Am 16. Mai titelte BBC News Online: «Fettleibige laut Experten mitschuldig an Nahrungskrise und Klimawandel». Jede moralische Panik braucht ihren Sündenbock, und heutzutage sind die Fettleibigen offiziell schuld an einer wachsenden Zahl von Missständen dieser Welt. In diesem konkreten Fall lautete der Vorwurf: Da sie ein Fünftel mehr Kalorien verzehren als «normale» Menschen, treiben sie die Nachfrage nach Nahrung in die Höhe, weshalb die Landwirtschaft mehr Erdöl verbraucht, was wiederum die Brennstoffpreise steigen lässt. Laut der BBC werde das auf die Nahrungskosten überwälzt, weshalb es für arme Länder teurer werde, ihre Bewohner zu ernähren. Somit seien die Fettleibigen eine direkte Ursache der Unterernährung in der Dritten Welt und Staatsoberhäupter wie Simbabwes Präsident Robert Mugabe vielleicht weniger inkompetent und korrupt, als wir gedacht haben.
Da fragt man sich, warum noch niemand die Fettleibigen für die jüngsten Erdbeben verantwortlich gemacht hat. Schliesslich muss ihr zusätzliches Gewicht doch die Erdkruste stärker belasten, und auch wenn diese zusätzliche Belastung infinitesimal ist, muss sie sich auswirken auf unter der Erdkruste statt-findende geophysische Prozesse. Ausserdem: Wenn die Fettleibigen mehr essen, müssen sie auch mehr ausscheiden und im Gegensatz zu unseren eleganten ökologischen Fussstapfen eigentliche Schleifspuren hinterlassen.
Ich habe vor kurzem ein Buch über die britische, die französische und die deutsche Luftwaffe im Ersten Weltkrieg gelesen. Auf den Fotos ist zu sehen, wie dünn das Luftwaffenpersonal und die Piloten damals alle waren. Da ist kein einziges rundliches Wesen dabei. Also gut, vielleicht sollte man nicht bei jungen Kriegern nach Fettleibigen suchen. Ich sah mir also Bilder von Menschenmengen in europäischen Hauptstädten an, die 1960 aufgenommen wurden, als ich 18 war. Der gleiche Eindruck. Nach heutigen Massstäben sehen fast alle beneidenswert schlank, ja mager aus. Wie die Schönheitsvorstellungen verändert sich auch das «Normalgewicht» im Wandel der Zeit. In meiner Jugend und während des grössten Teils meines Erwachsenendaseins galt für schwerere Menschen eine gleitende Skala, die von «gut im Fleisch» über «mollig» und «übergewichtig» bis «dick» reichte. Nur unvorstellbar Fette wie manche Amerikaner, die ins «Guinness-Buch der Rekorde» gehört hätten, wurden mit dem fast schon medizinischen Begriff «fettleibig» bezeichnet. Heute hingegen werden laut der erwähnten BBC-Geschichte «fast ein Viertel der Erwachsenen Grossbritanniens als fettleibig klassifiziert». Der Begriff hat heute offensichtlich eine andere Bedeutung, wenn er auf über zehn Millionen erwachsene Britinnen und Briten angewendet werden kann, von denen die wenigsten wirklich elefantöse Ausmasse haben.
Diese zunächst nur von Medizinern angewandte Klassifikation ist heute deshalb so verbreitet, weil die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Anfang der 1980er Jahre den Body-Mass-Index (BMI) als Massstab für Gewichtsstatistiken übernahm. Der BMI entspricht dem Körpergewicht eines Menschen, geteilt durch das Quadrat seiner Grösse. Wer einen BMI von 25 oder mehr hat, gilt als «übergewichtig», wer einen von 30 oder mehr hat, als «fettleibig». Doch ist der BMI eine statistische Grösse. Er betrifft das Verhältnis von Gewicht und Körpergrösse, ohne Rücksicht darauf, wie jemand gebaut oder wie muskulös er oder sie ist: Da Muskeln schwerer als Fett sind, führt das manchmal dazu, dass Athleten als «übergewichtig» eingestuft werden. Der BMI ist also nur ein Mittel zur Einschätzung einer Bevölkerung; er ist nicht dafür gedacht, Individuen zu diagnostizieren oder gar zu stigmatisieren.
