Am Tag nach Erscheinen dieses Interviews beginnt über die Swisscom der Rollout des Apple iPhones in der Schweiz. Können Sie liefern?
Wir sind bereit für die iPhone-Einführung am 11. Juli und haben für den Start genügend Geräte. Lieferengpässe kann man aber in den kommenden Wochen nie ausschliessen.
In den Swisscom-Shops hat jedoch niemand eine Ahnung, wie viele Geräte sie geliefert bekommen.
Keine Sorge, unsere Shops werden rechtzeitig mit einer ausreichenden Stückzahl für den Verkaufsstart beliefert.
Wieviele Verkäufe haben Sie im ersten Jahr budgetiert?
Sie wissen, dass ich darauf leider keine genaue Antwort geben kann. Es sind aber schon ein paar zehntausende.
Herr Schloter, wir feiern zehn Jahre Liberalisierung im Telekom-Markt. 1998 wurde das PTT-Monopol abgeschafft. Ein Grund zum Feiern?
Die Schweiz ist heute hervorragend mit Kommunikationsinfrastruktur und ausgestattet. Wir sind beispielsweise das einzige Land, das es sich leisten kann, die Breitbandtechnologie in die Grundversorgung aufzunehmen. Die kaufkraftbereinigten Preise für Telekom-Dienstleistungen befinden sich im internationalen Vergleich im unteren Drittel. Uns geht es gut.
Uns vielleicht schon. Die Swisscom hat aber innert zehn Jahren gewaltig Federn gelassen.
Es liegt in der Natur der Liberalisierung, dass der Monopolist verliert. Die Swisscom hat massiv Marktanteile verloren, je nach Geschäftsbereich bis zu 40 Prozent.
Und hat das Personal massiv abgebaut.
Auch das. Rund ein Drittel der Belegschaft, also 7000 bis 8000 Arbeitsplätze.
Auch der Umsatz der halbstaatlichen Swisscom schmolz dank Liberalisierung wie Schnee an der Sonne.
Pro Jahr haben wir seit 1998 rund eine halbe Milliarde Franken weniger Umsatz gemacht. Wir konnten und können diesen Verlust jedoch auffangen, indem wir in neue Geschäftsbereiche expandieren. Breitband-Services etwa oder auch Datenübertragung im Mobilfunk und Informatikdienstleistungen bringen uns inzwischen zusammen knapp 400 Millionen Franken Umsatz und kompensieren den Umsatzverlust zumindest teilweise.
Finden Sie, die Swisscom hat die Liberalisierung gut bewältigt?
Es ist immer heikel, das eigene Unternehmen zu beurteilen. Tatsache ist, dass wir im Vergleich zu ausländischen Ex-Monopolisten relativ hohe Marktanteile halten konnten. Das hat damit zu tun, dass Schweizer Kunden grossen Wert auf eine Topversorgung legen, die wir mit unserer Infrastruktur auch bieten können. Die Schweizer Bevölkerung ist auch bereit, für Qualität ein Premium zu bezahlen. In den Märkten im Ausland ist das weniger der Fall. Dort läuft vieles über den Preis.
Was haben wir davon ausser höhere Preise?
Das führt beispielsweise dazu, dass wir in der Schweiz über eine enorm gute Mobilnetzqualität verfügen.
Haben sich die Erwartungen der Swisscom bezüglich Liberalisierung erfüllt?
In einigen Bereichen waren wir durchaus innovativ. Da haben wir höhere Marktanteile, eine bessere Wirtschaftlichkeit erreicht als vergleichbare Unternehmen in Europa.
Wo?
Zum Beispiel im mobilen Datengeschäft, oder auch unsere Partnerschaft mit M-Budget ist innovativ. Der Vorstoss ins Informatikgeschäft war ebenfalls ein Erfolg.
Alles rosarot also?
Das nicht. Wir haben ja teilweise massiv Kunden an die Kabelanbieter verloren. Ich spreche nicht nur von Cablecom, sondern auch von den kleinen städtischen Anbietern. Gewisse städtische Netzbetreiber erreichen Marktanteile von über 50 Prozent. Die machen einen sehr guten Job. Da müssen wir dagegenhalten und in eine leistungsfähige Infrastruktur investieren.
Auf welche Technologie setzen Sie bei diesem Ansinnen?
Vor allem auf das Glasfaserkabel. In den vergangenen Jahren haben wir immer mehr Kupferleitungen durch Glasfasern ersetzt. Jetzt folgt der kritische Schritt, nämlich die Glasfaser auch auf der letzten Meile für den Privatkunden einzusetzen. Das Kupferkabel zwischen privaten Endverbrauchern und den Ortszentralen soll dabei durch Glasfasern ersetzt werden.
Was bringt das dem Privatkunden?
Die Glasfaser ist über zwanzigmal leistungsfähiger als die herkömmlichen Kupferleitungen, wie sie der Kunde heute als Telefon- und TV-Anschluss kennt. Die Zukunft liegt klar bei der Glasfasertechnologie, und die Swisscom ist mit ihren Plänen für die Substitution von Kupfer durch Glasfaser relativ früh dran. Aber auch die Kabelanbieter werden in Zukunft das von ihnen heute benutzte Koaxialkabel durch Glasfasern ersetzen wollen.
