Weltwoche-Editorial

Intern

Von Ihre Weltwoche

Das neue Hauptquartier des SVP-Vizepräsidenten ist schmucklos. Auf einer Mehrfamilienhausetage an einem Bahnübergang mit Blick auf die Geleise finden sich ein paar Büros und ein Sitzungszimmer, Raumhöhe geschätzte knapp zwei Meter. Das Mobiliar verbreitet die gepflegte Biederkeit eines Treuhandunternehmens. Ex-Justizminister Christoph Blocher meidet offensichtliche Prachtentfaltung, als er die Weltwoche-Redaktoren Philipp Gut, Andreas Kunz und Roger Köppel zum Gespräch empfängt. Am Tag nach der Abstimmungsniederlage wirkt der SVP-Strategiechef nachdenklich, aber kämpferisch. Auf die Frage, ob er jetzt erledigt sei, lächelt er nur mitleidsvoll. Erstmals spricht Blocher «über eine gewisse Orientierungslosigkeit», die ihn nach der Abwahl befallen habe. Über die Grenzen der Oppositionspolitik, die drohende Parteispaltung und seine politische Zukunft: «Wenn mich die Partei nicht mehr braucht, ziehe ich mich sofort zurück.»

Die olympischen Spiele der Kunstwelt sind eröffnet. An der Kunstmesse Art Basel treffen sich alle, die mit Kunst ein Geschäft machen wollen. Die Börsenmentalität hat sich in der Kunst fortgesetzt, und die Regel gilt: Teure Kunst ist gute Kunst. Doch was ist gute Kunst überdies? Welche Bedingungen muss sie erfüllen? Auf der Suche nach einer Antwort hat sich Weltwoche-Redaktorin Daniele Muscionico im Kunstmarkt umgesehen und ist zum Schluss gekommen: Je mehr Kunst es gibt, umso weniger Kunst gibt es. Wer hilft aus der Kunstfalle? Anders gefragt: Weshalb kann ein Exkrement von 30 Metern Länge einige hunderttausend Franken wert sein? Warum gilt der Künstler Terence Koh als neuer Warhol, wenn er Affenhintern auf Kleiderbügel hängt? Koh ist in Basel selbstverständlich mit dabei.

Am Samstag beginnt endlich die Euro 2008, wir werden jede Woche auf einer Doppelseite vorne im Heft berichten. Die Statistiken verheissen nichts Gutes für unsere «Nati» in diesem Turnier, schreibt der eine Weltwoche-EM-Kolumnist Bruno Ziauddin. Sein Kollege Simon Kuper bringt Trost: Er findet, man könne WM und Champions League vergessen - so viel Spass wie an einer EM bekomme der Fussballfan sonst nirgends. Kulturchef Peer Teuwsen wiederum hat sich immer wieder mit der Karriere, dem tiefen Fall und dem Wiederaufstieg von Köbi Kuhn beschäftigt. Der bislang erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer kann sein Land und sich an den Europameisterschaften unvergesslich machen. Aber funktioniert das System des Mannes, der ganz nach dem Prinzip Familie funktioniert?

Mit dieser Ausgabe verabschieden wir uns von Ralph Pöhner, der die letzten Jahre das Wirtschafts-Ressort der Weltwoche geleitet hat und sich nun selbstständig machen will. Mit ihm verlässt auch Marc Kowalsky das Blatt, er wird Mitglied der Bilanz-Chefredaktion. Wir danken den beiden für ihren grossen Einsatz und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute. Gleichzeitig begrüssen wir René Lüchinger, er wird auf Mandatsbasis in den nächsten drei Monaten das Ressort Wirtschaft leiten. Der erfahrene Journalist war zuletzt Chefredaktor von Bilanz und Facts. Er hat sich auch als Buchautor einen Namen gemacht («Der Fall Swissair»). Herzlich willkommen!

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