Film

Im Mahlstrom

Die TV-Serie «24» hat einen Vorläufer: den Kino-Reisser «The Big Clock». Jetzt gibt es ihn endlich auf DVD.

Von Wolfram Knorr

Jack Bauer ist der Bodenständige unter den hallodri-schen Leinwandhelden à la James Bond und Co. Bauer ist eine authentische Spiegelung der Überforderungsgesellschaft. Denn der Macker aus der TV-Serie «24» muss nicht nur den Staat vor Terroristen retten, auch den Präsidenten vor gutplatzierten Spionen, die Tochter vor fal-schen Freunden, seine Ehe - und alles gleichzeitig. Bauers heillose Probleme stecken auch noch gnadenlos in einem unerbittlichen Räderwerk: der Zeit. Eigentlich dürfte er nichts vertagen; er kann sich aber nicht klonen, und so gerät manches eben desaströs. Etwa seine Beziehungen, weil die Berufsverpflichtung wichtiger ist, wie im richtigen Leben. Eine gnadenlose und sehr aktuelle Ökonomie.

Aber halt! Es gab schon mal einen Bauer, der hiess George Stroud und war dem gleichen Stress ausgesetzt. Ist Bauer doch nicht so aktuell? Doch. Stroud kennt sowieso kaum einer. Jetzt lässt sichs ändern, dank DVD. Der rührige Koch-Media-Vertrieb begann mit einer exzellenten «Film noir»-Reihe, jenen düsteren Thriller-Klassikern aus den vierziger und frühen fünfziger Jahren, zu denen auch das Juwel «The Big Clock» gehört (deutscher Titel: «Spiel mit dem Tod»). Man könn-te fast meinen, Joel Surnow und Robert Coch-ran, die Erfinder von «24», hätten sich bei Kenneth Fearing (19021961), dem Autor von «The Big Clock» bedient jedenfalls was den Einfall der Echtzeit betrifft. 1946 veröffent-lichte Fearing, ein erklärter Pessimist wie Kollege Cornell Woolrich («Black Angel»), seinen Roman. Hollywood kaperte sich ruckzuck die Rechte.

Die Story war schliesslich bestechend: Der Pressemogul Janoth bringt seine Geliebte um und beauftragt seinen Top-Reporter, eben George Stroud, den Mörder zu finden. Der allerdings hat den Abend davor mit der Ermordeten in zahlreichen Bars verbracht. Für den zynischen Verleger, der nicht weiss, dass der nächtliche Begleiter seiner Ex sein Top-Reporter war, dient der «un-bekannte» Zecher als Bauernopfer. Stroud muss also gegen sich selbst ermitteln, sich schützen und zusätzlich seine Frau und seine Tochter beschwichtigen, denen er einegemeinsame Urlaubsreise versprach. Über allem thront, wie ein schauerliches Menetekel, die «big clock».

Den extrem spannenden, irrsinnigen Kafka-Plot hat 1948 John Farrow, Vater von Mia Farrow, mit glänzenden Schauspielern umgesetzt: Ray Milland als Stroud (bekannt aus Hitchcocks «Dial M for Murder») und - ein Leckerbissen der ganz besonderen Art - Charles Laughton als Janoth. Der britische Theaterstar, der über sich sagte: «Mein Gesicht kann eine Sonnenuhr zum Stehen bringen», scharwenzelt als aufgeblasener Ochsenfrosch durch sein Imperium. Wenn er sämig über sein Oberlippenbärtchen fährt und dabei gefährlich saccharinöse Urteile über seine Chefredaktoren fällt, die sich im obersten Stock seines Wolkenkratzers zum täglichen Rapport einfinden müssen, wird man Zeuge eines umwerfenden Scheusals.

Die Kamera gleitet durch Wände

Die «Echtzeit» setzt am Abend ein, mit Janoth, der Stroud verdonnert, ein dringliches Projekt auflagenfördernd aufzugleisen. Der Urlaub kann warten. Stroud beschwichtigt die Gattin, die aber rastet aus. Er sucht Trost in den Bars und stösst auf die Verleger-Geliebte, die auch sauer ist. Zurück in ihrem Appartement kläfft sie ihren Verleger-Lover an, worauf der ausrastet. Am nächsten Morgen beichtet der den Mord seinem Vize und bittet ihn um Hilfe. Stroud, der nun endlich mit Familie abdampfen will, keine Ahnung hat, was passiert ist und seinem Arbeitgeber helfen soll, schliddert in einen Alptraum. Es gibt Zeugen seiner Bar-Besuche. Offensiv und defensiv zugleich zu sein, macht irre. Die «grosse Uhr», auch wörtlich durch des Verlegers beinhartes Zeitdiktat, ist metaphorisch: Das mörderische Tempo des kapitalistischen Betriebs, am Hochhaus durch die vielen Redaktionen anschaulich gemacht, erweist sich als völlig zeitlos - ein Schwarzweissthriller aus dem Jahre 1948!

Die raffinierte Montage spielt genüsslich mit der Mentalität von Grossbetrieben: der Abhängigkeit. Es gibt kaum Schnitte; selbst dort, wo Wände sind, gleitet die Kamera hindurch in Büros, die Gefahrenherde sind (die Abhörskandale in Konzernen lassen grüssen); Polizei, dringt sie in den selbstreferenziellen Betrieb, wird als falsch entlarvt. Autor Fearing war in seinem Roman böser als der Film. Dort hat Stroud tatsächlich ein Verhältnis mit der Geliebten des Verlegers, während der schwul ist und deshalb den Mord begeht. Fearing liess sich für seinen Roman von einem Mordfall um eine Brauerei-Erbin und ihren Piloten-Gatten inspirieren, dem eine homosexuelle Beziehung zum Vater seiner Frau unterstellt wurde. Der Film musste glätten, blieb aber für die damaligen Verhältnisse verblüffend böse.

Eigentlich gehörte Kenneth Fearing nicht zu den klassischen «Noir»-Schreibern. Er war ein düsterer Lyriker der Depressionszeit; nur verdiente er damit kein Geld und schrieb (unter Pseudonym) Pornos und Science-Fiction für Pulp-Magazine. Mit «The Big Clock» landete er einen Hit, auch wenn Farrow die Vor-lage mit Screwball-Comedy-Einfällen aus der Düsternis ein bisschen befreite. Vielleicht macht genau diese Mixtur aus Ironie und bitterem Ernst «The Big Clock» so haltbar und frei von allem Zeitgeist.



The Big Clock (Spiel mit dem Tod)

Regie: John Farrow. USA, 1948

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