Die Welt, heisst's bei Ludwig Wittgenstein, sei alles, was der Fall ist. Dass der lange als Junggenie gehandelte M. Night Shyamalan («The Sixth Sense») an den Philosophen gedacht hat, als er gleich zu Beginn seines neuen Films «The Happening» die Menschen scharenweise von einem Gebäude in die Tiefe platschen liess wie überreife Pflaumen, darf man getrost bezweifeln. Denn eine Weile später hängen Menschen hoch oben im Geäst von Bäumen. Der freie Fall war das nicht, eher ein freier Aufstieg; oder eine mysteriöse Thermik? Aber nicht nur vertikal wütet das Suizidäre, auch horizontal. Im New Yorker Stau erschiesst sich ein Polizist. Die Waffe bollert über den Asphalt, ein Autofahrer steigt aus, nimmt den Revolver und nietet sich auch um. Weil das praktisch ist, folgen weitere dem Beispiel. Reisst der Verkehr jedem schon den letzten Nerv aus? Klar. Warum aber segeln andere von Häusern oder kraxeln auf Bäume, um wie nasse Säcke zu baumeln?
Rätsel über Rätsel, und Elliot Moore (Mark Wahlberg), Bio-Lehrer und orientierungslos angesichts der Rätsel-Wucherung, blickt, als seien seine Gehirnzellen zur Mehlpampe geronnen: Mimik, Gestik und Mundwerk irgendwie verpappt. Ist ja auch verständlich angesichts der Wirrnis. Erst vermuten die Behörden Terrorismus, doch dann, das unerklärliche Phänomen kündigt sich als hurtigsäuselnder Wind an, lassen die ersten Opfer im Central Park anderes vermuten. Und, hoppla, schon hat der Biologe Elliot Moore eine Theorie. Bei den tödlichen Attacken könnte es sich um einen toxischen Prozess der Flora handeln, die stinkesauer auf jene blöde Spezies ist, die nur auf ihr herumtrampelt. Jetzt schlägt sie zurück, macht Nägel mit Köpfen bzw. holt sich den Wind, das himmlische Kind, als Medium zur Neurotoxin-oder-sonst-was-Verbreitung.
Die Fachleute sind machtlos, der Regisseur nicht. Er will weit über jenes Genre hinaus, das sich seit langem in Hollywood kuschelig mit schaurig-schönen Menetekeln von «Tarantula» über «Invasion of the Body Snatchers», Hitchcocks «The Birds» bis «I Am Legend» erfolgreich eingerichtet hat: der Katastrophen-Horror-Film. Denn Night Shyamalan, mit dem penetranten Hang zu liturgischer Gespreiztheit, verrannte sich im Ehrgeiz, das Genre aus den Fesseln der Kolportage zu befreien. Weshalb der Horror bei ihm keine physische Gestalt (zu trivial) annimmt, dafür sich ganz behutsam und kostbar der Realität nähern soll. Und weil das Unheil wirklichkeitsnah unsichtbar zu sein hat, aber irgendwie trotzdem gesehen werden muss, lässt Autor und Regisseur Shyamalan seinen Bio-Lehrer mit Frau Alma und seines Freundes Kind hinaus aufs Land fliehen, wo das Böse Gräser wiegt und biegt. Müsste nicht der Fluchtreflex in die Gegenrichtung weisen, wo kein Gras mehr wächst? In die Steinschluchten von Metropolis? Ja, aber dort ist der Wind im Nachteil und kann nur, unromantisch, Dreck hochwirbeln.
Der Wind, der Wind, das teuflische Kind
Das Rätsel der falschen Fluchtrichtung lässt sich lösen. Die Beziehung zwischen Elliot Moore und Alma (Zooey Deschanel) war im Keller. Sie hatte einen Geliebten, er hatte sich in eine andere verguckt. Der Bedarf nach Rettung und Heil ist also riesig, um der armen Menschen Weh und Ach zu kurieren. Und auf einmal will sich dem Zuschauer etwas Zartes und Lichtes auftun: Das shyamalansche Happening ist eine «Zauberflöte». Dort jagt Sarastro die Liebenden Papageno und Tamino durch den Prüfungstempel, um die Wahrhaftigkeit ihrer Liebe zu testen. Elliot, ohne Flöte und Glockenspiel, und Alma werden auf dem Land ähnlich geprüft. Eine einsame Farmerin versetzt mit dem Furor einer Königin der Nacht die Flüchtlinge in Angst und Schrecken - und lässt die Liebe neu erblühen. So lässt sich eine wütende Flora besiegen. Ihr bleibt nichts anderes, als ins alte Europa auszubüxen, nach Paris. Und so endet die Mär, wie sie angefangen hat: Der Wind, der Wind, das teuflische Kind, säuselt wispernd durch den Jardin du Luxembourg, und schon gibt's die ersten Besiegten.
M. Night Shyamalan, 38, Amerikaner indischer Herkunft, landete mit seinem vertrackten Film «The Sixth Sense» (1999) einen internationalen Hit, der ihm den Ruf einbrachte, ein Ausnahmetalent zu sein. Er schrieb, ins-zenierte und produzierte alle Projekte selbst und liebte das Spiel mit der Täuschung, dem Überraschungs-Ei fürs Finale. Weil so was vom Schluss her geschrieben werden muss, kann dabei leicht fruchtbares Land zu Ödland werden. In «The Sixth Sense» funktionierte die Masche bestens, bei «The Village» (2004) brach das Klassenstreber-Konzept mystifizierender Abgründigkeiten ein und entlarvte sich als preziöses Kunstgewerbe.
Mit «Lady in the Water» (2006), einem verquasten Symbolfilm, war Shyamalans Renommee futsch. Sein Studio (Disney) stieg aus. Bei Warner fand er ein neues Zuhause. Es gibt Kritiker, die behaupten, seine Filme würden garantiert gewinnen, wäre er bereit, Drehbuchautoren an seine Stoffe zu lassen. Mag sein. Shyamalan ersehnt traumhafte Bildmagie, sucht die Aufgipfelung. Er will, und das ist vielleicht das Peinlichste, sein Vorbild Hitchcock («The Birds») unbedingt übertreffen. Doch der Krampfhahn überragt nicht mal die Spinnereien von «Tarantula» und Co.
The Happening
Regie: M. Night Shyamalan. USA, 2008













Kommentare