14 Fragen an

Ivan Lendl

94 Turniersiege, 270 Wochen die Nummer eins: Ivan Lendl war eine Grösse des Welttennis. Trotz Roger Federers epochaler Niederlage in Wimbledon sei es zu früh, den Schweizer abzuschreiben.

Von Bruno Ziauddin

Das Wort, das alle benutzen, um das Wimbledon-Finale zu beschreiben, lautet: Wahnsinn.

Um die Wahrheit zu sagen: Das war eines der wenigen Male, dass ich mich darauf gefreut habe, ein Tennismatch im Fernsehen zu verfolgen. Leider konnte ich nicht zu Ende schauen.

Wie das?

Ich war mit meiner Tochter zum Golftraining verabredet. Irgendwann nach der ersten Regenpause musste ich das Haus verlassen.

Reicht, was Sie gesehen haben, für das Urteil «bestes Match aller Zeiten»?

Ich habe den weiteren Spielverlauf via Live-Ticker auf meinem Blackberry verfolgt und am nächsten Morgen alles gelesen, was über das Match geschrieben worden ist, insbesondere auch von den tschechischen Onlinemedien. Daher glaube ich, die Frage mit Ja beantworten zu können.

Einige Ballwechsel waren wie aus einem Videogame.

Wahrscheinlich denken Sie an Situationen wie jene im dritten Satz, als Nadal im Rückwärtslaufen die Rückhand umlief. Dennoch mag ich den Vergleich nicht. Roger und Rafael sind einfach zwei fantastische Athleten.

Hat Federer die Partie verloren, oder hat sie Nadal gewonnen?

Wenn zwei Tennisspieler ein lausiges Match hinlegen, dann verliert am Schluss einer. Das Niveau, das diese beiden gezeigt haben, war aber derart hoch, dass davon keine Rede sein kann. Nein, Nadal hat die Partie gewonnen.

Aber im zweiten Satz hat Federer eine Menge Chancen nicht genutzt.

Oder der Gegner liess es nicht zu, dass er sie nutzt. Nadal hat sich in den beiden letzten Jahren enorm verbessert: die Rückhand, den Aufschlag, sein Verhalten in der Defensive.

Trotzdem scheint es ein psychologisches Moment zu geben. Nadal ist in Federers Kopf gedrungen, wie die Tennisspieler sagen.

In Hamburg führte er gegen ihn 5:1, in Monte Carlo 4:0, jetzt in Wimbledon 4:1. Und keinen dieser Sätze konnte er gewinnen. Von Aussen ist schwierig zu beurteilen, was das mit einem Spieler macht. Aber es ist denkbar, dass dies einen negativen Effekt auf Roger beziehungsweise einen positiven auf Nadal hatte.

Denkbar oder unweigerlich?

Nein, nicht unweigerlich. Das hängt vom Charakter ab. So gut kenne ich Roger nicht. Sie können sich sagen: «Mist, ich nutze meine Chancen nicht.» Oder: «Toll, ich spiele so gut, dass ich zu Chancen komme. Früher oder später werde ich eine davon nutzen.»

Ihre wohl schlimmste Niederlage war jene im Wimbledon-Finale von 1987 gegen Pat Cash. Sie waren die Nummer eins und der Favorit und verspielten damals ihre letzte Gelegenheit, dieses Turnier zu gewinnen. Wie fühlt man sich in so einem Moment?

Schlecht.

Können Sie etwas genauer werden?

Sehr schlecht.

Und Federer, wird er sich von seinem Wimbledon-Waterloo erholen?

Als professioneller Sportler musst du stets auf beides gefasst sein: den Triumph und die Niederlage. Du musst bereit sein, die Energie des Siegens zu nutzen, um noch stärker, noch selbstsicherer zu werden. Und du musst bereit sein, aus der Niederlage die richtigen Lehren für künftige Erfolge zu ziehen.

Welche wären das im Fall von Federer?

Es ist meine policy, dass ich zu konkreten tennistechnischen Aspekten eines Spielers in der Öffentlichkeit keine Stellung nehme.

Der frühere Schweizer Spitzenspieler Marc Rosset . . .

. . . ich erinnere mich an ihn. Er hat mich dreimal bezwungen.

Marc Rosset empfiehlt Federer, am Aufschlag zu arbeiten, damit er noch öfters zu direkten Punkten komme. Zudem müsse er künftig wohl versuchen, die Bälle härter zu schlagen und aggressiver zu spielen.

Wäre ich sein Coach, dann hätte ich bestimmt drei oder vier Dinge, die ich jetzt mit Roger anschauen würde. Aber er hat genug kompetente Leute um sich herum, die ihn unterstützen. Vor allem aber: Er ist ein Champion. Wer ihn schon abschreibt, macht einen Fehler. Einen grossen Fehler.

Die Fragen stellte Bruno Ziauddin.

Boris Johnson über das Wimbledon-Finale Seite 35

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