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21.05.2008, Ausgabe 21/08

Deutsche in der Schweiz

Herumbrüllen? Funktioniert nicht

201 889 Deutsche lebten Ende 2007 in der Schweiz. Im Kanton Zürich sind sie mit 19 Prozent die grösste Ausländergruppe. Ein neues Buch beschäftigt sich mit dem angespannten Verhältnis zum wenig geliebten Nachbarn und Mitbürger. Ein exklusiver Vorabdruck.

Von Bruno Ziauddin

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Für dieses Büchlein habe ich mit zahlreichen Menschen gesprochen, mit Schweizern und, im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung, auch mit ein paar Deutschen, die sich in unserer schönen Heimat niedergelassen haben. Von Letzteren sollen jene, die sich positiv über unser Land geäussert haben, ausführlich zu Wort kommen. Und: Auch wenn dies hier nicht als Plattform für ausufernde Schweizkritik gedacht ist, werden vielleicht sogar Birgit und Jenny zu Wort kommen. Ich kann aber nichts versprechen. Mal sehen, wie sich meine Laune im Lauf des Kapitels entwickelt.

Wenn man mit den verschiedensten Menschen spricht, kommen einem die verschiedensten Fragen in den Sinn. Aber auch immer die gleichen. Zum Beispiel: Sind sich Schweizer und Deutsche letztlich zum Verwechseln ähnlich? Von den professionellen Schweiz-Verstehern wird diese Frage mit einem überzeugten Ja beantwortet. Es gebe so viele Dinge, die nahezu identisch seien, von den Eigenschaften, die man beiden Völkern zuschreibe - Zuverlässigkeit, Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und so weiter -, über den gemeinsamen Kulturraum zur Sprache und vielem mehr. Dies sei auch ein wesentlicher Grund für allfällige Sticheleien, Rivalitäten und Antipathien. (Dazu gibt es eine traurige Umfrage, die besagt, von allen Nachbarvölkern sei das deutsche den Schweizern am wenigsten sympathisch.) «Narzissmus der kleinen Differenz», nannte Freud dieses Zelebrieren geringfügiger Unterschiede. Das ist natürlich schön gesagt. Schöner sagte es nur der Autor und Literaturwissenschaftler Dietrich Schwanitz, der von der «Fast-Harmonie als Kontrastfolie für die totale Unerträglichkeit des Minimalrestes» sprach und, wie zum Beweis, dass er auch einfacher kann, ergänzte: «Wenn ein Fussballspieler weit am Tor vorbeischiesst, ist das nicht weiter aufregend. Wenn er aber das Leder nur wenige Zentimeter danebenhaut, heult die Menge auf, obwohl der Spieler doch genauso danebengeschossen hat wie im ersten Fall.» Ich habe mit niemandem gesprochen, der so tollkühn gewesen wäre zu behaupten, an dieser Sichtweise sei überhaupt nichts dran. Allerdings betonten erstaunlich viele der Befragten - vor allem Schweizer - eher die Unterschiede als das Gemeinsame. Ein Pressefotograf aus Luzern, in beiden Ländern tätig, sagte: Deutsche Kunden würden Bilder wünschen, auf denen immer alles hell ausgeleuchtet und scharf sein müsse. Sie liebten es eindeutig. Mit Doppelbödigem, Verspieltem, Mehrdeutigem, wie man es in der Schweiz schätze, könnten sie nichts anfangen. Am schlimmsten seien die deutschen Journalisten. Wehe, man erfreche sich als simpler Foti-Tschumpel, eine Meinung zu äussern, die nicht in deren erdbebensicheres Weltbild passe. Zum Beispiel, dass die Amis nicht einfach nur dumm und böse seien. Das habe er sich mal einem ARD-Reporter in Afghanistan zu erwidern erlaubt. Das sei das sofortige Ende der Unterhaltung gewesen. Zudem: Viele Schweizer, übrigens auch die Städter, seien letztlich von einer zurückhaltenden Bergler-Mentalität geprägt. Daher würden wir uns nicht jeden Mist aufschwatzen lassen und jedem Idioten hinterherrennen. «Unser Herdentrieb ist weniger ausgeprägt als bei den Deutschen.»

