Tradition

Der Vatermord

Holland fürchtete in der letzten Zeit, durch die Globalisierung seine Eigenart zu verlieren. Im Fussball zeigt sich: Die Holländer sind sich selber geblieben - mit grossem Erfolg.

Von Simon Kuper

Während ich in Bern von der Tribüne zuschaute, wie mein Team den Weltmeister Italien mit 3:0 deklassierte, schickte ein Jugendfreund eine SMS: «Lasse seit 30 Jahren kein Spiel der Oranjes aus, aber so was hab ich noch nie gesehen!» Noch besser zeigt sich das landesweite Staunen am Beispiel eines holländischen Radiomannes: Nach dem dritten Tor gegen Frankreich, das Arjen Robben durch eine gar nicht vorhandene Lücke erzielt hatte, lachte er wie hysterisch in sein offenes Mikro.

Ich bin kein Holländer, aber mein Vater arbeitete in den Niederlanden, deshalb wuchs ich dort auf. Wie alle dort habe ich den holländischen Fussball einfach in mir. Und wie alle dachte ich auch, dieses grossartigste holländische Kulturgut des letzten Jahrhunderts sei verloren gegangen. Doch in Bern haben wir es wiedergefunden, und zwar in neuer Verpackung, die für die ganze Generation reichen dürfte. Eine Nation tanzt auf den Strassen, jeder ausser der Vater des holländischen Fussballs selbst, Johan Cruyff.

Ihr Schweizer versteht vermutlich nicht, was den Holländern ihre Mannschaft bedeutet. Mehr als anderswo gehört das holländische Team dem ganzen Land. Die englische Nationalelf entstammt der Arbeiterklasse, die französische den banlieues, und eure ist einfach nur niedlich. Aber wenn die Holländer ein starkes Nationalteam wie jetzt spielen sehen, dann sehen sie ihr Land in Fleisch und Blut. Seit den siebziger Jahren sind wir enorm stolz auf unsere Mannschaft, die mehr als jede andere kleine Nation gewonnen hat und dank Cruyff einen besonderen, abenteuerlichen, eben «holländischen» Fussball spielt.

Unser 4:1-Kantersieg gegen Frankreich wurde von 11,2 Millionen Holländern im Fernsehen verfolgt, das entspricht 70 Prozent der Bevölkerung. Dagegen haben nur 21 Prozent der Schweizer - 1,6 Millionen - das Eröffnungsspiel gegen die Tschechen gesehen.

Wie gesagt, das Team gehört uns. Es sind keine Stars, sondern ganz gewöhnliche Leute, die in Reihenhäusern wohnen und eben zufällig gut Fussball spielen. Mit Jungs wie Edwin van der Sar oder Joris Mathijsen bin ich zur Schule gegangen. Gegen Dirk Kuyts Amateurverein hab ich oft in den Dünen an der Nordsee gekickt, wo unsere Gegner hünenhafte Albinos wie Kuyt waren, die gar nicht so gut spielten, uns aber trotzdem niederwalzten. Niemand auf den Tribünen verehrt die Spieler von heute. Wenn die Fan-Massen in Orange durch Bern fluten, steht auf ihren Trikots kaum je der Name eines derzeitigen Spielers. Wir feiern unsere Tradition, keine Individuen.

Wir hatten diese Tradition schon für tot gehalten. Im September 2001, als 19 islamistische Flugzeugentführer das liberale politische Modell des Westens in den Grundfesten erschütterten, tat Irland der holländischen Fussballphilosophie etwas Ähnliches an. Wir wurden in Dublin geschlagen und verpassten die WM. Wir merkten, dass unsere Taktik nicht mehr funktionierte. Das Fussballmodell, das Cruyff als Spieler in den Sechzigern erfunden hatte, ging so: ewig den Ball in den Reihen halten, dann einen Flügelstürmer anspielen, Querpass und Tor. Im 21. Jahrhundert kamen die gegnerischen Abwehrreihen besser und topfit daher. Immer seltener waren unsere Pässe ein «Sesam, öffne dich!». Wenn der Flügel einen Verteidiger umdribbelt hatte, kam schon der nächste und deckte das Tor.

