Dieser Tage geht ein schauerliches Spektakel über die Weltbühne. Ein Held des afrikanischen Befreiungskampfes versinkt in der politischen Demenz. Vergangenen Freitag wurde der 84-jährige Robert Gabriel Mugabe, Staatschef seit 28 Jahre wiedergewählt. Einen Gegenkandidaten gab es nicht. Oder vielmehr: Nach einem deutlichen Vorsprung im ersten Wahlgang vom 29. März (47 gegen 43 Prozent) musste der Gewerkschafter Morgan Tsvangirai flüchten. Hunderte Anhänger seiner Oppositionspartei Movement for Democratic Change wurden von Mugabes Zanu-PF-Milizionären verbrannt, zu Tode geprügelt, erstochen.
Simbabwe ist eines der schönsten Länder der Welt. In endlosen Wellen, wie ein grüner Ozean, dehnen sich die mit dunklen Tabakfeldern, Gemüse und Getreideäckern bestandenen Hügel dem Horizont entgegen. In den Berghängen am südlichen Sambesi-Ufer liegen Nickel, Chrom, Kupfer und Gold verborgen. Die zwei uralten Kulturvölker der Shona (ihm entstammt Mugabe) und der Matabele bewohnen das Land. Seit fast einem Jahrzehnt liegt es im Ruin: Prostitution, Unterernährung, Aids, eine Inflation von über 100 000 Prozent, 60 Prozent Arbeitslosigkeit peinigen die Menschen.
Im persönlichen Gespräch ist «Comrade» Mugabe, Genosse Mugabe, wie er von seinen Anhängern und ausländischen sozialistischen Besuchern immer noch genannt wird, ein ausserordentlich lebendiger, belesener und auch ironischer Mensch. Über europäische Politik und insbesondere die inneren Widersprüche der Sozialistischen Internationale weiss er bestens Bescheid, fragt nach, korrigiert, in einem gepflegten Englisch.
Keine wichtige Uno-Konferenz, an der der «Comrade» nicht das Wort ergreift: meist mit rhetorischer Brillanz, stets im Dienste der anti-imperialistischen Sache. Zum letzten Mal bei der Welternährungskonferenz im Juni 2008 in Rom. Seine Brandrede galt dort den zynischen grain merchants, den multinationalen Spekulanten, welche die Preise für Grundnahrungsmittel in astronomische Höhen treiben.
Er ist kein dumpfer Despot, kein Joseph Désiré Mobutu, Jean-Bedel Bokassa oder Idi Amin Dada. Er lebt keineswegs luxuriös und abgeschieden. Mit seiner Baseball-Mütze, dem farbigen Hemd, den weissen Hosen und den Sandalen ist er unentwegt in den Dörfern und Quartieren unterwegs. «Win or war» - das alte Motto des Guerilla-Chefs ertönt immer noch aus den Lautsprechern. Es gilt jetzt der internen demokratischen Opposition und den britischen und australischen Minengesellschaften, welche dieselbe angeblich finanzieren.
Warum dieser Abstieg in die Hölle? 1964 gibt die Labour-Regierung in London den Protektoraten Nordrhodesien (heute Sambia), Njassaland (heute Malawi) und der Crown Colony Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe, die Unabhängigkeit. In Salisbury jedoch, dem heutigen Harare, verweigern die 180 000 weissen Siedler London die Gefolgschaft. Unterstützt von der weissen südafrikanischen Rassendiktatur, erklären sie die unilaterale Unabhängigkeit. Der einäugige ehemalige RAF-Pilot (und spätere Tabak-Mogul) Ian Smith wird ihr Präsident.
Der blutige, sieben Jahre dauernde Befreiungskrieg der afrikanischen Partisanen begann in der Neujahrsnacht 1972 mit dem Angriff auf 12 weisse Farmen. Der junge Dorfschullehrer Mugabe erwies sich rasch als tollkühner Kommandant, ein kühler Stratege und gewandter Diplomat. 1979 führte er die afrikanische Delegation bei den Waffenstillstands-Verhandlungen in London.