Starker Glaube an Hierarchien

Eine Drehbuchautorin erzählte, sie tue sich «auch nach etlichen Jahren der Zusammenarbeit immer noch schwer mit dem hierarchischen Denken der Deutschen». In der Schweizer Filmbranche duze man sich, egal ob man sich kenne oder nicht, und zwar vom Produzenten über die Crewmitglieder bis hin zum Kinobetreiber und Verleiher. Sie werde nie die entsetzten Gesichter vergessen, als sie das erste Mal die Bavaria Studios betrat und die Chefproduzentin mit «Freut mich, dich endlich kennenzulernen» begrüsst habe. «Das war eine Majestätsbeleidigung.» Deutsche seien stets darauf bedacht, die eigene Position innerhalb der Hierarchie herauszustellen. Sobald sie sich irgendwoher einen Titel ergattert hätten - und sei er noch so unbedeutend oder gar albern -, werde er auf alle Visitenkarten gedruckt. «Damit würde man sich bei uns in der Schweiz zum Affen machen.» Am Arbeitsplatz ist das ungleiche Hierarchieverständnis ohnehin eines der Themen, das am häufigsten zu Reibereien führt - vor allem wenn Schweizer die Untergebenen und Deutsche die Vorgesetzten sind. Ein jüngerer Psychiatriepfleger aus Basel, der auf meine Frage, worin sich denn Chefs aus den beiden Ländern unterscheiden würden, unvergesslicherweise antwortete: «Kann ich nicht beurteilen, hatte bisher immer nur deutsche», dieser Psychiatriepfleger erzählte mir von den «Erziehungsmassnahmen» in seiner Abteilung für frisch aus Deutschland zugezogene Ärzte. Er sehe ja nicht grad aus wie die klassische Sekretärin, sagte der ein Meter neunzig grosse Mann mit der Stahlwolle im Gesicht. Dennoch habe neulich wieder so ein Oberarzt aus Kassel, der noch nicht lange in der Schweiz arbeite, gemeint, er, der Pfleger, sei dafür bezahlt, Fotokopien anzufertigen, Stühle ins Besprechungszimmer zu stellen und dem Herrn Doktor die Unterlagen hinterherzutragen. Deswegen habe er sich ein Pappschild umgehängt, wo Gango draufstand. Natürlich erkundigte sich der Oberarzt, warum er dieses Pappschild trage und was denn Gango überhaupt heisse. Man erklärte ihm die Bedeutung des Wortes sowie die Umstände, die zu dieser kleinen Demo geführt hatten, worauf sich der Arzt entschuldigte und gelobte, sich künftig zu bessern. Dazu muss man wissen, dass an Schweizer Krankenhäusern - oder Spitälern, wie das bei uns korrekterweise heisst -, dass also an unseren Spitälern das Pflegepersonal weitreichende Kompetenzen besitzt und die Hierarchien viel flacher sind als in Deutschland. Dort spukt vielerorts noch der Geist des guten alten preussischen Militärarztwesens durch die Kliniken. Dies schlägt sich im Umgangston nieder, der dann von den in die Schweiz ziehenden Medizinern importiert wird, hier aber unglaublich schlecht ankommt, weswegen er ihnen von einheimischen Krankenschwestern und Pflegern in mühsamer Kleinarbeit wieder aberzogen werden muss. Nicht alle deutschen Mediziner seien so lernfähig wie der Oberarzt aus Kassel, wusste mein Psychiatriepfleger weiter zu berichten. Dessen Vorvorgänger, ein Manöggel mit merkwürdigem Schnauzer und hässlichen Schuhen, habe, wenn ihm etwas nicht passte, herumgestampft wie ein Rumpelstilzchen und die Leute angebrüllt. «Das war so absurd, dass es fast wieder geil war. Wir haben uns immer heimlich einen abgelacht.» So ungefähr ab dem dritten Anfall habe den in der Abteilung keiner mehr ernst genommen. Irgendwann hat der Pfleger damit angefangen, mit einem Kolleg zusammen das Männlein gezielt zum Ausflippen zu bringen, indem sie sich in dessen Hörweite unterhielten, als seien sie Ärzte: «Sollen wir Patient Meier isolieren?» - «Ja, machen wir.» - «Valium-Dosis erhöhen?» - «Ich würde abwarten.» - «Gehirntomografie?» - «Erachte ich als angezeigt.» Nach einigen Monaten, schloss der Psychiatriepfleger lächelnd, habe das Männlein seine Siebensachen gepackt. Ob es sich noch in der Schweiz aufhält, ist nicht überliefert beziehungsweise habe ich nachzufragen versäumt. Um den Nutzwert dieses Büchleins für potenzielle Schweiz-Auswanderer auf einen Schlag massiv zu erhöhen, sei aber an dieser Stelle verraten: Wer Schweizer Arbeitskollegen einschüchtern will, der soll sich einen perfekt sitzenden Anzug kaufen, lässig an den Sitzungstisch lehnen und mit ruhiger Stimme in bestem Hochdeutsch ein paar kunstvoll gedrechselte Sätze von sich geben und dabei so dreinschauen, als entspanne ihn das Vortragen kunstvoll gedrechselter Sätze mindestens so sehr wie das abendliche Melisse-Schaumbad. Aber herumbrüllen? Funktioniert nicht. Ich