Trotzdem hielt Coach Marco van Basten noch jahrelang an den Flügelstürmern fest. Fussballvater Cruyff wollte es so - als würden wir durch den Verzicht darauf plötzlich eine Art Deutschland werden. Die Debatte über die Flügelstürmer wurde zum Streit über das Holländischsein. Künftige Generationen werden das so abstrus finden wie die theologischen Dispute der holländischen Calvinisten um 1600 zu der Frage, ob alles prädestiniert sei oder nur beinahe alles. Für die Holländer aber, die ohnehin das Gefühl hatten, alle ihre Traditionen würden hinwegglobalisiert, war dieser Streit lebenswichtig. Wie schon der Titel eines kürzlich erschienenen, fast schon legendären holländischen Soziologie-Artikels lautet: «Die Niederlande gibt es nicht mehr.»

Intervention der Big Seven

Im letzten Herbst wurde van Basten von den Big Seven - sieben erfahrene, auslanderprobte Spieler - endlich überredet, die Flügelstürmer aufzugeben. Und wie sich zeigt, passt uns die neue, flügellose Formation wie angegossen: Mit zwei defensiv orientierten Mittelfeldspielern hinter sich, die immer wieder den Ball zurückerobern, können die Spielmacher Rafael van der Vaart und Wesley Sneijder ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Das System funktioniert, denn Italien und Frankreich haben wir mit ganz normalen Spielern wie Gio van Bronckhorst oder Orlando Engelaar abgefertigt. «Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.» Brecht hat recht. Wenn man mit solchen Leuten gewinnt, dann ist klar, dass hier die kollektive Tradition gewonnen hat.

Und wir haben weitgehend ohne Flügelstürmer gewonnen (bis Robben mal von der Bank geholt wurde). Das Ausland, das sich nicht um Taktik schert, begreift allerdings auch so, dass unser Spiel - unabhängig von der Aufstellung - typisch holländisch ist.

Holländisch ist, dass die Spieler mit dem Trainer beraten, wie er aufstellt. Holländisch ist das Kombinationsspiel in atemberaubendem Tempo. Holländisch ist, dass der Torhüter nur mit den Armen zu wedeln braucht, um ein Schweizer Stadion voller Holländer in Ekstase zu versetzen, weil sie alle die Fussballgeschichte der Oranjes im Kopf haben. Holländisch ist, dass ein Verteidiger (Gio) achtzig Meter nach vorn sprintet, um ein Kopftor zu machen, wenn man gegen den Weltmeister 2:0 führt. Holländisch ist, Frankreich und Italien punkto Technik auszustechen. Holländisch ist, in Knallorange zu spielen, wenn alle anderen Länder Rot, Weiss oder Blau tragen. Holländisch ist, dass der Trainer Pressekonferenzen in vier Sprachen abhält.

Und das Feiern nach dem Sieg gegen Frankreich war auch sehr holländisch. Am Stadionausgang gratulierte mir ein englischer Freund und Holland-Fan herzlich. Nur eins wunderte ihn: Warum hatten die Spieler nach dem Abpfiff eine Ehrenrunde hingelegt, manche mit ihren Kindern auf dem Arm? Das tut man nur, wenn man das Endspiel gewonnen habe, fand er. «Das war keine Ehrenrunde», antwortete ich. Die Spieler hatten einfach nur den Match mit ihren Fans feiern wollen, weil sie alle, Spieler wie Fans, in derselben Oranje-Tradition aufgewachsen sind. Die spielen besser Fussball als wir - aber das ist auch der einzige Unterschied. Das sah man auch nach dem vierten Tor gegen Frankreich, als Spieler und Betreuer sich gegenseitig einhakten und zum Gesang der Fans zu hüpfen begannen. Da war das Spiel noch gar nicht vorbei.

Vor dem Spiel fragte ich den Uefa-Präsidenten Michel Platini, ob dieses Team für ihn typisch holländisch sei. Er sagte: «Wenn der Trainer aus Holland ist, spielen sie alle so, weil es eine holländische Philosophie, eine Schule gibt. Auch die Russen unter Hiddink spielen wie Ajax damals, oder wie Cruyffs FC Barcelona.» Und wen kümmert es da, ob es Flügelstürmer gibt oder nicht? Nun, einen schon: Nach dem Triumph über Italien gab Johan Cruyff, heute 61, im holländischen Fernsehen das seichte Blabla eines Normalverbrauchers von sich, der durch einen Irrtum auf einmal um einen Expertenkommentar gebeten wird. Er hatte nichts zu sagen, denn der holländische Fussball ist in die Post-Cruyff-Ära eingetreten.

Eine echte Ödipusgeschichte: Der holländische Fussball mordet seinen Vater - und wird doch immer dessen Sohn bleiben.

Aus dem Englischen von Werner Richter

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