Eiger, Mönch und Roschacher
Zur falschen Zeit im richtigen Beruf
Still ist es, geräuschlos wie in der Klause eines Ordensbruders. Eine Zeitkapsel für einen Eremiten, weltabgewandt in der Innenschau. Nichts sehen will er und nichts hören ausser das «Ägyptische Konzert» von Camille Saint-Saëns und sein Ölbild auf der Staffelei. Valentin Roschachers Sinne sind gebannt von der farbgewaltigen Illusion in der Raummitte: ein Alpenpanorama in Öl, Eiger, Mönch und Roschacher - er, der Maler, als Jungfrau.
Roschacher und das Malen, das ist die Geschichte von der Unbefleckten Empfängnis. Denn Maler war er im Grunde schon immer. Als Kind eines künstlerischen Elternhauses gewinnt er einen Zeichenwettbewerb der Stadt Zürich, sein Vater, ein Jurist, malt hobbymässig; in der Klosterschule Einsiedeln erlaubt ihm der Pater, im Griechischunterricht zu zeichnen, statt Grammatik zu pauken; in der Studentenverbindung nennen sie ihn «Dalí». Roschacher ist Maler - war früher Zeichner - seit er die Welt mit eigenen Augen sieht.
Darüber will der 48-Jährige in seinem Atelier in Adliswil reden, über alles andere nicht. Wenn er sich vor dem Fotografen inszeniert, souverän natürlich, kameraerfahren, möchte er wissen: «Ist der Gipfel auf dem Bild?» Eine durchaus berechtigte Frage. Denn im Anschluss an sie liefert Roschacher als Erklärung sein Lebenscredo nach: «Der Gipfel», sagt der Kunstmaler, «der Gipfel ist das Eigentliche.» Hier also steht einer, der, als es nach oben nicht mehr weiterging, ins Gebirge stieg und dort den Maler in sich freigrub wie einen Edelstein. Mit diesem Schatz will er es nun nach ganz oben schaffen. «Ich will der beste Schweizer Bergmaler dieses Jahrhunderts werden», sagt er seinen Freunden.
Roschacher ist ein Gipfelstürmer, und Roschacher hat eine neue Obsession. Seit zwei Jahren jagt er nicht mehr in Bogotá das organisierte Verbrechen, sondern in seinem Atelier im Sihltal oder in seinem Chalet in Mürren die Farben, das Licht, von morgens acht Uhr bis abends acht Uhr. Zu Mittag gönnt er sich Kaffee, ein, zwei Zigaretten «und vielleicht ein Stück Brot». Die Selbstkasteiung dient einem höheren Ziel: Er «muss» malen, muss lernen, muss besser werden und noch besser. Er liest sich durch Berge von Autobiografien und Fachliteratur, Farbtheorie, Formlehre, Kompositionslehre, die Farbenlehre von Goethe, Schopenhauer, Johannes Itten, er ist und war schon als Jus-Student vornehmlich Autodidakt. «Ich lerne schneller durch Lesen als durch Zuhören.»
Das Eigenstudium, meint Roschacher, habe überdies den entscheidenden Vorteil, nicht von den Glaubensbekenntnissen und Motiven anderer infiltriert zu werden. Doch ist das tatsächlich so? Oder soll man sein Verhalten vulgärpsychologisch so deuten, dass hier ein alter Vater-Sohn-Konflikt ausgetragen wird? Valentin Roschachers Vater, «ein glühender Cézanne-Verehrer», ist Roschachers heftigster Kritiker - und im Gespräch auch als Abwesender anwesend wie keiner. Ihm war der Weg verwehrt, den jetzt der Sohn geht, Roschacher senior wollte Kunstmaler werden, seine Eltern erwarteten, dass er studiert, ziviles und öffentliches Recht. In der Erinnerung des Sohns ist er als Vater (zumal in frühen Jahren), «hart, apodiktisch und final», korrigiert die Briefe des Gymnasiasten mit Rotstift und erzieht seine drei Kinder dazu, keine Fehler zu machen.