vermute, bei unserer Brüll-Immunität handelt es sich weniger um eine zivilisatorische Leistung als um die Folge einer anatomischen Eigenheit unseres Volkes. Entsprechende Beobachtungen konnte ich erstmals an der Fussballeuropameisterschaft in Portugal im Jahre 2004 machen (das ist jenes Turnier, an dem die deutsche «Elf» bereits nach der Vorrunde wieder nordwärts fuhr). Die Schweiz spielte gegen England (das Resultat tut hier nichts zur Sache), und in unserem Sektor sangen vielleicht achttausend Fans «Schwiizer Natzi olé, olé!». In den Sektor hatten sich auch ein paar hundert Engländer verirrt. Und die waren tatsächlich lauter als die achttausend Schweizer. Muss an unseren Kehlköpfen und Stimmbändern liegen. Einfach nicht für laute Töne gebaut. Weswegen wir für diese auch nicht empfänglich sind. Ein einheimischer Oberkellner in einem der teuersten Häuser Berns vermochte mir das Hierarchie-Thema aus der umgekehrten Warte zu schildern. Er wolle betont haben, sagte der Oberkellner als Erstes, dass man im Schweizer Gastgewerbe kaum mehr Aufhebens um die Deutschen mache, weil schon so lange so viele hier arbeiteten, vor allem aus Ostdeutschland. Leistungsbereitschaft, Freundlichkeit, Sachkompetenz - da habe er in all den Jahren eigentlich nur individuelle Unterschiede ausmachen können, keine, die sich auf die Nationalität beziehen würden. Allerdings habe er manchmal den Eindruck, dass Deutsche in der Tendenz eher gegen oben kuschen und gegen unten - die portugiesische Putzfrau, den tamilischen Küchengehilfen - treten würden. Entsprechend fahre man als Vorgesetzter besser, wenn man «DDR-Schwimmklassen-mässig» vor sie hintrete und klare Befehle erteile. «Mich dünkt, die brauchen das fast ein wenig.» Ein Schweizer Mediziner, der glücklich mit einer Hannoveranerin verheiratet ist, sieht das offenbar genauso. Er ist Orthopäde und leitender Arzt an einem grossen Schweizer Krankenhaus. Wir trafen uns spätabends zum Kaffee, er hatte an jenem Tag drei Operationen hinter sich. Nach einer kurzen Phase des Smalltalks kniff er die Augen zusammen und sagte mit eisiger Stimme: «Jüngere Schweizer Kollegen führe ich, indem ich Energie und Begeisterung verströme. Wenn du aber mit Deutschen auf Kumpel machst, dann läufst du Gefahr, dass sie dir auf der Nase herumtanzen. Da hilft nur eins: den Chef rauskehren, und wenn sie nicht spuren, knallhart auftreten - mit Operationsverboten drohen, solche Sachen.» Der selbstbewusste Auftritt, das rhetorische Geschick, die eigene Leistung verkaufen können, sich nicht kleinmachen: Das sei es, was die Schweizer von den Deutschen lernen müssten. Allerdings könne es bei denen rasch einmal in ein «lächerliches Gorilla-Gehabe» kippen, vor allem bei jenen, die «eher zu den Nieten als zu den performern» gehörten. Beim Einstellungsgespräch für eine leitende Position habe ein deutscher Bewerber neulich gesagt: «Dieses Krankenhaus hat grosses Potenzial.» Nachdem mir der Orthopäde das erzählt hatte, schob er die Espressotasse ein klein wenig zur Seite. Er sah jetzt so gefährlich aus wie eine entsicherte Handgranate. Er atmete tief ein, hielt kurz inne und sagte dann sehr ruhig: «Der Bewerber kam aus einem Provinzkaff. Er leitete dort eine bessere Apotheke. Wir hingegen sind eines der besten und modernsten Spitäler im gesamten deutschsprachigen Raum. Und so einer attestiert uns -Potenzial-.» Nein, eine derartige Mischung aus Arroganz und Unkenntnis, die habe er bei Schweizern noch nicht erlebt. Natürlich wollte ich wissen, was denn die Ehefrau dazu sage, wenn er mit ihren Landsleuten so hart ins Gericht gehe. Seine Frau sei ein kämpferischer Typ, antwortete er. Im Zweifelsfall sei es sie, die ihm einschärfe: «Lass dich nicht unterkriegen von denen!» Jetzt grinste mich der Orthopäde breit an und sagte: «Sie sehen also, ich habe die Lizenz zum Töten.» [...]Des Weiteren rief ich meinen Billardpartner Fred an, den ich jeweils am Montagabend zu demütigen pflege, und bat ihn, mir ein paar Deutschenwitze zu erzählen. Fred arbeitet in der Versicherungsbranche und ist witzmässig immer auf dem neusten Stand. Er könne mir leider nicht weiterhelfen, antwortete er. Die Deutschen eigneten sich nicht als Witzobjekt, dafür seien sie einfach nicht lustig genug. Schon gar nicht jene, mit denen er zusammenarbeite. Die seien humorlos. Und pedantisch. Würden immer um Punkt 17.00 Uhr ihren Computer ausschalten. Nie auch nur eine halbe Minute später. «Kein Wunder, haben sie den Krieg verloren, bei der Einstellung.»

