Spanien

«Herren des Balls»

Am Sonntag gewann Spanien die Euro 08 gegen Deutschland. Alles andere wäre falsch gewesen. Denn...

Von Simon Brunner

— Noch nie hat ein Team an einer Euro so erfolgreich gespielt. 1984 gewann Frankreich das Turnier auch ungeschlagen - aber es gab ein Spiel weniger.

— Wer bereitet mehr Vergnügen: Heino oder Enrique Iglesias?

— Das 21. Jahrhundert ist das Goldene Zeitalter des spanischen Sportes: Formel 1, Fahrrad, Basketball, Motorrad, Tennis, Handball und Wasserpolo: Die Spanier gewinnen Titel um Titel. Insofern sind die Fussballer nur Nachzügler.

— Fernando Torres ist ein Naturwunder: ein Spanier mit rotblonden Haaren. Sogar Xenia Tchoumitcheva, die hiesige Vize-Miss mit russischen Wurzeln, sagte vor Spanien Russland, es sei nicht schlimm, wenn Spanien verlöre, weil es Torres habe: «Er spielt super und sieht gut aus.»

— Gleich noch ein Naturwunder: der menschenscheue Trainer der Spanier, ein Glöckner von Madrid, wie aus einem Alterspflegeheim entlaufen. An der Silhouette des Deutschland Trainers Jogi Löw hingegen: etwas stimmt da nicht. Es ist das Becken. Viel zu breit für den Rest des Mannes.

— Die Zahlen: Niemand ausser Portugal (56 %) hatte mehr Ballbesitz als die Spanier (54 %). Niemand schoss so oft aufs Tor (117 Mal). Und niemand traf so oft: 12 Mal. Der Torhüter, Iker Casillas, musste im ganzen Turnier nur 9 Paraden machen. Van der Sar: 22, Lehmann: 30. 82 % der Spanierpässe erreichten ihr Ziel.

— Die spanische Hymne hat keinen Text. Das ersparte uns das Schaudern wie bei anderen Hymnen, wenn das Nahmikrofon Spieler belauschte, die inbrünstig keinen, aber wirklich keinen Ton trafen. Tiefpunkt: Die Italiener, die «L'Italia, l'Italia» grölten.

— Apropos: Spanier sind die erfreulicheren Italiener. Keine Mammoni, kein permanentes Selbstmitleid, keine Zweckentfremdung des Fussballplatzes zum Corso, keine Sprache, die klingt wie Vaseline.

— «Das Team kann weder kraftvoll verteidigen noch originell angreifen. [...] Gewaltig sind die Schwächen: Vor allem die ungeordnete Abwehr erlaubt nur einen Sieg, wenn der perfekte Match gelingt.» Diese Zeilen schrieb Spaniens führender Fussball-Journalist Santiago Segurola in der Euro-Vorschau der Weltwoche. Seine Geringschätzung für die selección teilten Millionen von Spaniern. Wer über Jahre soviel Demut in eigener Sache praktiziert, verdient den Grosserfolg.

— Man hat über die Jahre viel Geld mit Wetten auf Spanien verloren: Ausgerechnet dieses Jahr setzte man nicht auf ihren Sieg. Danke, Santiago.

— Auf dem Rückflug von Innsbruck nach Madrid tanzten sogar die Flight-Attendants die «Macarena». Die Spieler sangen: «Derjenige ist der Herr über das Spiel, der Herr über den Ball ist.» Mehr Spass als mit den Spaniern kann man nicht haben. Und präziser kann eine Erfolgsanalyse nicht sein.

— Hätten die Ballackrüpel den Final gewonnen, wäre die «Wir sind Deutsch, aber trotzdem cool»-Kampagne der letzten Jahre um Äonen zurückgeworfen worden. 1996 liess sich der Observer zur Bemerkung hinreissen, an grossen Fussballturnieren habe stets die «unsympathischste, garstigste und betrügerischste Mannschaft Erfolg, nämlich Deutschland». So eine Zeile kommt jetzt niemandem in den Sinn. Die Deutschen sollten die Vorteile der Niederlage nicht unterschätzen.

— Iker Casillas ist ein zurückhaltender Kapitän, zwischen den Spielern herrscht Gleichheit, die besten (Torres, Fabregas, Iniesta, Xavi) wechselt der Trainer regelmässig aus oder lässt sie anfänglich auf der Bank. Nach Jahren der «Caudillos auf dem Spielfeld» (El País) hat Spanien auch im Fussball zur Demokratie gefunden. Herzlich willkommen.

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