Film

Super-Kirmes

«Iron Man», bizarrer Comic-Hero, wird im Kino zum vergnüglichen Grotesk-Intellektuellen.

Von Wolfram Knorr

Kunst, so wird behauptet, sei die Fähigkeit, Unbewusstes bewusst und Unmögliches möglich zu machen. Wenn das stimmt, dann müssten die Superhelden aus dem Strich­universum Kunst sein, für die Epoche der technischen Reproduzierbarkeit so bedeutend wie die Monumentalstatuen für die Renaissance. Wahrscheinlich ist an dem Befund was Wahres. Tony Stark, Waffenfabrikant, Milliardär, Ingenieur und Konstrukteur zum Beispiel, ist die Personifikation eines amerikanischen Wunschtraums. Mit einer genialen Hightech-Rüstung führt er nämlich vor, wie das leidige Terrorismusproblem zu lösen ist: Als Iron-Man-Einzelkämpfer düst er nach Afghanistan, setzt sämtliche in den stählernen Körperpanzer integrierte Waffen ein, und – aus die Maus – der Superspuk findet ein Superende. War nicht die Strategie von Donald Rumsfeld, Ex-US-Verteidigungsminister, ähnlich (wenig Soldaten, aber hochtechnifiziert)?
Die Superhelden jedenfalls hatten ihre Hoch-Zeit in Kriegszeiten. Auf dem Cover eines «Daredevil»-Heftes aus dem Jahre 1943 ­heisst es: «Die schrecklichste Schlacht, die je geschlagen wurde – Hitler hat die Karten gegen die Menschheit gemischt – Aber – Dared­evil zeigt dem verrückten Spieler des Hasses das As des Todes.» Und Superman, der Vater aller Superbuben in den Farbtrikots, packte schon Jahre früher in einer zweiseitigen Story Hitler am Schlafittchen und schleppte ihn vor ein Tribunal der Vereinten Nationen.

Als der Pulp-Verleger Martin Goodman 1939 ins Comic-Geschäft mit dem Marvel-Verlag einstieg und nach einem Supergoodguy und Superbadguy suchte, fanden seine Zeichner den Letzteren in Hitler und steckten den Superguten der Einfachheit halber in ein Trikot mit den Farben und der Grafik der US-Flagge, nannten ihn Captain America und liessen ihn ruck, zuck den Führerbunker stürmen und Adolf einen Kinnhaken versetzen («Aaarrrggghhh!»). «Captain America» wurde erfolgreich, gehörte aber zu jener Heldenfraktion, die es auf dem europäischen Markt schwer hatten. Sie waren, wie etwa «Justice League of America», «Ant-Man», «The Atom», zu patriotisch oder einfach einen Strich zu irre. Auch «Iron Man», als eine Art Reaktion auf «Metal Men» (bei denen es sich allerdings um Roboter handelte), gehörte dazu.

Jack Kirby, der schon an «Captain America» mitgebosselt hatte, sollte für den Marvel-Comic-Herausgeber Stan Lee eine Alternative zur Super-Bagage entwickeln; mal keinen, der in irgendeinen Chemiebottich gefallen ist, von Spinnen gebissen wurde oder aus einer anderen Galaxie stammt. Einen Typen wie Howard Hughes, der sich mit irren Flugzeugkonstruktionen selbst zum Mythos machte. Vor diesem Hintergrund entstand der Playboy, Wirtschaftsmagnat, Waffenproduzent und Konstrukteur Tony Stark, der in Vietnam von einer Landmine verwundet und am Herz von einem Splitter getroffen wird. Um das Herz am Pumpen zu halten, entwickelt er eine raffinierte Rüstung, die seine Superherzprobleme mindert und ihn, auch nicht anders als den «schwarzen Ritter» beim Lanzenturnier, dank der Rüstung superunverwundbar macht.

Superheld mit elegantem Witz
Stan Lee, der aus Martin Goodmans Verlag ein Super-Medienunternehmen machte, erkannte die Zeichen der Zeit, vergab TV- und Filmrechte, verdiente super an den Comic-Verfilmungen («Spider-Man») und wagte sich mit «Iron Man» erstmals alleine ins Filmbusiness. 180 Mio. Dollar soll der Spass verschlungen haben. Ein kühnes Budget angesichts des Stoffs. Denn «Iron Man» unterscheidet sich von allen bisherigen Superhelden-Verfilmungen durch seinen «intellektuellen Touch», den eleganten Witz und die starken Züge ins Groteske, die manchmal fast an Alfred Jarrys Grand-Gui­gnol-Bühnenstück «König Ubu» gemahnen. Und schliesslich ist Robert Downey Jr. ein Glücksfall. Der Alkohol- und Drogenhölle entstiegen, war der Charaktermime in jüngster Zeit wieder ab und zu auf der Leinwand zu sehen («A Scanner Darkly», «Zodiac»), und als Tony Stark hat er sein definitives Leinwand-Comeback. Natürlich wurde die Handlung ­aktualisiert. Der zynisch-schnöselige Waffenindustrielle wird in Afghanistan von einer ­Rakete der Stark Industries verletzt und von Terroristen gekidnappt, die ihn zu zwingen versuchen, Raketen für sie zu bauen.

Macht er natürlich nicht, sondern schmiedet und schweisst in einer Höhle wie ein gefesselter Prometheus eine erste, primitive Version seines Körperpanzers. Mit dem katapultiert er sich raus. Es ist sein Damaskus­erlebnis: Aus Saulus wird Paulus. Wieder daheim, schwört er der Waffenproduktion ab, baut aber die highest Hightech-Version seiner Rüstung und zischt in ihr zurück nach Afghanistan, um die üblen Gesellen zu liquidieren.

Stark gerät in eine üble Intrige (sein Unternehmen kann nicht einfach die Waffenproduktion einstellen), die in einem gigantomanischen Showdown gipfelt. Natürlich ist das alles blühendes Blech, aber mit einer so wunderbar versnobten Ironie gehämmert, dass die Superkirmes einfach zum Vergnügen wird. Neben Downey und seiner erotisch flammenden Gwyneth Paltrow wirkt vor allem Jeff Bridges wie aus «König Ubu». Mit seiner Vollglatze und seinem Rauschebart sieht er aus, als sässe sein Kopf verkehrt rum auf den Schultern. Superhelden waren immer absurd; «Iron Man» aber wirkt, als hätte man das Personal des absurden Theaters für den Film gekapert.

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