Deutscher Masochismus

Ich habe nicht im Sinn, an dieser Stelle die leidige Frage zu erörtern, wer weniger Humor besitzt, wir oder die Deutschen. Nicht dass ich mich vor solch schwierigen Fragen drücken würde. Es ist einfach nicht der Moment dazu. Gestern Abend sah ich mir im Schweizer Fernsehen eine der angeblich beliebtesten Unterhaltungssendungen im Land an. In zwölf Monaten Einzelhaft auf Guantánamo hätte ich öfter gelacht. Nach der Sendung fühlte ich mich so sterbenseinsam wie jene Helden aus Science-Fiction-Romanen, die eines Morgens aufwachen und feststellen, dass sie ganz allein auf der Welt sind. Ich setzte mich an den Computer und mailte meiner Lektorin in Hamburg, ob man die Stossrichtung des Büchleins nicht ein wenig korrigieren könnte, ein bisschen mehr in Richtung Anti-Schweiz. Die Lektorin schrieb zurück, ich solle mich gefälligst zusammenreissen. Das hat sie natürlich nicht gemacht. Schliesslich hat sie im Laufe unserer Zusammenarbeit realisiert, dass Schweizer nur in den seltensten Fällen positiv auf Anweisungen aus dem Ausland reagieren. In Wahrheit schrieb sie: «Das ist eine ausgezeichnete Idee, lieber Herr Ziauddin. Leider...» Im Wesentlichen machte sie mir klar, dass sich die Deutschen mehr für ein Anti-Deutschen-Buch als für ein Anti-Schweizer-Buch interessieren würden. Seid-s ihr wirklich so masochistisch, liebe Detlefs? Das wäre ja ein nachgerade sympathischer Zug.Roger Boyes, Deutschlandkorrespondent der Times und Kolumnist des Tagesspiegels befand sogar, Deutschland sei «ein faszinierend neurotisches Land, das sich für normal hält. Was das Land (und seine Frauen) so faszinierend macht, ist der permanente Selbstzweifel, diese Gereiztheit und latente Aggressivität.» Nun bin ich ein ausgesprochener Deutschland-Nichtexperte und somit keinesfalls befugt, das Urteil von Mister Boyes anzuzweifeln. Schliesslich ist er ein ausgewiesener Krautologe, der seit über dreizehn Jahren im Land lebt - das ist mehr als doppelt so lange, wie der Zweite Weltkrieg dauerte! (Ich stehe sonst nicht so wahnsinnig auf diese Art von Scherzen. Aber wenn man über einen Engländer schreibt, der über Deutschland schreibt, was bleibt einem anderes übrig?) Gereiztheit? Auch wenn das jetzt nun wirklich nicht in dieses Büchlein gehört: Auf meinen beiden letzten Deutschlandreisen waren die Leute tendenziell eher reizend nett. Aggressivität? Mag sein, und auf den Autobahnen, so habe ich mir sagen lassen, sei das ganz bestimmt so. (Ich bin der schlechteste Autofahrer der westlichen Hemisphäre, weswegen ich mich höchstens auf eine Autoscooterbahn traue.) Andererseits: Am Ku-damm in Berlin bleiben die Fussgänger doch tatsächlich bei Rot an der Ampel stehen und warten, bis es grün wird! Selbst dann, wenn schon seit zwei Minuten kein Fahrzeug mehr vorbeigekommen ist. In Zürich würde man mit solch