-A  A  A+
18.06.2008, Ausgabe 25/08

Jonathan Littell

«Ich dachte nicht an die Leichen»

Jonathan Littell hat mit seinem Nazi-Roman «Die Wohlgesinnten» Weltruhm erlangt. Heute hasst er seine Berühmtheit und würde den Nobelpreis ablehnen. Grausame Tötungsszenen schaffe er wie ein Maler, der Farben mischt, und Peter Handke hasst er leidenschaftlich.

Von André Müller

Anzeige

Dies ist ein Auszug aus dem Interview mit Jonathan Littell. Die komplette Fassung lesen Sie in der Heft-Ausgabe 25/08 (erhältlich am Kiosk) oder - exklusiv für Weltwoche-Abonnenten - hier auf der Website.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Schriftsteller mit nur einem Werk in die schwindelnden Höhen des Weltruhms katapultiert und so von Anfang an der Notwendigkeit seiner Selbstvermarktung enthoben wird. Jonathan Littell, gebürtiger US-Amerikaner und durch seine Einbürgerung vor einem Jahr zusätzlich Franzose, hat sein bisher einziges Interview im deutschsprachigen Raum dem Spiegel gegeben. Auf seinen voluminösen (1380 Seiten) und, muss man sagen, skandalösen Roman über den nationalsozialistischen Horror, «Die Wohlgesinnten», der 2006 auf Französisch und mittlerweile auch in 27 Übersetzungen erschien, reagierten Rezensenten und Leser entweder fasziniert oder angewidert. Ich las das Buch in einem Zug durch.

Also würde ich, so dachte ich, dem scheuen Autor, gelänge es mir, ihn für ein Gespräch zu gewinnen, nichts vorlügen müssen. Als ich Delf Schmidt, dem Cheflektor des Berlin-Verlags, mein Anliegen vortrug, sagte er gleich: «Unmöglich!» Nun begann die Verführung. Ich schickte Littell mein Interview mit dem Nazi-Bildhauer Arno Breker und schrieb ihm, ich hätte auch schon mit Elias Canetti, den er schätzt, und Ernst Jünger, der in seinem Buch vorkommt, gesprochen. Immerhin wollte er mich nun kennenlernen.

Die Gelegenheit dazu ergab sich anläss-lich einer Podiumsdiskussion in Berlin, die der Star geduldig wie ein Schüler, der gehorcht, absolvierte. «Ich bin ein guter Deut-scher», sagte er mir tags darauf beim ge-meinsamen Lunch in einem italienischen Restaurant, zu dem er nach durchzechter Nacht etwas verkatert erschien. Angereiste Journalisten hatte er sich, wie später zu lesen war, während des offiziösen Abendessens nach der Diskussion mit Ellbogenstössen vom Leib gehalten. Das Fernsehen und Fotografen waren nicht zugelassen.

Mir sass er nun gegenüber, dieser bleiche, vierzigjährige Jüngling mit Ohrring und fahlem Blick, dem man die Leidenschaft, die in ihm lodert, nicht ansieht. Wie schon abends zuvor trug er unter dem Sommer-anzug ein T-Shirt mit dem berühmten Spruch aus Melvilles Erzählung «Bartleby»: «I would prefer not to.» Seine geradezu schamlose Offenheit überraschte mich. Sogar eine Tonbandaufzeichnung erlaubte er. Delf Schmidt, der, von gelegentlichen Lachkrämpfen geschüttelt, danebensass, rief in regelmässigen Abständen das Wort «absurd» in den Mittagshimmel.

Unsere Unterhaltung, die wir auf Englisch führten, in Littells erster Muttersprache, dauerte knapp zwei Stunden. Bevor er in das Taxi stieg, das ihn zum Flughafen brachte, rief mir der Schriftsteller noch zu, ich könne ihn zur Fortsetzung des Gesprächs in Barcelona, wo er wohnt, angeblich um dem Rummel um seine Person zu entgehen, gerne besuchen. Aber es war genug.