Heute spricht Roschacher davon, von seinem Vater gelernt zu haben, «zu meinen Grundsätzen zu stehen», eine «Linie» zu haben - und das hilft dem Maler ganz ohne Frage. Doch das Lineare zieht sich bei ihm durch alle Lebensbereiche, wurde zur grossen, existenziellen Metapher. Roschacher, der Linientreue (oder Sture, je nach Standpunkt), ist einer, der an «Anstand, Vernunft, Toleranz» glaubt wie an einen Katechismus. Ohne Interpretationsspielraum, absolut.
Anstand, Vernunft, Toleranz. Man kann diese Dreifaltigkeit heute mit der Formel «Eiger, Mönch und Jungfrau» übersetzen. Denn weshalb malt da einer seit zwei Jahren ausschliesslich Berge? Gipfel um Gipfel, im Berner Oberland, im Engadin? In der Natur nimmt Valentin Roschacher Werte wahr, die er in der schweizerischen Gesellschaft so nicht mehr finde, sagt er (auf seiner Homepage, im Gespräch versucht er zu differenzieren). «Ich steige hinauf in die Bergwelt und spüre edle Kraft, Vernunft, Respekt, Solidarität und Anstand.»
Roschacher ist angetreten, vergessene Werte anzumahnen, sie aus dünner Luft nach unten zu holen, in die Niederungen menschlicher Eitelkeiten und Dünkel. Und damit ihm das Abbild perfekt gelingt und er als Maler dem erhabenen Sujet gerecht wird, frisst er sich beispielsweise zum Thema Indischgelb «mit Wonne und Lust» durch ganze Bibliotheken. Und als er feststellt, dass sein liebstes Dunkelblau, Preussischblau, nicht lichtbeständig ist, liest und forscht er so lange, bis er einen tauglichen Farbwert als Ersatz hat. Er findet ihn im Pariser Blau oder Indigo.
Der jungfräuliche Maler ist auch in seinem zweiten Leben die Zielstrebigkeit in Person. Und die Latte legt er sich typischerweise so hoch wie irgend möglich: In den nächsten fünf Jahren will er von seiner Kunst leben können. «Ich muss Erfolg haben», sagt er und lässt dabei dunkle Erinnerungen wach werden. Genau so nämlich liess er sich für die Schweizer Illustrierte als frisch gewählter Bundesanwalt zitieren. Nur dass es damals darum ging, «der Mafia die Suppe zu versalzen». Und weil es ihm ernst war, liess sich der Terminator nicht entblöden, in eine Küchenschürze gewickelt dem Bösen mit dem Kochlöffel zu drohen.
Die Episode ist Salz in die Wunde von Roschacher. Und deshalb ist es barmherziger, uns den gewesenen Star-Koch als kommenden Star-Maler vorzustellen. Denn Roschacher malt seit zwei Jahren an immer demselben Bild, an der Vervollkommnung des «absolut Wahren». Er ist ein Faust, dazu berufen, sich für seine Erkenntnis mit den Göttern anzulegen. Er ist bestimmt, für das Gute, das Schöne und das Wahre in den Kampf zu ziehen. Sie zu erlangen ist ihm gemäss eine Frage der Selbstdisziplin: «Die wichtigsten Voraussetzungen für einen Künstler sind Leidenschaft, Ehrlichkeit und Fleiss.» Valentin Roschacher, keine Frage, ist im Besitz dieser drei Voraussetzungen, sein Erfolg liegt dieses Mal buchstäblich ganz in seiner eigenen Hand.
Selbstüberhebung hin, Ehrgeiz her: Gut, schön und wahr sind seine Bilder in der Tat. Roschacher ist ein Maler mit Talent. Mit überdurchschnittlichem Talent sogar. Dass er bereits nach der ersten Ausstellung in seiner Berner Galerie alle Bilder verkauft hat, müsste dafür noch kein Beweis sein. Doch in diesem Fall ist es das. Die Käufer sind nicht nur alte Freunde aus dem Vorleben des Künstlers als Bundesanwalt, sondern Sammler, die vornehmlich im Ausland leben und sich an Bergmotiven freuen. Seine Gemälde kosten inzwischen je nach Format bis zu 25 000 Franken. Wenig ist das nicht.