sonderbarem Verhalten die Zwangseinweisung in eine Klinik für Burn-out-Patienten riskieren. So brave, so disziplinierte - so unaggressive Fussgänger, die gibt es sonst nur in Pjöngjang, und das wohl auch nur noch so lange, bis sie dort diesen irren Despoten mit dem Mondgesicht verjagt haben. Bleiben die «permanenten Selbstzweifel». Schon möglich, dass sich die Deutschen damit herumschlagen. Allerdings, und wie bereits geschildert, setzen die in der Schweiz lebenden Exemplare alles daran, diese Selbstzweifel vor uns zu verbergen. Eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus: Kann es wirklich sein, dass die Deutschen ein neurotisches Volk sind? Ich dachte immer, Voraussetzung für diese Charakterqualität sei ein grosses Mass an Fantasie und Sensibilität. Meine Schweizer Gesprächspartner berichteten mir jedoch von Begebenheiten wie diesen: «In meinem Stammlokal wird ein Fussballspiel auf Grossleinwand übertragen. Kommt ein Typ herein und stellt sich genau vor mich hin, obwohl er einen halben Kopf grösser ist und es links und rechts noch genug Platz hat. Ich tippe ihm auf die Schulter und sage: -Könnten Sie bitte ein wenig zur Seite stehen, Sie versperren mir die Sicht.- Er auf Hochdeutsch: -Tja, so bin ich nun mal.-» - «Ich stehe an der Tramhaltestelle, neben mir eine deutsche Mutter mit Kinderwagen. Als das Tram kommt, frage ich nett, ob ich ihr beim Einsteigen helfen solle. Sie schnauzt zurück: -Sehen Sie hier sonst noch jemanden?-» - «Wir sitzen zu zweit am Tresen und trinken ein Bier. Das Lokal ist ziemlich voll. Irgendwann kommen zwei deutsche Frauen und fragen freundlich, ob sie nicht rasch etwas bestellen können. Also machen wir Platz und warten, bis sie bedient werden. Nach ein paar Minuten merken wir, dass es sich die Frauen mittlerweile auf unseren Stühlen bequem gemacht haben. Ich gehe zu den beiden hin und erkläre ihnen, dass wir unsere Plätze gerne wiederhätten. Antwortet die eine: -Ladiesfirst - kennt man das bei euch in der Schweiz nicht?-» Dann gab es diesen weniger offensichtlichen Fall auf der Fahrt im Intercity von Basel nach Bern. Ein Zugbegleiter schiebt den Getränkewagen durch den Gang und ruft in flottem Hochdeutsch: «Kaffee oder Schokolade für den erfolgreichen Nachmittag?» - Allgemeines Schweigen. «Nein? Kollektive Konsumverweigerung?» Nun ist das fraglos eine eher originelle Art, Getränke und Snacks anzupreisen. Trotzdem kam der Auftritt der «Saftschubse», wie so ein Zugbegleiter in Deutschland offenbar genannt wird, bei den Reisenden nicht sonderlich gut an. Sind halt humorlos, diese Schwitzer, würde die naheliegende Erklärung lauten. Ich glaube, sie ist falsch. Nicht einmal unser Nationalkabarettist Emil hätte mit dieser Zug-Nummer Erfolg gehabt. Der Grund: Schweizer kommunizieren nicht mit einem Raum. Sie mögen keine öffentlichen Ansagen.

