Fall Roduner

«Irgendeinmal ist genug»

Untersuchungsrichter Ernst Roduner, seit Jahren betraut mit den Dossiers Hells Angels und Oskar Holenweger, trat «aus gesundheitlichen Gründen» zurück. Recherchen zeigen, dass die Vorgesetzten endlich Resultate sehen wollten. Das Bundesstrafgericht zog die Notbremse.

Von Philipp Gut

Das Communiqué war knapp. Vergangene Woche teilte das Bundesstrafgericht in Bellinzona mit, dass der eidgenössische Untersuchungsrichter Ernst Roduner seine Demission eingereicht habe. Er verzichte «aus gesundheitlichen Gründen» und «ab sofort» auf die Weiterführung der «pendenten Verfahren».

Der Rücktritt kommt überraschend. Erst am 29. April wurde Roduner, der sich wegen finanzieller Vorteile per Ende Mai frühzeitig pensionieren liess, vom Bundesstrafgericht als ausserordentlicher Untersuchungsrichter gewählt, um die erwähnten «pendenten» Voruntersuchungen «zum Abschluss zu bringen».

Die beiden Verfahren sind brisant: Das eine betrifft die Hells Angels, das andere den Bankier Oskar Holenweger (siehe Kasten rechts). Beide Untersuchungen laufen seit Jahren; Resultate, die zu einer Einstellung oder zu einer Anklage führen könnten, sind nicht in Sicht.

Noch vor drei Wochen tönte es ganz anders: «Ermittlungen gegen Holenweger vor Abschluss», titelte die Neue Zürcher Zeitung. Der Weltwoche sagte Roduner damals, es sei das «Ziel», die Untersuchung bis «spätestens im Herbst abzuschliessen», denn: «Irgendeinmal ist genug.» Die im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Ankündigungen haben sich als leer erwiesen nicht zum ersten Mal. Roduner stellte seit dem Jahr 2005 mehrfach das nahe Ende der Holenweger-Untersuchung in Aussicht, um regelmässig an den gesteckten Zielen zu scheitern.

«Irgendeinmal ist genug», das dachten jetzt offenbar auch Roduners Vorgesetzte. Recherchen der Weltwoche bestätigen Indizien der Sonntagszeitung, dass interner Druck im Bundesstrafgericht zur Demission des erfolglosen Ermittlers führte. (Die offiziell genannten «gesundheitlichen Gründe» müssen deshalb nicht falsch sein: Sie sind wohl psychischer Art und eine Folge des steigenden Drucks. Roduner selber sagt, dass es «nichts mehr zu sagen gibt». Seine «Krankengeschichte» sei «reine Privatsache».)

Offiziell bestätigen will den Sachverhalt zwar niemand, weder Gerichtspräsident Alex Staub noch Jürg Zinglé, der Leiter des Untersuchungsrichteramts (URA). Staub sagt aber: «Dass ein gewisser Druck bestand, weil das Verfahren schon länger dauert, ist augenscheinlich.» Es müsse nun «wirklich vorwärtsgehen».

Wie verlässliche Quellen berichten, soll Staub von Roduner endlich zählbare Resultate verlangt haben. Sonst, so die Drohung, würde Roduner nicht wiedergewählt. Sein Vertrag läuft nur bis Ende September. Von der bei der Anstellung ins Auge gefassten «Verlängerungsmöglichkeit» wollte das Bundesstrafgericht offensichtlich keinen Gebrauch machen. Um diesem unrühmlichen Karrieren-Ende zuvorzukommen, hat Roduner nun, so ein Insider etwas flapsig, «krank genommen».

Es wäre nicht das erste Mal. Ganz ähnlich verlief Roduners Abgang als Oberrichter im Aargau, an seiner letzten Stelle vor der Wahl zum eidgenössischen Untersuchungsrichter. Auch damals ging es um eine Wiederwahl, auch damals stand sie auf der Kippe, auch damals liess sich Roduner kurzfristig krankschreiben. Auf Antrag der FDP-Fraktion und aufgrund von Vorwürfen, die seine Eignung als Oberrichter in Frage stellten, wurde Roduners auf den 16. Mai 2001 festgesetzte Wahl auf den 4. September verschoben. Zuerst sollten die Vorwürfe gegen ihn geklärt werden.

Verletzung des Amtsgeheimnisses

Roduner ergriff die Flucht nach vorne: Er beantragte ein Aufsichtsverfahren der grossrätlichen Justizkommission gegen sich. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus ImUntersuchungsbericht vom 22. Juni 2001 heisst es: «Die Mehrheit der Justizkommission stellt fest, dass gestützt auf die untersuchten Fakten erhebliche Gründe bestehen, welche eine Nichtwahl von Dr. Roduner rechtfertigen. Gestützt darauf beantragt sie dem Grossen Rat, von einer Wiederwahl von Dr. Roduner abzusehen.»

Als er Kenntnis vom negativen Antrag der Kommission erhielt, wurde Roduner krankgemeldet. Im August verkündete der Obergerichtspräsident, dass er demissioniert habe. Dank der Intervention seiner Partei, der SP, wurde Roduner ins bereits laufende Auswahlverfahren des Bundesstrafgerichts aufgenommen. Im November 2001 wurde er gewählt.

Die Verfehlungen, welche die Aargauer Justizkommission namhaft machte, spielten bei Roduners Karrieresprung auf die eidgenössische Bühne keine Rolle. Dabei zeigen auch sie Parallelen zu Roduners Vorgehensweise als Untersuchungsrichter. «Erheblich belastend», so die Kommission, sei neben der «unkorrekten Behandlung» von Mitarbeitenden und Kollegen der Umstand, dass Roduner «sein Amt als Oberrichter für private Zwecke missbraucht und eine Amtsgeheimnisverletzung begangen hat». Angesichts seiner «Persönlichkeitsstruktur» sei unklar, «ob er in der Lage ist, generell gewisse Verhaltensweisen zu ändern».

So ist es gekommen: Amtsgeheimnisverletzungen werden auch im Fall Holenweger vermutet, und eine Zeugin reichte Beschwerde ein, weil sie sich bei der Befragung durch Roduner bedroht fühlte. Die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts hielt fest: «Ein solches Verhalten ist wohl als eher ungebührlich zu qualifizieren.»

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|


weitere Ausgaben