Sie hassen Interviews.

Ja, man soll mein Buch lesen, das genügt. Wer sich für einen Schriftsteller interessiert, weil er sein Buch liebt, kommt mir vor wie jemand, der sich für Enten interessiert, nur weil er gern Stopfleber isst. Es ist Unsinn.

Sie sind mit einem einzigen Buch zum Star der internationalen Literaturszene geworden.

Genau das ist das Problem. Ich weigere mich, ein Star zu sein. Ich interessiere mich für andere Menschen, aber ich hasse es, über mich zu sprechen. Mein schwedischer Verleger hat mir einen langen Brief geschrieben, in dem er mich bat, nach Schweden zu kommen, um Interviews zu geben, damit er mein Buch besser verkaufen kann. Ich habe das abgelehnt.

Sie haben auch 2006 den Prix Goncourt, den renommiertesten französischen Literaturpreis, abgelehnt.

Nein, den kann man nicht ablehnen. Ich bin nur nicht zur Verleihung gegangen.

Der Preis ist mit zehn Euro dotiert, kein grosser Verlust.

Auf die zehn Euro warte ich noch immer vergeblich. Ich habe darum gebeten, mir den Check zuzuschicken. Aber bis heute habe ich ihn nicht bekommen. Als Julien Gracq 1951 den Prix Goncourt zurückwies, sagte die Jury:Fuck you, und hat ihn ihm trotzdem verliehen. Ich finde alle Literaturpreise grotesk und lächerlich.

Sie haben das damit begründet, dass solche Preise viel mit Marketing, aber nichts mit Kunst zu tun hätten. Sie wollten in keinen Wettkampf mit anderen Schriftstellern treten.

Ich habe für meinen französischen Verlag eine Erklärung verfasst, da stand auchnoch anderes drin. Der Verleger hat aus dem Text nur die Stellen veröffentlicht, die ihm angenehm waren, das andere hat er weggelassen.

Würden Sie den Nobelpreis annehmen, der Ihnen über eine Million einbrächte?

Nein, denn ich habe jetzt genug Geld.

Genug für das ganze Leben?

Ja, absolut. Ich habe mein Geld gut angelegt. Ich habe vorgesorgt.

Das bedeutet, Sie brauchten nichts mehr zu schreiben?

Im Prinzip nicht. Ich lebe sehr bescheiden. Ich brauche nicht viel. Aber seit ich berühmt bin, kann ich mit jeder Zeile Geld verdienen, sogar wenn ich etwas so Dummes veröffentliche wie meinen Essay «Le sec et lhumide», «Das Trockene und das Feuchte», den ich vor meinem Roman geschrieben habe. Ich profitiere von meinem Ruhm, aber ich hasse ihn. Vor sechs Monaten habe ich zu meinem Agenten gesagt, ich werde eine «Endlösung», wie es auf Deutsch heisst, für meine Berühmtheit finden. Er fragte mich, was ich damit meine. Ich antwortete, das werde er schon noch sehen.

Ein guter Anfang wäre es, würden Sie aufhören, öffentlich aufzutreten wie kürzlich anlässlich einer Berliner Podiumsdiskussion, bei der Sie sich von Historikern befragen liessen.

Das werde ich tun. Man hat mich mit viel Überredungskunst zu diesem Auftritt verleitet. Es war schrecklich. Man wiederholt sich dauernd. Eine Zeitlang fand ich es ganz akzeptabel, Kompromisse zu machen. Ich wollte nicht als jemand erscheinen, der sich versteckt wie Pynchon. Ich bin kein Einsiedler. Ich will nur nicht mit diesen langweiligen Leuten reden.

Ihr Kollege Houellebecq zog sich aus der Affäre, indem er für die Öffentlichkeit eine falsche Biografie erfand.

Das möchte ich nicht. Ich will nicht mit meiner Berühmtheit spielen. Mögen Sie Houellebecq?