Sie können es einfach nicht besser

Nun ist das zuerst einmal weder gut noch schlecht. Es ist hier einfach so. Das Problem ist, dass der Saftschubse anscheinend das Gespür dafür abging, dass es bei uns nun mal so ist. Oder dass ihr das Gespür dafür nicht abging, sie sich aber darum foutierte, ob Schweizer diese Art aufzutreten für passend halten oder nicht. In dem Punkt sind wir schon sehr anders. Zum Beispiel haben wir eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, im Ausland nicht aufzufallen und uns bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. Das können wir natürlich nur, weil wir andauernd registrieren, was um uns herum so abgeht, und weil es uns überhaupt nicht egal ist, was andere von uns denken. Vielmehr neigen wir dazu, jeglichen Anlass für Kritik zu vermeiden und uns wegen jeder halbwegs in unsere Richtung gerunzelten Stirn schwer betupft zu fühlen. Meinetwegen kann man diese Mimosenhaftigkeit und diesen stets auf Stand-by geschalteten Empathie-Modus für übertrieben halten und für verkrampft. Doch wovon wir zu viel haben, davon haben die Deutschen zu wenig. Dabei muss es sich nicht einmal um bösen Willen handeln, siehe Saftschubse. Nein, manche können es einfach nicht besser. Sie bewegen sich mit einer gewissen Tapsigkeit, Ahnungslosigkeit, manchmal auch Trampelhaftigkeit durch fremdes Gehege, ohne überhaupt zu merken, dass sich alle nach ihnen umdrehen. Mit super maximal gutem Willen könnte man jetzt sagen: Manche Deutsche sind von einer erfrischenden Unbefangenheit - von einer unneurotischen Unbefangenheit. [...]Obwohl ich die Spannung über Dutzende Seiten brutal aufgebaut habe, muss ich gestehen: Soo schlimm war es nun auch wieder nicht, was Birgit und Jenny über uns Schweizer zu sagen hatten. Ich würde mal behaupten: Zwischen Russen und Tschetschenen, Alice Schwarzer und Eva Herman, Hutu und Tutsi, Papst Benedikt XVI. und der Arbeitsgemeinschaft Schwule Theologie e.V. ist die Chemie auch nicht besser. Auf meine Frage ganz zu Beginn unseres Gespräches: «Schweiz - Daumen hoch oder runter?», konnten sich die beiden sogar auf ein «drei viertel hoch» einigen. Das Problem ist nur, dass erstens diese Antwort bei 99,4 Prozent aller zurechnungsfähigen Schweizer dieselbe Reaktion provoziert: Wieso nur dreiviertel? Zweitens gewann ich im Verlauf unserer Unterhaltung den Eindruck, dass es sich beim Rest um das grösste Viertel in der Geschichte des Bruchrechnens handeln muss. Birgit (aus Landshut) und Jenny (aus Leipzig) finden die Schweizer:

- extrem langsam; und zwar noch langsamer, als man gedacht hatte;
- extrem verschlossen; in fünf Jahren Schweiz hat Birgit lediglich eine gute Freundin gefunden (Jenny) und Jenny auch nur eine (Birgit);
- total unspontan; zum Glühweintrinken muss man sich vier Wochen vorher anmelden; - überpünktlich - wenn man mal eine Dreiviertelstunde zu spät kommt, nehmen sie es grad persönlich;
- überheblich - glauben, sie könnten besser Englisch als die Deutschen, was überhaupt nicht stimmt.

Zudem:

- Die Joghurt-Auswahl ist viel zu klein, und beim Bäcker gibt's um zehn nach zwölf nicht einmal mehr ein Sandwich zu kaufen, da fragt man sich dann schon: Sind wir hier in Polen?
- muss man hier bei jedem geschäftlichen Anruf mit jedem mindestens fünf Minuten lang quatschen;
- trennen Schweizer Job und Privatleben ganz streng, weswegen man bei der Arbeit kaum Leute näher kennenlernt;
- nehmen sie im Job immer alles persönlich; man muss immer alles fünfmal diskutieren, jeden um seine Meinung fragen und Kritik immer in einen Blumenstrauss packen;
- ist der Schweizer Mann ein Waschlappen; deutsche Männer sind selbstbewusster und machen auch mal 'ne Ansage;
- begegnen sie Österreichern viel freundlicher als Deutschen.

Immerhin hat Jenny festgestellt, dass es in letzter Zeit ein wenig besser geworden ist. «Ich glaube, in Zürich sind die Deutschen jetzt die meisten Ausländer. Da merkt man schon, dass sich die Schweizer umgewöhnen müssen.» Birgit ergänzte: «Was würdet ihr ohne uns machen? Nichts! - Ich kann nicht nachvollziehen, wieso wir nicht gemocht werden.»

Bruno Ziauddin: Grüezi Gummihälse. Warum uns die Deutschen manchmal auf die Nerven gehen. Rowohlt
Taschenbuch. 224 S., Fr. 16.80. Erscheint Anfang Juni.
Die Buchvernissage findet am 26. Mai im Zürcher «Kaufleuten» statt. Der Autor liest aus seinem Werk und unterhält sich mit dem Theaterintendanten Michael Schindhelm und der Annabelle-Chefredaktorin Lisa Feldmann. Moderation: Roger Köppel.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 21/08
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