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18.06.2008, Ausgabe 25/08

Editorial Roger Köppel

Armee, überfl.

Armee als bewaffnete NGO. Schweizer Heiterkeit. Obama-Projektionen. Euro-Journalismus.

Von Roger Köppel

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Bootsunfall. Das Unglaubliche an der Schlauchboottragödie in der Kander besteht darin, dass der Unfall nicht in einem militärischen Manöver zustande kam, sondern bei einem Freizeitritual zur Verbesserung des Teamgeists. Wie ist so etwas möglich? Eigentlich müsste der Wehrdienst das urpubertäre männliche Bedürfnis nach Risiko, Nervenkitzel und Grenzerfahrungen ausreichend befriedigen.Offensichtlich war es bei den betroffenen Soldaten ganz anders. Sie wollten sich den «Kick» in der Freizeit holen. Man darf den Vorgang nicht überinterpretieren, aber er nährt dennoch einen Verdacht. In den letzten Jahren wurde die Schweizer Armee systematisch pazifiziert und verkleinert, belächelt und zu einer Unterabteilung des Sportdepartements herabgestuft. Unsere Soldaten sind nicht mehr in der Lage, die Landesgrenzen, die es seit Schengen faktisch nicht mehr gibt, zu verteidigen, dafür kommen sie an Fussball-Europameisterschaften, Landesausstellungen und im Katastrophendienst zum Einsatz. Kann es sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der schleichenden Aufweichung der soldatischen Kerntugenden und den paramilitärischen Ersatzritualen im Hochrisikobereich? Das Schlauchbootdesaster ist eben doch auch ein Sinnbild für eine Armee, die ihren Auftrag nicht mehr kennt und ohne nennenswerte Nebenwirkungen abgeschafft werden könnte.

Schweizer Zivilisationsniveau. Eigentlich ist es ein gutes Zeichen, dass die Schweiz nach dem Kollektivdebakel unserer Nationalmannschaft an der Fussball-EM nicht in eine nationale Depression verfiel. Das Land bewies durch seine desinteressierte Heiterkeit, durch den fast schon bizarr anmutenden Begeisterungsrausch nach dem unbedeutenden Sieg über Portugal, dass unsere Hoffnungen und Sehnsüchte eben doch nur sehr bedingt an der Leistungskurve unserer Fussballer hängen. Selbst in hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland hätte eine ähnliche Schlappe an der Heim-EM zu einer masochistischen Selbstinfragestellung auf allen Ebenen des Gemeinwesens geführt. In der Schweiz geht man mit gespenstischer Munterkeit zur Tagesordnung über. Der Nationaltrainer, der seine Truppe aus dem Turnier coachte, wird als Held gefeiert. Die hochbetagte Verbandsspitze darf sich ohne Gegenwind vor den Fernsehmikrofonen aufspielen. Die Episoden belegen: Auf dem Fussballrasen entladen sich nicht die tiefsten Regungen unseres Nationalcharakters. Vermutlich empfindet die Mehrheit der Schweizer dieses Spiel als das, was es trotz allem Getöse ist: eine an sich nicht unangenehme Form der Zeitverschwendung, die man sich in einem auf Wertschöpfung kodierten Kleinstaat eigentlich nicht leisten kann.

EU-Journalismus. Die Berichterstattung des Schweizer Fernsehens über das EU-Referendum in Irland zeichnet sich nicht gerade durch übertriebene Distanz zu Positionen und Wertungen Brüssels aus. Das Mehrheits-Nein der Inselbewohner wird vom Brüsseler SF-Korrespondenten Christoph Nufer im EU-Slang als Resultat einer Negativkampagne gewertet, in der es die EU-Gegner «meisterhaft» verstanden hätten, «Ängste zu schüren» und «Halbwahrheiten» zu verbreiten. In einem anderen Beitrag nennt er die Argumente gegen den Reformvertrag «sachlich widerlegt». Mit andern Worten: Nur Dummköpfe waren für das gefühlte Unbehagen ohne rationale Grundlage empfänglich. Als die Tschechen andeuten, sie würden sich demokratisch an den Entscheid der Iren halten und das Ratifizierungsverfahren abblasen, interpretiert Nufer konsequent auf EU-Linie: «Die Tschechen machen Probleme.» Widerstandslos hat sich der journalistische Begleittross in Brüssel zu einem verlässlichen Sprachrohr der Anliegen, Bestrebungen und Massregelungen der Euro-Elite entwickelt.

Obamologen. In Barack Obama wird unablässig die Sehnsucht nach einer Politik jenseits der Gegensätze und Konflikte projiziert. Die Hoffnung geht dahin, der Kandidat würde als Präsident die Wirrungen und Zerklüftungen der Bush-Ära beheben. Erste Deuter glauben bereits Anzeichen einer Zeitenwende zu erkennen, wonach der «konfrontative Stil der neunziger Jahre» im harmonischen Sowohl-als-auch des Erlöserpräsidenten aufgehen werde. Die Sehnsucht ist uralt, aber sie bleibt illusorisch. Interessanterweise begannen gerade die neunziger Jahre als ein Jahrzehnt der Selbsttäuschungen und Verblendungen, auf die der Realismus des frühen 21. Jahrhunderts wie ein Schock «konfrontativ» folgte.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus bestand die Hoffnung auf einen Globaltriumph der liberalen Weltordnung des ewigen Friedens. Die Dotcom-Blase liess die Leute während der Clinton-Jahre an eine Phase ungebrochener Wertschöpfung und märchenhafter Reichtümer ohne harte Arbeit glauben. Die Träume wurden jäh enttäuscht, und die grösste Ironie liegt darin, dass US-Präsident Bush, der als dezidiert wertkonservativer Innenpolitiker und Isolationist antrat, am Schluss eine internationalistische, «linke» Aussenpolitik durchboxen musste, weil ihm Umstände aufgedrängt wurden, die niemand vorausgesehen hatte. Auch unter einem Präsidenten Obama würde sich die Grammatik der Weltpolitik nicht ändern. Konfrontationen dürften das Merkmal einer Zeit bleiben, in der mit wachsender Erbitterung um Energiequellen gerungen wird und sich die Nebenwirkungen grosser Migrationen zeigen. Die journalistische Hoffnung auf einen weniger konfrontativen «Stil» erinnert ein bisschen an den Weltentwurf des Kleinbürgers, der sich sein Vorgartenidyll nicht durch schlechte Nachrichten verderben lassen möchte.

Feminismus. Die deutsche Zeitschrift Merkur hält fest: «Keine der uns bekannten Gesellschaften hat Frauen eine vergleichbar starke Stellung im Verhältnis zum Mann zugestanden wie die westliche im Schub der letzten Jahrzehnte.» Einverstanden?

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 25/08
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