Im Gespräch ist er recht amüsant und sehr fatalistisch.

Gefällt Ihnen, was er schreibt?

«Elementarteilchen» fand ich interessant. Und Sie?

Ich habe noch nichts von ihm gelesen.

Ihr Lieblingsautor ist Flaubert, richtig?

Einer meiner Lieblingsautoren. Flaubert ist wahrscheinlich der Autor, der mir das grösste Vergnügen bereitet. Wenn ich ihn lese, denke ich, uuaaahh, diese pure Schönheit des Stoffes! Wer ist Ihr Lieblingsautor?

Proust.

Mit Proust wird es mir ergehen wie mit Flaubert, uuaaaahh. Den habe ich mir aufgespart für Regentage.

Was Sie mit Houellebecq verbindet, ist die Betonung des Sexuellen.

Darüber können wir gerne reden, solange es nicht persönlich wird.

In Ihrem Roman beschreiben Sie ausführlich die homosexuellen Praktiken der Hauptfigur, eines SS-Offiziers im Zweiten Weltkrieg. Ich habe mich gefragt, woher Sie Ihre Kenntnisse haben.

Darauf antworte ich nicht. Chacun sa merde, wie die Franzosen sagen. Das ist privat. Sie sollten mich nicht fragen, mit wem ich ficke. Ich frage Sie ja auch nicht, mit wem Sie ficken.

Ich ficke nicht.

Dann tun Sie mir leid. Mögen Sie Käse?

Käse?

Es gibt hier eine französische Käseplatte.

Ich teile alles mit Ihnen.

Mit eingeschlossen Ihre sexuellen Geschichten. Aber im Ernst, sind Sie wirklich nicht an Sex interessiert?

Es gibt ja verschiedene Arten von Sex.

Ich verstehe.

Darf ich aus Ihrem Buch zitieren?

Bitte!

Da heisst es auf Seite 701: «Mein Arsch öffnete sich für ihn wie eine Blüte, und als er endlich eindrang, wuchs eine Kugel aus weissem Licht am unteren Ende meines Rückgrats, kletterte mir langsam den Rücken hoch und löschte den Kopf aus.» Das ist sehr poetisch.

Ja, aber ich werde Ihnen nicht die Motive erzählen, warum ich das schrieb.

Ich dachte, Sie haben diesen schwulen Ich-Erzähler gewählt, der ausserdem noch mit seiner Schwester schläft und seine Mutter ermordet, um ein Gleichgewicht zur Perversität des Nationalsozialismus herzustellen.

Nein, das war nicht der Grund. Die Gründe sind persönlich. Ich habe meine Probleme, und ich arbeite an meinen Problemen auf meine Art. Das geht niemanden etwas an. Zu glauben, ein Autor wisse, warum er dies oder jenes schreibt, ist ein weit-verbreiteter Irrtum in der Geschichte der Literaturkritik. Ich habe keine Schwester, und meine Mutter lebt. Ich habe zu ihr gesagt, die Tatsache, dass mein Romanheld seine Mutter ermordet, habe mit ihr nichts zu tun, das gebe es schon bei den alten Griechen, bei Aischylos, in der «Orestie», bla, bla, bla . . .

Sie sind verheiratet und haben zwei Söhne...

Ich bin nicht verheiratet.

Nicht?

Nein, ich lebe mit meiner Partnerin seit zehn Jahren zusammen, aber wir sind kein Ehepaar.

Dann steht in Ihrem Lebenslauf, den man überall lesen kann, etwas Falsches.

Über mich wird viel Falsches geschrieben.

Sie führen ein sozusagen normales Familienleben.

So ist es.

Lesen Sie weiter in der Heft-Ausgabe 25/08 (erhältlich am Kiosk) oder - exklusiv für Weltwoche-Abonnenten - hier auf der Website.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 25/08
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

Mehr zum Thema

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben