Zu Fuss (3 Stunden, 30 Minuten)

Der Rüpelriegel

Von Thomas Widmer

Niesel, Nebel, nasses Gras. Stimmung und Kraft sind in der Landschaft an diesem feuchten und verhangenen Tag: Sagenhaft saftig wirken die Wiesen, herrischer noch als gewöhnlich sticht der Fels vor uns aus dem mystischen Dunst. Dreissig Minuten sind wir unterwegs, und der Hafen von Hergiswil ist hinter uns entschwunden. Immer imposanter dafür die Wand des Loppers, des Pilatusausläufers gegen Osten, dem wir uns nähern. Dieser Lopper ist ein klobiger, klotziger Kerl. Ein Rüpel von Bergriegel. Er stellt sich dem Reisenden frech in den Weg, wenn dieser von Norden, von Luzern her, Richtung Brünig ziehen möchte. Und auch in die Engstelle zwischen Vierwaldstättersee und Alp­nachersee schiebt der Lopper seinen massigen Körper und spielt also gleich doppelt Hindernis. So hat der moderne Mensch es darauf anlegen müssen, ihn mit Tunnels für Auto und Bahn auszutricksen. Wir Wanderer aber weichen dem Lopper nicht aus, würdigen zu Fuss sein Format. Renggpass heisst der historische Übergang über den Lopper. Ein steiler, doch schöner Weg über Weideflächen ist das vorerst. Dann kommt eine alte Kapelle in Sicht, samt einer Marienstatue auf einem vorgelagerten Findling. Und dann die Passhöhe im felsigen Wald. Hier müssen wir uns entscheiden: Alpnach oder Stansstad, Obwalden oder Nidwalden. Wir wählen Stansstad, Nidwalden. Es folgt ein Kilometer auf einem tollen Höhenweg; satt der Blick aufs Stanserhorn hinüber und hinab auf die südliche Rundung des Alpnachersees, und vor uns baut sich am Pfad eine wilde Felsnadel theatralisch auf. Der Abstieg vollzieht sich abrupt in Form enger Wegkehren, wir gelangen so zu der erwähnten Enge zwischen den zwei Seen, traversieren auf einer Brücke die Autobahn und erreichen schliesslich den Bahnhof Stansstad.

Die Zivilisation hat uns wieder, wie es so schön heisst. Wir steigen in den Zug Richtung Luzern. Die Tunnelfahrt bis Hergiswil dauert drei Minuten. Zu Fuss haben wir unendlich viel länger gebraucht. Und es war gut so.

Wanderkarte als PDF

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