Moderne Liebe

Der Rückfall

«Bin ich charakterschwach?»

Von Güzin Kar

«Bin ich charakterschwach?», fragt Julia in ihren Wodka hinein, «ich ernähre mich ungesund, zum Sport muss ich mich zwingen, und auf Partys will ich ein einziges Glas trinken, und es werden fünf.» Heidi und ich ahnen, dass es ihr nicht um Sport und Getränke geht. Julia rückt raus: Die Trennung von ihr und Howard sei zuerst in beider Sinn und die Gute-Freunde-Vereinbarung keine Floskel, sondern heiliger Vorsatz gewesen. Doch in den fol­genden Tagen habe sie auf reumütige E-Mails gehofft, in denen er sich selber einen ignoranten Hornochsen und sie das Gegenteil davon nannte, was immer das war, und sie um Verzeihung bat für die gemeinsam verbrach-te Zeit. Aber sie bekam nur Zuschriften von Amerikanern, die ihr Glied verlängern wollten. Als Howard nach Wochen weder ge­schrieben noch angerufen und Julia in ihrer Verzweiflung beinahe der Gliedverlängerung zugestimmt hatte, beschlich sie ein Verdacht. Konnte es sein, dass er sie kein bisschen vermisste? Sie rief ihn an. «Ich hatte schon Angst, du könntest einen Autounfall gehabt haben, so zerstreut, wie du manchmal fährst.»

Doch es ging ihm prächtig, und in der guten Laune einigten sie sich auf ein gemeinsames Essen, ungezwungen als Freunde. Zu ihrem Erstaunen erschien er im Anzug. Sie trug teurere Schminke, als sie sich leisten konnte. Sie hatten sich auch charakterlich her­ausgeputzt: Er war so aufmerksam wie sonst zu neuen Bürokolleginnen, sie kramte aus den Auslagen der inneren Werte Luxusgüter wie Toleranz und Gelassenheit hervor. Hätte er ihr Ausrutscher mit blondierten Silikon­kissen gestanden, hätte sie lachend gefragt: «Quietschen die Dinger eigentlich, wenn man sie drückt?» Sie wollten einander vor Augen führen, wie falsch sie sich in zwei Jahren Beziehung eingeschätzt hatten. Auch im Bett. In dieser Nacht fand er ihre richtigen Stellen ohne jede Navigationshilfe, sie spielte die Ekstase besser als sonst. Es war eine Meisterdarbietung, mit der sie zu sagen schienen: «Schau, was dir in Zukunft entgeht!» Am Morgen aber sagte er: «Von jetzt an bitte wirklich nur noch Freunde, okay?» Und ging.

«Jetzt fühle ich mich wie der billige DreiLiter-Rotwein, mit dem ein trockener Alkoholiker rückfällig wurde», sagt Julia. «Wäre es sehr schwach von mir, wenn ich noch einmal mit ihm ins Bett ginge, damit ich ihn verlassen kann?» – «Im Gegenteil», sagt Heidi, «sag einfach nicht ‹Prost›, wenn du kommst.»

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