Editorial Roger Köppel

Gontard

Die Schweizer Aussenpolitik bleibt ein Sicherheitsrisiko. Aristoteles und Bundesbern. Othello in St. Moritz.

Von Roger Köppel

Bizarr bleibt die Rolle des Schweizer Sondergesandten Jean-Pierre Gontard in Kolumbien. Die Weltwoche enthüllte in ihren letzten beiden Ausgaben, dass der im Auftrag unseres Aussendepartements (EDA) zwischen der Regierung in Bogotá und den Geiselnehmern der Farc operierende Lehrbeauftragte aus Genf möglicherweise allzu grosse Sympathien für die linken Drogen-Guerilleros hegte. E-Mails eines führenden Farc-Funktionärs nährten zudem den Verdacht, der Schweizer habe sich gegen den Willen des kolumbianischen Präsidenten und ausserhalb seines Mandats an illegalen Lösegeldtransfers beteiligt. Gontards Vorgesetzte in Bern dementierten die Vorwürfe umgehend. Amtsvorsteherin Micheline Calmy-Rey bezeichnete die Recherchen unseres Reporters Alex Baur in einem Tages-Anzeiger-Interview als «lächerlich». Obschon die kolumbianische Justiz den Schweizer Sondergesandten wegen «Teilnahme an einer kriminellen Organisation» vor Gericht bringen will, streut das Aussendepartement weitere Entwarnungen. Gontard sei kein Geldbote der Kokain-Brigaden gewesen, er habe seinen Auftrag insgesamt hervorragend ausgeführt.

Tatsächlich? Die EDA-Dementis könnten sich als überstürzt erweisen. Neue Recherchen Alex Baurs in dieser Ausgabe verstärken die Vermutung, dass der Schweizer Unterhändler tiefer in die Farc-Operationen verstrickt war, als seine Auftraggeber wahrhaben wollen. Die E-Mail-Korrespondenz aus dem Farc-Computer erwähnt den Sondergesandten mehrfach im Zusammenhang mit Lösegeldzahlungen. Auf einzelne Anfragen sind sogar verfängliche Antworten des Genfer Dozenten belegt. Selbst wenn man die von Interpol als Beweismittel anerkannten Dokumente nicht als zweifelsfreie Belege akzeptieren will: Die EDA-Verantwortlichen um Bundesrätin Calmy-Rey sollten sich schleunigst um eine lückenlose Aufklärung der Situation bemühen, anstatt sie dauernd schön- und kleinzureden.

Wo eigentlich liege der Skandal, wenn sich ein Schweizer Emissär im Dschungel einer international geächteten Terroristenbande andiene, fragten abwiegelnd mehrere Schweizer Zeitungen übers Wochenende. Ganz einfach: Die Schweiz kann es sich schlicht nicht leisten, das fragile Kapital ihrer aussenpolitischen Glaubwürdigkeit durch Aktivisten im ideologischen Hochrisikobereich zu ruinieren. Diplomatische Solotänzer mit wirren weltanschaulichen Missionen schaden nicht nur dem Ansehen des Landes, sondern auch seinen vitalen ökonomischen Interessen. Es wird allzu leicht vergessen: Neutralitätspolitik ist Abstinenzpolitik, aussenpolitische Zurückhaltung, Bescheidenheit. Ihr Ziel ist es erstens, die Schweiz aus fremden Konflikten herauszuhalten, um ihr, zweitens, durch gute Beziehungen mit möglichst vielen Ländern Wertschöpfungschancen auf dem Weltmarkt zu eröffnen. Die Kolumbien-Aktion des EDA hat einen Trümmerhaufen produziert.