Fettleibige sollen sich elend fühlen
Dass die Europäer in den letzten fünfzig Jahren zugenommen haben, ist Anzeichen eines, soweit wir wissen, einzigartigen Triumphs der Menschheitsgeschichte. Eines Triumphs von Politik und Wirtschaft, Frieden und Wohlstand, es zeigt an, dass der Lebensstandard stetig steigt und mit ihm die Möglichkeit, die Ernährung frei zu wählen. Das sind nationale Ziele, die nach dem Zweiten Weltkrieg gesteckt und von hundert Prozent der Wählerschaft begrüsst wurden. Dennoch macht es den Anschein, als seien wir zu er-folgreich geworden - für uns selbst und für das Wohl unseres Planeten. Wir haben billigen Überfluss geschaffen, und einerseits geniessen wir zu viel davon, andererseits konstruieren wir Maschinen, die uns die körperliche Plackerei abnehmen, welche den Überschuss an gespeicherter Energie sonst abbauen würde. Und was tun wir? Machen wir das System verantwortlich? Nein. «Experten» schieben die Verantwortung den Fettleibigen zu.
Genau: Die sind schuld! Weil sie so ekelhaft unbeherrscht und asozial sind! Was soll das heissen, wir modernen Europäer wären den Fliegern des Ersten Weltkriegs allesamt fett vorgekommen? Nein: Mit dem BMI haben wir ein offizielles, medizinisch anerkanntes Mittel, um Fettsäcke zu erkennen und zu benennen, damit sie sich elend fühlen und für ihren schwachen Willen schämen und wir sie piesacken können mit Geschichten von schrecklichen Krankheiten und dem baldigen Tod, der sie erwartet. Ausserdem müssen sie ab jetzt zusätzlich mit dem Wissen leben, dass sie die Armen dieser Welt noch hungriger und überhaupt den ganzen Planeten kaputtmachen. In meinen bösartigeren Momenten - die mittlerweile häufiger vorkommen, was nicht untypisch ist für jemanden, der sich an den Zweiten Weltkrieg erinnern kann - kommt es mir zuweilen vor, als habe der BMI die Funktion jener Greifzirkel übernommen, mit denen letztes Jahrhundert deutsche Eugeniker Nasen und Schädel vermassen, um darüber zu befinden, welche Mitbürger auszustossen seien.
Besonders zuwider ist mir, wie ekelhaft heuchlerisch diese modische Form der Diskriminierung ist, und dies in mehr als einer Hinsicht. Denn der Lebensstil von uns Europäern, und die Weltwirtschaft erst recht, wurde sorgfältig entsprechend dem kapitalistischen Modell herangezüchtet, dass Märkte dauernd wachsen müssen, was durch gewaltige politische und wirtschaftliche Anreize gefördert wird. Das wird noch verstärkt durch die unglaublich mächtige internationale Werbeindustrie, die keinen anderen Zweck hat, als die Menschen dazu zu bringen, mehr zu kaufen, mehr zu konsumieren, mehr zu essen und sich an allem und jedem gütlich zu tun. Dieser Ideologie verdanken wir industrialisierten Länder unseren gegenwärtigen extremen Wohlstand. Ist es also nicht ungeheuerlich, wenn «Experten» plötzlich Millionen Mitbürgern einen Lebensstil vorwerfen, der die Grundlage der gesamten Weltwirtschaft darstellt? Statt ihnen Vorwürfe zu machen, sollte man den Fettleibigen vielmehr Orden verleihen wie die Sowjets einst überproduktiven Arbeitern und Müttern: Man sollte sie auszeichnen für ihre Bemühungen, die Nahrungs- und Werbeindustrie zu unterstützen, selbst wenn sie dabei ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Sie sind recht eigentlich die Verkörperung der Selbstlosigkeit.