Sie reden von der Swisscom und den Kabelanbietern. Einer ihrer härtesten Konkurrenten ist aber Sunrise. Was ist mit denen?
Ich kenne die Strategie von Sunrise nicht. Es stellt sich die entscheidende Frage, ob Sunrise überhaupt bereit ist, selber in Glasfaserleitungen zu investieren.
Die Swisscom bietet Ihren Konkurrenten ja freiwillig eine Kooperation beim Bau eines flächendeckenden Glasfaserkabelnetzes an.
So ist es. Wir bieten diese Kooperation sämtlichen Anbietern an, die selber in Glasfaserkabel investieren möchten. Dazu müssen wir aber vor allem auch die Hausbesitzer mit ins Boot bekommen. Wir wollen ihnen eine nachhaltige und langfristige Lösung für ihre In-House-Verkabelung bieten. Denn wenn die Hausbesitzer schon ihre Wände aufreissen müssen, um neue Kabel zu verlegen, dann soll sich das für sie auch lohnen. Andernfalls könnte es geschehen, dass sie alle fünf Jahre neue Leitungen verlegen müssten. Das will kein Hausbesitzer.
Das müssen Sie erklären.
Wir brauchen ein standardisiertes System, an das der Mieter Telefon, Internet und Fernsehen anschliessen kann. Das ist die grosse Veränderung zu heute, wo wir über zwei proprietäre Systeme, nämlich Kabel- und Telefonanschluss, verfügen. Dabei soll nicht nur eine Faser pro Leitung, sondern gleich vier Fasern verlegt werden. Der Wettbewerber, der die Leitung verlegt, nutzt eine Faser für seine eigene Dienstleistung und verkauft die anderen drei Fasern an Konkurrenten. So ist sichergestellt, dass auch nach Jahren ein neuer Anbieter Zugang zum Endverbraucher erhält.
Wer soll das alles dann bezahlen?
Zunächst: Vier Fasern anstatt eine einzige zu legen, birgt kaum Mehrkosten. Wir schlagen vor, dass die Kosten des Leitungsbaus zwischen den involvierten Anbietern aufgeteilt werden. Das betrifft insbesondere das Verlegen der Leitungen in den Kanalisationen und die Verkabelung zu den Häusern selber. Dieses System mit den vier Fasern hat den Vorteil, dass eine Strasse nur ein einziges Mal aufgerissen werden muss.
Das klingt möglicherweise ja ganz vernünftig. Einige Mitbewerber sagen aber: Ex-Monopolist Swisscom will sich bloss wieder ein neues Monopol errichten. Können Sie diese Skepsis persönlich nachvollziehen?
Nein. Die meisten Anbieter sind an diesem Vorschlag sehr interessiert. Wir werden sehen, wie es funktionieren wird. In den nächsten Monaten starten wir Pilotprojekte in verschiedenen Städten. Wir teilen die Gebiete auf. Jeder Anbieter erschliesst dann nach diesem Vorschlag seinen eigenen Teil, erhält aber über das Vier-Fasern-System Zugang zum gesamten Netz.
Elektrizitätswerke beispielsweise sind gegen diesen Vorschlag.
Einige von ihnen wollen nur eine Faser verlegen, das stimmt. Sie wollen die Faser nicht an einen Anbieter verkaufen, sondern vermieten, und sie würden so in ihrem Gebiet ein Monopol in die Hand bekommen.
Warum müssen es vier Kabel sein?
Wir glauben nicht, dass mehr als vier Anbieter pro Lokalität in eine Infrastruktur investieren können. Diese Infrastruktur beinhaltet ja nicht nur das Verlegen des Kabels, sondern in erster Linie die Elektronik am Ende des Kabels. Dort wird sich dann auch der effektive Wettbewerb unter den Anbietern abspielen.
Sunrise schlägt dagegen vor, dass das Glasfasernetz in eine staatlich gelenkte Firma ausgelagert wird. Was halten Sie davon?
In diesem Fall werden die gesamte Infrastruktur und die Technologieentscheide nicht mehr durch den Wettbewerb bestimmt, sondern durch staatliche Vorgaben. Davon hängt aber ab, welche Leistung der Kunde erhält.
Sie preisen die Glasfaser als Wunderwerk, und Swisscom budgetiert Gesamtinvestitionen in die Infrastruktur von acht Milliarden Franken in den kommenden Jahren. Ist so viel Euphorie gerechtfertigt?
Beim heutigen Stand der Technik lässt sich über ein Glasfaserkabel rund ein Gigabit pro Sekunde übertragen, also etwa zwanzigmal mehr, als das beim Kupferkabel möglich ist. Eigentlich ist die Kapazität der Glasfaser aber praktisch unbeschränkt. Sie ist abhängig von der Elektronik am Ende des Kabels. Aus diesem Grund ist es auch so wichtig, dass der Wettbewerb spielt. Nur so kann das technologische Potenzial voll ausgeschöpft werden. Für den Wirtschaftsstandort Schweiz ist die Qualität der Telekom-Infrastruktur von grösster Bedeutung.