Die gegenständliche Alpenheroik mag auf den ersten Blick unmodisch wirken, doch in Tat und Wahrheit entspricht sie dem Zeitgeist perfekt. Auf dem internationalen Kunstmarkt boomt die gegenständliche Malerei wie lange nicht mehr, man ist der Abstraktion müde. Wer heute einen Roschacher kauft, der kann sicher sein, in einen Wert zu investieren und für gutes Geld einen guten Techniker zu erwerben. Die Lichtführung auf seinen Bildern ist tadellos, die Dramatisierung des Bildraumes über motivische Aspekte, Grate, Gipfel, Felsabbrüche, Schründe vorbildlich. Und wer guten Willens ist, erkennt im noch jungen Werk bereits etwas von Hodler oder Segantini oder eine atmosphärische Qualität eines van Gogh: Roschachers Farbauftrag, die Strukturierung der Farbflächen und die Feinheit und Akribie des Striches sind in der zeitgenössischen Bergmalerei der Schweiz selten erreicht.
Natürlich ist Valentin Roschacher ein Besessener, ein Pedant für den, der will, und das ist nicht zu übersehen. (Es gibt im Sprachgebrauch für den Pedanten ein Pendant, ein Synonym, es heisst, wohl nicht zufällig, «Pinsel».) Roschacher ist dieser «Pinsel» hinsichtlich seiner Technik: Um möglichst genau, sprich: möglichst wahr zu sein, malt er bisweilen mit nur einem Haar. Er zupft die Pinsel eigenhändig zurecht, lichtet ein handelsübliches Werkzeug aus, bis es seiner Vorstellung eines tauglichen Arbeitsinstruments entspricht. Mit seinem Ein-Haar-Pinsel pinselt er, wenn er schnell ist, jeden Tag eine Fläche von fünf bis acht Quadratzentimetern - um sie bei Missfallen abends mit dem Spachtel wieder sauberzukratzen, auch das kommt vor. Man könnte dieses Verhalten kleinlich, wenn nicht klinisch nennen - seine Manie, die Wahrheit beziehungsweise sein Bild absolut zu setzen - und dem Künstler eine Therapie anempfehlen. Doch seine Quasi-Haarspalterei bringt ihm Kunden in Massen. Der Künstler könnte, wenn er wollte, seine Bilder noch feucht ab Staffelei verkaufen.
Roschacher ist ein von seiner Mission Hingerissener, was immer diese Mission ist. Das klingt plausibel. Doch romantischer ist folgender Erklärungsversuch, zumal für einen Maler mit einem romantischen Blick. Ebenso wie er als Bundesanwalt möglicherweise der falsche Mann mit den falschen Methoden in einem Amt mit falschen Prioritäten war, lebt er heute, zwei Jahre später, mit der richtigen Bestimmung - im falschen Jahrhundert.
Gustave Caillebotte ist ein Mann des 19. Jahrhunderts, und sein Name lässt Roschachers Gesicht wie ein Alpenfirn glühn. Caillebotte ist sein Vorbild, sein Idol. Nicht nur als Maler des Lichts, sondern auch als Förderer der französischen Impressionisten, als geistige und materielle Stütze der künstlerischen Gesellschaft jener Zeit. Das Pikante dabei: Caillebottes finanzielle Sicherheit gründete darauf, dass er bereits im Alter von 25 Jahren seinen wohlhabenden Vater beerben konnte, einen Juristen. Mit diesem Geld unterstützte Caillebotte zwar seine Künstlerfreunde, verbürgt ist aber auch, dass sich der Erbe als Dandy inszenierte und einem durchaus irdischen Lebenswandel samt sinnlichen Vergnügungen nachging.
Ein erster Schritt in Caillebottes Fussspuren ist Roschacher bereits geglückt: Mit seiner Lebenspartnerin hat er diesen Februar eine Handelsgesellschaft für Kunstgegenstände gegründet. «Ich möchte auch junge Künstler fördern. Und ich will ein Zeichen setzen, dass ich mit der Juristerei abgeschlossen habe.» Roschachers Kampf um Glaubwürdigkeit ist ein Kampf um Anerkennung, egal, was er tut. Wenn man ihm den Erfolg als Maler kaufen könnte, man würde es tun. Nur schon deswegen, weil man ahnt: Dieser Mann wird sich mit den Makeln seines Menschseins erst auf dem Gipfel versöhnen.
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