EM-Spezial

FC Harmonie

Die Schweizer waren gute Verlierer. Genau das ist das Problem.

Von Bruno Ziauddin

Diese Entschlossenheit, mit der er den Ball ins Tor drosch. Diese schwer tätowierten Arme, die er wie von Sinnen in die Höhe riss. Dieser irre Blick, mit dem er auf die Fankurve zusprintete. Dieses riesige Stadion, das zu explodieren schien. Das war Fussball. Grande calcio. Die 92. Minute im Derby zwischen Lazio und AS Roma. Schütze des Siegestors: Valon Behrami.

Ein paar Monate später. Ebenfalls ein Fussballspiel, ebenfalls die 92. Minute. Der freundliche Schiri aus Österreich pfeift ab, die Schweiz hat soeben einen nutzlosen Sieg gegen Portugal errungen. Ein schlimmer Moment, würde man meinen. Die Spieler müssen sich in die Ferien verabschieden, während in ihrem Land das drittgrösste Sportereignis auf Erden weitergeht. Und der einheimische Fussballliebhaber ist gezwungen, das zu tun, was er während Jahrzehnten tat: Er wird zum Fan-Transvestit und schenkt seine Zuneigung einem anderen Team. Holland, Portugal, whatever.

Wie eine christliche Wohngemeinschaft

Doch im Basler St.-Jakob-Park scheint dies niemanden zu kümmern. Gutgelaunte Fans mit herzigen Schweizer Kreuzli auf den Wangen klatschen und hopsen. Hakan Yakin gibt in aufgeräumter Stimmung Interviews. Er freut sich über seine zwei Tore. Dass er sie im falschen Spiel geschossen hat und in den beiden entscheidenden Partien in drei Schlüsselszenen dreimal versagt hat, ist kein Thema.

Auch Ersatztorhüter Pascal Zuberbühler lacht zufrieden. Er durfte nochmals mittun. Als «Abschiedsgeschenk». Weil er doch all die Jahre so ein Loyaler und Verdienstvoller gewesen ist. Trainer Jakob Kuhn, der in den letzten Tagen endgültig zum rührigen Onkel Köbi mutiert hat, redet von einem «Happy End». Und davon, dass dies der schönste Moment seiner Karriere sei. Seine Spieler halten ein Transpi in die Höhe, auf dem «Merci Köbi» steht. Transpi-Träger Johan Vonlanthen sieht jetzt so aus, wie er Fussball spielt: wie ein eifriger Junior.

Die Schweizer Mannschaft besass dieser Tage die Aura einer christlichen Wohngemeinschaft. Es kann kein Zufall sein, dass es Valon Behrami - dem einzigen Nationalspieler, der sich über längere Zeit in einer europäischen Topliga behauptet hat - so schwergefallen ist, sich in dieser aufgestellten WG zu «integrieren», wie man das in unserem auf den Tugenden Anstand, Ausgleich, Fleiss und Harmonie fussenden Land nennt.

Behrami steht für sogenannt unschweizerische Werte. Auf dem Feld: masslos, überbordend, mit fanatischem Siegeswillen ausgestattet. Daneben: Starallüren. Ein richtiger Schweizer Volksheld hingegen, der hat bescheiden zu sein und bodenständig. Inbegriff dieses Typus ist natürlich DJ Bobo. Der wird selbst dann ungeniert um ein Autogramm gefragt, wenn er, wie neulich geschehen, nach einem Prominenten-Mätschli nackt aus der Dusche kommt. Sogar Roger Federer, der grösste Schweizer Sportler aller Zeiten, der längst zum globalen Entertainer aufgestiegen ist, wird hierzulande zum bescheidenen nice guy kleingelobt. Dabei hätten gerade die Fussballnationalmannschaft und ihr selbstgefälliges Umfeld von Federer lernen können: Dieser ist im Triumph grosszügig, weltmännisch und souverän. Aber er ist ein schlechter Verlierer. Er hasst Niederlagen.

Unsere Fussballer hingegen sind gute Verlierer. «Merci Köbi» Klar, dieser Trainerhat etwas für den Schweizer Fussball geleistet, und er verdient es, dass man ihm im kleinen Kreis eine Torte überreicht mit entsprechender Marzipaninschrift. Aber in diesem sportlich so bitteren Augenblick, hätte da nicht etwas anderes auf dem Transparent stehen müssen? «Sorry, wir haben versagt» zum Beispiel?

Die Schweiz ist kein Land der öffentlichen Selbstbezichtigungen und gnadenlosen Abrechnungen. Die Schweiz ist einer der zivilisiertesten und unaggressivsten Orte auf diesem Planeten. Man muss dem Herrgott danken, an so einem Ort leben zu dürfen. Aber dass man mit gutschweizerischer Art in der Weltsportart Fussball bestehen kann, das sollten wir uns aus dem Kopf schlagen.g

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