Warum errichten Sie statt ihrem Wettbewerbsmodell nicht einfach ein neues Monopol? Das wäre für den Staatsbetrieb Swisscom ökonomisch lukrativer.
Weil wir sonst voll in den Regulationshammer hineinlaufen würden. Preise und Technologien würden von der Politik vorgeschrieben werden, und dies würde bei Planung und Investitionsüberlegungen zu grossen Unsicherheiten führen. Um das zu vermeiden, setzen wir uns lieber einem harten Infrastrukturwettbewerb aus.
Wie beurteilt die Politik Ihren Vorschlag?
Wir haben bis jetzt noch keine Kritik gegenüber unserem Modell vernommen. Das Thema wird aber kontrovers diskutiert, weil es doch recht komplex ist.
Sie setzen auf Kabel. Jahrelang haben uns alle Telekom-Anbieter gepredigt, die Zukunft liege im Mobilfunk.
Terrestrische Netze werden trotz mobiler Kommunikation auch in Zukunft nicht überflüssig, weil sie schlicht viel leistungsfähiger sind. Die gesamte digitale Erlebniswelt zu Hause wird immer auf Kabel angewiesen sein. Mobil werden weniger datenintensive Dienste genutzt, wie etwa E-Mail.
Trotz dieser schönen Kabelwelt der Zukunft: Uns scheint, dass Ihre Mitbewerber, die nach der Liberalisierung in der Schweiz auf den Markt drängten, mittlerweile vor der Macht der Swisscom resigniert haben und sich wieder auf dem Rückzug befinden.
Diese Bereinigung am Markt ist eindeutig im Gang. Sie sprechen vor allem Tele 2 an. Tele 2 ist aber nicht primär in der Schweiz auf dem Rückzug, sondern zieht sich allgemein aus Westeuropa zurück und investiert stattdessen im Osten. Das ist also kein schweizspezifisches Problem. Bei Anbietern, die nicht in die Infrastruktur investieren, beobachten wir in der Tat eine Konsolidierung. Überleben werden nur diejenigen Anbieter, die bereit sind, nachhaltig zu investieren.
Bei der Entbündelung der letzten Meile haben sich Ihre Wettbewerber den Zugang zum Privathaushalt mühsam erkämpfen müssen . . .
. . . der ganze Streit um das Kupferkabel ist ja nur entstanden, weil diese Infrastruktur in Monopolzeiten gebaut worden ist. Wir haben jetzt eine historische Chance, neu zu beginnen, und es wäre ja dumm, noch einmal den gleichen Fehler zu machen. Deshalb wollen wir ja vier Fasern bauen: eine Faser für jeden Wettbewerber.
Ist dies die Vollendung der Liberalisierung?
Es ist der nächste Schritt.
Oder die Swisscom hat in zwanzig Jahren wieder ein lupenreines Monopol.
Ich glaube, es wird drei bis vier Player pro Gebiet geben: Hoffentlich uns und wohl noch einen breit aufgestellten Kabelanbieter wie Cablecom und noch einen dritten, der bereit ist, sich an den Investitionen zu beteiligen. Und dann werden noch eine Menge kleinerer lokaler Kabelanbieter überleben.
Das klingt nach rosigen Zeiten in der Schweiz. Ein grossflächiger Gang ins Ausland ist somit keine Notwendigkeit mehr?
Er ist finanziell nicht möglich. Dafür verfügt die Swisscom nicht über die notwendigen finanziellen Ressourcen. Der politische Rahmen für Auslandengagements ist aber gegeben. Wir konnten und können die unternehmerisch vertretbaren Risiken eingehen und können flexibel agieren.
Sind Sie froh darüber, dass die Option Ausland erledigt ist?
Na ja, wir wären im Ausland gerne breiter aufgestellt, da könnten wir die Risiken im Inlandgeschäft etwas kompensieren. Die Swisscom hat nie systematisch im Ausland investiert und eine internationale Präsenz aufgebaut. Der Zug ist abgefahren. Jetzt müssen wir in der Schweiz und in Italien einen möglichst guten Job machen.
Carsten Schloter, 45, ist seit 2006 CEO der Swisscom. Zuvor leitete er während sechs Jahren Swisscom Mobile. Seit der Liberalisierung des Telekom-Marktes 1998 ist die Swisscom eine börsenkotierte Gesellschaft und erwirtschaftete 2007 einen Umsatz von über elf Milliarden Franken und einen Reingewinn von zwei Milliarden.
09.07.2008, Ausgabe 28/08
Swisscom-Chef Carsten Schloter
«Wir haben eine historische Chance»
Swisscom-Chef Carsten Schloter zieht Bilanz aus zehn Jahren Liberalisierung, setzt künftig auf die Glasfaser und lädt die Konkurrenz zur Kooperation ein. Nicht aus Nächstenliebe. Er will die Regulierungskeule vermeiden.
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