Wie uns die Angst vor Fett nährt
Und nicht nur die erwähnten Industrien profitieren von der Fettleibigkeit. Fettleibige zahlen auch mehr für ihre Kleider, und sich um diese wachsende Klientel zu kümmern, ist lukrativ für die Bekleidungsindustrie. Fettleibigkeit und die zur Besessenheit gewordene Angst vor Fett ernähren weltweit Ernährungsberater, Schlankheitsexperten, Forschungsmediziner, Pharmaunternehmen, Lebensmittelchemiker, Verlagshäuser, die Berge von Schlankheitszeitschriften, Diätbüchern und DVDs produzieren, eine Lebensmittelindustrie, die fettarme Versionen ihrer wichtigsten Produkte hervorzubringen versucht, und dann all die Schönheitschirurgen, die sich dumm und dämlich verdienen mit Magenbandopera-tionen, Fettabsaugen, der Bekämpfung von Zellulitis und Doppelkinn. Kurz gesagt: Brächte man es fertig, die Fettleibigkeit über Nacht abzuschaffen, wäre das ein harter Schlag für die Weltwirtschaft.
Eine weitere Funktion der Fettleibigen ist, dass alle anderen sich moralisch überlegen fühlen dürfen, obschon die Sache viel mehr mit Zufall und Genlotterie als mit Moral zu tun hat. Aber in unserer Gesellschaft hängt man nun mal an der geheiligten Vorstellung, wir alle hätten «Wahlfreiheit», eine zentrale Doktrin der Religion wie der Demokratie. Ihr liegt die Vorstellung zugrunde, wir seien zu Beginn lauter Tabulae rasae, leere Blätter, die wir im Lauf der Zeit mit unserer Lebensgeschichte vollschreiben mit dem Gefühl, voll verantwortlich zu sein für die von uns gefällten Entscheidungen. Leider machen die Wissenschaften jeden Tag deutlicher, in welchem Mass wir alle vorprogrammiert sind. Statt unbeschriebene Blätter mit freiem Willen zu sein, haben wir oft nicht viel mehr Möglichkeiten, unser Verhalten zu verändern, als eine Schmeissfliege, die sich im Bestreben, zum Licht vorzudringen, an einer Fensterscheibe den Kopf einrennt. Dies trifft ganz bestimmt auf unsere Essgewohnheiten zu. Wie alle Säugetiere hat auch der Homo sapiens die Fähigkeit entwickelt, während der sommerlichen Fülle einen Fettvorrat anzulegen für die karge Winterzeit. Zuzunehmen gehört zu den Überlebensstrategien unserer Spezies und entzieht sich deshalb im Wesentlichen unserer bewussten Kontrolle. Tatsächlich gibt es Menschen, die nie zunehmen, egal was sie essen; dass sie in früheren Zeiten in einem wirklich harten Winter wohl als Erste gestorben wären, mag ein kleiner Trost sein. Dennoch wird ihnen heute medizinische und moralische Anerkennung dafür gezollt, dass sie den richtigen BMI haben, als sei ihre Schlankheit das Ergebnis von heroischer Selbstbeherrschung und Integrität und nicht dasjenige eines genetischen Defekts.
Doch natürlich stecken wir alle mit drin. Es ist unsere Wirtschaft, und wir alle profitieren mit Freuden davon. An ihren unbeabsichtigten Folgen sind entweder alle schuld oder niemand. Genau wie im Fall der Raucher (ebenfalls Opfer modischer Heuchelei) bieten die Regierungen ein jämmerliches Schauspiel: Einerseits stecken sie die Einkünfte und sonstigen wirtschaftlichen Vorteile, welche immer grösserer Konsum mit sich bringt, noch so gern ein; gleichzeitig jammern sie über die gesellschaftlichen Kosten. Ein Ausweg aus der Klemme, in der wir gemeinsam sitzen, wäre, dass alle sich solidarisch als fettleibig bezeichnen. Trügen wir alle stolz diese Medaille, brächten wir die Ärzte vielleicht dazu, das zu tun, was ihre Aufgabe wäre: die Krankheit zu hassen, nicht den Kranken.
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
25.06.2008, Ausgabe 26/08
Gesellschaft
Ein Orden für Fettleibigkeit
Übergewichtige werden neuerdings sogar für die Nahrungskrise und den Klimawandel verantwortlich gemacht. Das ist pure Heuchelei und Verlogenheit: In Wirklichkeit profitiert die Weltwirtschaft enorm von ihnen.
Kommentare