Lange Zeit galt der jugendliche Extremismus - saufen, kiffen, prügeln - als Sache männlicher Teenager. Heute überborden auch Mädchen, zeigen Statistiken. England: Übermässiger Alkoholkonsum verursacht ein Heer von Teenagermüttern. USA: Eine steigende Anzahl von Teenies leidet unter Magersucht und Beauty-Wahn. Schweiz: Immer mehr Mädchen sind gewaltbereit, immer mehr landen wegen Alkoholvergiftungen im Spital.
Die Experten liefern alle möglichen Erklärungen. Seit auch die Mädchen zur Diskussion stehen, interpretieren Frauenrechtlerinnen ebenfalls mit. «Weibliche Teenager sind dumme Sexualobjekte», behauptet die amerikanische Anwältin Carol Platt Liebau in ihrem neusten, vielbeachteten Buch «Prude». Schützenhilfe erhält sie von der Feministin Ariel Levy: «In unserer übersexualisierten Welt bekommen Mädchen Aufmerksamkeit und Respekt, wenn sie den Männern zu Willen sind. Bildung, Intelligenz, Charakter sind für diese jungen Frauen unwichtig geworden.»
Das weitverbreitete Bild der hohlen Britney-Generation stimme nicht, sagt allerdings die deutsche Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel. Ihre Forschungsgruppe befragte Hunderte weibliche Teenager, bevor Schlüsse gezogen wurden. «In meiner Jugend bedeutete eine quietschgrüne Haarschleife Protest. Eine durchsichtige Bluse in der Disco war ein Skandal. Die heutige Mädchengeneration geht weiter. Das heisst aber nicht, dass andere Werte unwichtig geworden sind», so Haug-Schnabel.
Sex erst an Stelle sieben von neun
Markus Gander, Geschäftsleiter der Zürcher Jugendförderungsstelle Infoklick, kritisiert Analysen, die sich auf ein einziges Milieu konzentrieren oder die genauen Bedingungen der Untersuchung nicht offenlegen. So wie bei Levy. Diese behauptet zwar, mit 50 weiblichen Teenies gesprochen zu haben. Ob sie diese in Manhattan oder in Kentucky befragte, verrät sie nicht. «Die extremsten und statistisch auffälligsten Mädchen werden optisch und akustisch am stärksten wahrgenommen. Sie machen nirgendwo die Mehrheit aus», sagt Gander.
Eine der grössten Jugendumfragen im deutschsprachigen Raum, die Bravo-Studie, kommt zum Schluss: Die heutigen Mädchen und Buben sind weniger sexualisiert als erwartet. Auf die Frage «Was ist ein toller Abend für dich?» antwortete der grösste Anteil der11- bis 17-jährigen Jungen: «Knutschen, schmusen, kuscheln.» Sex kam bei den Buben erst an siebter Stelle von neun und bei den Mädchen gar nicht vor. Einen One-Night-Stand können sich 64 Prozent der Mädchen und 67 Prozent der Buben nicht vorstellen.
Auch in den Bereichen Schule und Bildung sind die Zustände gemässigter als kolportiert: In den amerikanischen Grossstädten ist heute eine Mehrheit der 20- bis 30-jährigen Frauen besser ausgebildet als ihre männlichen Altersgenossen. In Deutschland streben junge Frauen höhere Bildungsabschlüsse an als noch vor einigen Jahren. Rund 55 Prozent der Mädchen wollen Abitur machen, wie die neuste Shell-Jugendstudie (2006) belegt, bei der 2500 junge Frauen und Männer zwischen 12 und 25 Jahren befragt wurden. Auch die grosse Mehrheit der 16-jährigen Schweizerinnen und Schweizer, die im Rahmen des Kinder- und Jugend-Surveys Cocon (Competences and Context) befragt wurden, bezeichnet sich als «anstrengungsbereit, fleissig und zuverlässig». Das zur Sicherheit befragte Lehrpersonal kam zum selben Schluss.
Zudem: 2006 rauchten und tranken 15-jährige Buben und Mädchen in der Schweiz weniger als bei der letzten Schülerbefragung (2002), und der Aufwärtstrend beim Cannabiskonsum gelte ebenfalls als gestoppt, vermeldet die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA/ISPA). Einzig beim Rauschtrinken seien die Zustände nach wie vor bedenklich und die Konsequenzen bisweilen gravierend, warnen die Präventionsfachleute.
Früher sprach man von Sturm-und-Drang-Zeiten. Fahren sturzbetrunkene Teenager heute das Auto der Eltern zu Schrott, ist der Fall für die Neurologen klar: Der Umbau des jugendlichen Gehirns ist in vollem Gang. Lange Zeit gingen die Forscher davon aus, dass die grauen Zellen ab dem zwölften Altersjahr voll ausgebildet seien. Heute wissen sie: In der Pubertät wird abgebrochen und angefügt, es entstehen neue Verbindungen und Kontaktstellen. Die zeitlich unberechenbaren Umbauarbeiten im Oberstübchen können vor allem zu erheblichen Behinderungen in den Bereichen Risikoeinschätzung, Impulskontrolle, Motivation und Empathie führen. Die mildernden Umstände für das rätselhafte Verhalten gewisser Pubertierender rücken auch die Erziehungsbemühungen der Erwachsenen in ein neues Licht: Auch wenn sie im Umgang mit ihren Teenies vieles richtig machen, kann - vorübergehend - alles schiefgehen.
Gabriele Haug-Schnabel/Nikolas Schnabel: Pubertät. Eltern-Verantwortung und Eltern-Glück. Wie Sie Ihr Kind beim Erwachsenwerden begleiten. Oberstebrink-Verlag, 2007
18.06.2008, Ausgabe 25/08
Forschung
Sturm und Drang
In der Pubertät wird das Hirn umgebaut. Gemessen daran, verhalten sich auch heutige Teens undramatisch.

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