Von Thatcher verraten
Nebst den langen Jahren im Untergrund und der schon in frühesten Kindesjahren erlebten rassistischen Erniedrigung hat ein anderes Ereignis Mugabe geprägt: Der von ihm vertrauensvoll unterschriebene Waffenstillstands-Vertrag sah einen zehnjährigen Eigentumsschutz für die weisse Minderheit vor. Danach, im Jahre 1989, sollte die Landreform stattfinden, finanziert von Grossbritannien. Labour stürzte, Margaret Thatcher kam an die Macht. Sie verweigerte jede Hilfe für die Reform.
In den Slums von Bulawayo und Harare, in den Bretterhütten am Rande der weissen Plantagen, lebten Millionen verelendeter afrikanischer Bauern. Im Jahr 2000 schlug Mugabe zu. Ohne Entschädigung, in einer Nacht-und- Nebel-Aktion, wurden die Landbesetzungen, häufig begleitet von irrationaler Gewalt, organisiert. Die weissen Siedler flüchteten. Bevor sie gingen, zündeten sie ihre Häuser an, brachten ihr Vieh um, verwüsteten die Traktoren und die Bewässerungsanlagen. Mugabes Landreform, so nötig sie auch war, endete im Zusammenbruch der Landwirtschaft. Verseuchtes Wasser und Hunger forderten Tausende von Opfern, ausländische, vor allem westliche Geheimdienste verübten Mordanschläge auf Mugabes Familie. Der Staatschef selbst geriet in eine wohl bloss von einem erfahrenen Psychiater zu erklärende Spirale der Paranoia.
Als Uno-Generalsekretär hat Kofi Annan die Politik der «Subsidiarität» entwickelt. Regionale interstaatliche Organisationen sollten bei gravierenden Menschenrechtsverletzungen eines Staatschefs für Abhilfe sorgen. Die Afrikanische Union jedoch gab diese Aufgabe an das seit 1994 vom ANC regierte Südafrika weiter. Staatschef Thabo Mbeki zeigte sich ausserstande, gegen den «Comrade» etwas zu unternehmen, insbesondere die Eisenbahnlinien, welche zu den südafrikanischen Atlantikhäfen führen, zu unterbrechen. Mbeki schuldet Mugabe sein Leben und das seiner Familie.
Mbeki war Kommandant der Einheiten der ANC-Befreiungsarmee in Südangola. Als das südafrikanische Expeditionskorps Namibia überrannte und nach Südangola vorstiess, gelang ihm die Flucht nach Simbabwe. 14 Jahre lang hat Mugabe die ANC-Kämpfer geschützt, unterstützt und bewaffnet und wurde dafür vom BOSS (das Bureau of State Security in Pretoria) mit Mordanschlägen verfolgt. Weder Mandela gestern noch Mbeki heute noch Jacob Zuma morgen - kein ANC-Politiker wird je die Hand gegen Mugabe erheben.
Bleibt die Uno. Eine humanitäre, bewaffnete Intervention ist dringend. Ein Mehrheitsbeschluss der 15 Mitgliedstaaten des Sicherheitsrates genügt. Die Völkerrechtsgrundlage besteht: die Sicherheitsratsresolution Nr. 688 vom 5. April 1991 (Schutz der Kurden vor Saddam Hussein) formuliert die «responsibility to protect», das heisst: die Pflicht der Uno, eine gepeinigte Bevölkerung, wenn nötig mit Waffengewalt, vor den Verbrechen ihres einheimischen Tyrannen zu schützen. Die Uno muss handeln. Und zwar sofort.
Jean Ziegler ist Mitglied des Beirates des Uno-Menschenrechtsrates und Autor des Buches «Das Imperium der Schande» (Goldmann, 2008).
Exklusiv für Weltwoche-Leser: die Zusammenfassung von Jean Zieglers «Die neuen Herrscher der Welt». Kostenlos auf www.getAbstract.com/weltwoche.














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