als Professor für Philosophie und Literatur aus. Er soll in den 1990er Jahren als politischer Flüchtling in die Schweiz gekommen sein, wo er sich in Lausanne niederliess.

Mittlerweile verfügt er über eine «C-Bewilligung». Zeitweilig war der Kolumbianer mit einer Tochter des Farc-Capo Rodrigo Granda Escobar liiert, die mit ihrer Mutter ebenfalls als Flüchtling in der Schweiz lebt.

Gemäss denselben Quellen verfügt Zabala alias Gualdrón, der nach dem Tod von Reyes in der Hierarchie der Farc aufgestiegen sein dürfte, über ein halbes Dutzend Pässe mit verschiedenen Identitäten für seine Auslandreisen.

Im Herbst 2007 soll er letztmals unter falschem Namen via Ecuador oder Venezuela nach Kolumbien gereist sein. Zum Bild der Semi-Klandestinität passt auch seine Wohnadresse in Lausanne, an der er unter dem Namen einer albanischen Familie eingemietet war. Gualdrón braucht jeweils einen Offroader mit ZH-Nummernschildern, den ein in Zürich wohnhafter Kolumbianer für ihn eingelöst hat.

Ableger der Farc gibt es in fast allen europäischen Ländern. Doch die Gruppen mit Namen wie «Fighters and Lovers» (Dänemark), «Comité de Resistencia» (Deutschland) oder «Associazione nazionale Nuova Colombia» (Italien) geben sich als blosse Sympathisanten und stehen in der Regel, schon aus Sicherheitsgründen, bloss in einer indirekten Verbindung zur Zentrale. Lucas Gualdrón spielt gemäss den Polizeiquellen «bei 80 Prozent der Europa-Aktivitäten der Farc» die Rolle des Mittelsmannes: Er orientiert über laufende Aktionen, gibt Sprachregelungen, Themen und Kampfparolen vor und sammelt die Informationen aus den betreffenden Ländern.

In Grossbritannien und vor allem in Spanien verfügen die Farc über autonome Vertreter, welche direkt mit dem Sekretariat der Organisation in Verbindung stehen. Gemäss britischen Medienberichten wurden die Farc in der Vergangenheit von der Terrororganisation IRA mit Beratern unterstützt.

Recht gut belegt sind die Kontakte mit der baskischen ETA. Spanische Terroristen unterrichteten ihre kolumbianischen Genossen im Bau von Bomben, die mittels Handys gezündet werden. Tatsächlich sind die Farc in jüngerer Zeit vermehrt mit Bombenanschlägen in Erscheinung getreten. Die kolumbianische Polizei wertet den zusehends wahllosen Terror als Zeichen dafür, dass die Organisation militärisch mit dem Rücken zur Wand steht.

Als Friedensbotschafter positioniert

In einem nicht datierten Mail an Raúl Reyes berichtete ein gewisser «Iván» von Kontakten, welche die Farc in der Schweiz zu den türkischen Kommunisten der TKP-ML geknüpft hätten. Zwar wird im Mail ein möglicher Austausch von «Erfahrungen, Waffen und anderen Gebrauchsgütern» angesprochen, doch konkretere Angaben finden sich nicht. Die wichtigste Bedeutung Europas für die Farc ist eine andere: Hier finden sich zahlreiche linke oder kirchliche Hilfswerke und Organisationen, die sich - ob wissentlich oder nicht, aber jedenfalls breitwillig und völlig unkritisch - für Propagandazwecke einspannen lassen. Für viele Europäer gelten Guerillas als Idealisten, die, wenn auch vielleicht mit den falschen Mitteln, für eine an sich gerechte Sache kämpfen (siehe Kommentar auf der nächsten Seite).

So auch in der Schweiz. Den Farc ist es gelungen, sich in der linken Szene als Friedensbotschafter zu positionieren. Mehr als das: Das EDA unterstützt und finanziert Organisationen, die sich in der Schweiz für die Farc einsetzen. «Friedensförderung» nennt sich das offiziell. Das Aussenministerium begann vor sieben Jahren, Farc-Sympathisanten unter die Arme zu greifen: kirchliche Organisationen wie Caritas Schweiz, Fastenopfer, Heks, Swissaid oder Amnesty International. Ziel des Kooperationsprogrammes sei es, «die unterschiedlichen Erfahrungen und das akkumulierte Wissen zu Kolumbien der beteiligten Hilfswerke und NGOs zusammenfliessen zu lassen». Zu diesem Fundus gehört etwa auch die eher simple Erkenntnis, dass die aktive Beteiligung der Zivilgesellschaft am Verhandlungsprozess ebenso wichtig sei wie der Wille der Bewaffneten dazu. Im Klartext ist das ein massiver Vorwurf an die kolumbianische Regierung: Sie vertrete das Volk nicht, und deshalb müssten die Forderungen der Farc erfüllt werden. Damit behaupten die NGOs unterschwellig: Die Terroristen wollen den Frieden - doch die Regierung spielt nicht mit.

Da findet man viel Verständnis für Terrorbanden der Farc. So fanden am 6. März weltweit Veranstaltungen «gegen die Gewalt in Kolumbien» statt - auch in der Schweiz. Die Protestaktionen waren von den Farc initiiert worden, aus Anlass des Bomben-Raid gegen Reyes am 1. März. In den Hauptstädten der Welt marschierten Friedensbewegte durch die Strassen mit Bildern des Chefterroristen Reyes, auf denen geschrieben stand: «Comandante Raúl Reyes - una vida por la paz de Colombia («Raúl Reyes - Ein Leben für den Frieden in Kolumbien»).

Die Farc stossen auf Verständnis. Der Konflikt in Kolumbien, heisst es zum Beispiel in einem vom EDA finanzierten Papier, sei auf «ungelöste soziale, politische und kulturelle Probleme zurückzuführen». Die Guerilla, wird damit unterstellt, sei ein Produkt der sozialen Ungerechtigkeit. Dass es sich bei den Farc um eine Verbrecherbande handelt, wird verschwiegen. Die Hilfswerke betrachten die Zivilbevölkerung als Opfer, das in diesem Konflikt zwischen die Fronten geraten ist - als ob Kolumbien von einer Militärdiktatur regiert würde und Uribe nicht 80 Prozent der Bevölkerung hinter sich hätte, wie die letzten Wahlen gezeigt haben.

Alle bisherigen Artikel zum Thema im Dossier: Kolumbien - Farc - EDA

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 30/08
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