Vergangene Woche war ich in Mailand. Tom Ford, ein amerikanischer Designer, eröffnete einen Laden für Männerkleidung an der Via Verri, einer Seitenstrasse der Via Monte Napoleone. Ich war um 14.30 Uhr mit ihm verabredet. Der Plan war, dass er mir die fünf Stockwerke und das Angebot zeigt. Normalerweise ist MvH pünktlich, erstens ist man Schweizer, zweitens Profi, und drittens ist la ponctualité la politesse des rois, n'est-ce pas? Aber wenn man Gepäck eincheckt und nach Milano Malpensa fliegt, wird es schwierig.
Ford steht dann natürlich nicht herum, wenn man eine Stunde zu spät kommt. Doch ich hatte Glück, sagte eine Frau vom Personal, er werde mit einer Gruppe Japaner auf Shop-Tour gehen in ein paar Minuten und ich dürfe mit. Journalisten, schreibe ich immer, nebenbei, seien schlecht gekleidet. Ich nehme es zurück, es gibt auch welche, die sind einfach nur blöd gekleidet. (Oder ist das engherzig, bloss weil zum Beispiel ein 50-Jähriger in kariertem Jackett, Fliege mit Punkten, kurzen Hosen und Kniestrümpfen auf eine geschäftliche Verabredung geht?)
Tom sah wieder super aus. Es spielt keine Rolle, von mir aus gesehen übrigens, dass er sich die Stirne botoxen lässt (wegen der V-Falte über der Nase, die entsteht, wenn er denkt oder lacht), die Haare schwarz färbt vermutlich und vielleicht eine Haartransplantation machen liess. Er trug einen dreiteiligen schwarzen Anzug, ein weisses Hemd, Krokodillederstiefel und keine Unterhosen angeblich. «Mark, freut mich, Sie wieder zu sehen. Es ist schon drei Monate her, seit wir uns in Zürich trafen», sagte er. Das glaube nicht einmal ich, dass er sich daran erinnert. Aber es gibt einem ein gutes Gefühl, wenn man wichtig genug ist, dass sich TF wegen einem briefen lässt.
Das Geschäft und die Ware fand ich super. Ich bin nicht sicher, ob die Zielgruppe gross genug ist. Aus der Schweiz sehe ich als Kunden Ernesto Bertarelli (es gibt lila Jacketts), Martin Bisang (ein wenig zu lang für Konfektion, aber es ist auch Massarbeit zu haben) und Roger Lehmann (falls die Teile zu Carolina Müller-Möhls Garderobe passen). Andere Einträge aus der sogenannten Reichstenliste der Zeitschrift Bilanz sind zu alt und/oder dick. (Zum Glück gibt es noch Russen und Rapper. Und in drei, vier Jahren vielleicht Frauenkleidung.) Im dritten Stock (Pelzmäntel, Kaschmirjacken) machte ich ein Kompliment für den Teppich. «Ich habe in allen meinen Häusern Biberfelle», sagte Ford.
Zum Dinner hatte ich eine Einladung von John Dempsey, einem Chef von Estée Lauder, einer Kosmetikfirma, die Parfüms von Tom Ford herstellt und verkauft. Das Restaurant «Il Milanese Curioso» im «Sheraton Diana Majestic»-Hotel ist sicher nicht verkehrt, am Tisch neben mir sass Suzy Menkes, die Modejournalistin der International Herald Tribune. MvH isst einfach bloss lieber klassisch italienisch, «innovative Neuinterpretationen der mediterranen Küche» (Homepage) braucht er nicht. Ich mag in Mailand das «Bagutta» («Trattoria Toscana»). Das heisst, soeben hat es ein Russe für seine Frau gekauft. Sie wolle es lassen, wie es sei, sagte der Freund von mir, der mit ihm Geschäfte macht. Einmal sehen, was daraus wird.
Ganz spät fuhr ich noch in einen Palazzo in der Via Mozart, wo «an evening of dancing to celebrate the opening of Tom Ford menswear» stattfand. (Die Party an diesem Abend - bei Gucci und Dolce & Gabbana standen weniger Leute auf der Strasse.) Ein Fest in einem Haus, das aussieht, als würden Leute dort wohnen (Bilder, Bücher an den Wänden) und in dem es trotzdem keine Absperrungen oder Wächter gibt, ist schon ziemlich cool. Und dieses UV-Licht, in dem man eigentlich nichts sieht, passt dazu. Ich habe, nachdem das Auge sich daran gewöhnt hatte, trotzdem gesehen, dass die meisten Gäste Männer waren - logisch, es waren Männerschauen in der Stadt und . . . Sie wissen schon. Einen der wenigen, den ich kannte, war Richard Buckley, früher Chefredaktor von Vogue Hommes International, einer Modezeitschrift für Männer, jetzt Fords Freund und Lifecoach von Hauptberuf, würde ich sagen. The man himself, nebenbei, habe ich nicht gefunden auf seinem Fest.
Audiofile zum Artikel
02.07.2008, Ausgabe 27/08
MvH
Ein Abend mit Tom
Wenn Mister Ford einlädt, dann geht man hin. Zum Beispiel nach Mailand. Unser Kolumnist vermisste eigentlich nur etwas.

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