Micheline Calmy-Rey wird sich mit eisernem Charme auch aus dieser Krise lächeln. Selbstzweifel wären produktiver. Die Akte Gontard passt fugenlos zur Schadensbilanz ihrer «aktiven Neutralitätspolitik», die zu viel Wind macht. Es ist kein Geheimnis, dass sich die Aussenministerin von jugendlichen Weltrettungsträumen angezogen fühlt. Ihre geopolitischen Interventionen brüskierten wiederholt die Amerikaner und stiessen die Israelis vor den Kopf. Der naive Drittweltismus scheint der Bundesrätin auch den Blick zu verstellen auf die Vorgänge im kolumbianischen Dschungel. Dass ein offizieller Schweizer Unterhändler weithin als dienstfertiger Gehilfe einer schwerstkriminellen Terroristentruppe wahrgenommen wird, hat auch damit zu tun, dass man unserer Aussenpolitik inzwischen Dinge zutraut, die man früher für verrückt gehalten hätte.

Dank einem Theologie-Studenten aus Frutigen erreicht mich folgendes Aristoteles-Zitat, das bereits in vorchristlicher Zeit die Mechanik der Schweizer Demokratie erfasste, wie sie sich seit einigen Monaten geradezu handgreiflich offenbart: «Zufolge des Übermasses aber liegt dann eine Ursache für Aufruhr vor, wenn entweder einer oder mehrere in der Macht grösser dastehen, als es dem Staat entspricht und der Macht der Staatslenkung. Denn aus derartigen Umständen pflegt eine Alleinherrschaft zu entstehen oder eine Dynastenherrschaft. Daher pflegt man auch mancherorts zu ostrakisieren, wie etwa in Argos und in Athen. Und doch ist es besser, von Anfang an darauf zu achten, dass es gar nicht zu Leuten kommt, die in einem solchen Grade ein Übermass haben, als später, wenn man das schon zugelassen hat, eine Heilung der Situation vorzunehmen» (Aristoteles, «Politik», Reclam-Ausgabe, Seite 250). Prägnanter ist die Blocher-Abwahl von einem griechischen Philosophen nie beschrieben worden.

Kürzlich sahen wir am St. Moritzer Opernfestival eine «Othello»-Inszenierung nach Gioachino Rossini. Der Tragödienstoff ist gewaltig, von Shakespeare auf die Theaterbühne gebracht, von Orson Welles niederschmetternd verfilmt. Die Handlung: Der siegreiche schwarze Feldherr Othello marschiert im Triumphzug in Venedig ein, um seine geliebte Desdemona, blond, weiss, Tochter des Establishments, an den Traualtar zu führen. Der leichtgläubige Truppenführer allerdings sieht sich alsbald in ein Intrigenspiel verstrickt, das sein Untergebener Jago mit abgrundtiefer Dämonie genial orchestriert. Gekränkt, möglicherweise neidisch auf den Erfolg des Feldherrn, treibt Jago diesen in Raserei und Eifersucht. Am Ende ermordet Othello seine Geliebte und tötet dann sich selbst.

Das Beunruhigende an Shakespeares Figur des hasserfüllten Intriganten ist der Umstand, dass der Autor die kriminelle Energie nicht lebensweltlich oder psychologisch erklärt. Jago ist nicht das Opfer früherer Kränkungen, sondern er verkörpert die ansatzlose Kreativität des Bösen, das aus sich selbst heraus entsteht. Leider litt die musikalisch hervorragende St. Moritzer Inszenierung unter dem forcierten Kunstwollen des deutschen Regietheaters, so dass die Tiefendimension des Stoffs nicht richtig fühlbar wurde. Die Hauptfiguren trugen gelbe und blaue Kampfsportkostüme. Das alte Venedig wurde zum imaginierten Militärstaat umgebaut. Die Tragödie «Othello» hätte als soziologisch aufmunitioniertes Thesenstück vermutlich den Intellekt des Publikums bezaubern sollen. Schade. Die pseudofortschrittliche Adaption des Klassikers kam ans Original nicht heran. Man sollte sich die wirklich beeindruckende Filmversion von Orson Welles besorgen.

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