Triumph des Willens

Madonna

Eine junge Frau behängt sich mit Kruzifixen und wird als laszive Sängerin in wenigen Jahren weltberühmt. Provozierende Intelligenz, eiserner Wille und Selbstdisziplin machen Madonna zur weiblichen Ikone der Popgeschichte. In diesem Jahr wird sie 50 – und ist so gefragt wie eh und je.

Von Beatrice Schlag

In ein paar Monaten wird sie 50. Es hindert sie nicht, sich auf dem Cover ihres neuen Albums «Hard Candy» in schwarzer Unterwäsche und Lacklederstiefeln an den weit gespreizten Beinen zu zeigen. Die Frage ist nicht, ob das geschmackvoll ist. Madonna wollte den guten Geschmack nie bedienen. Sie macht seine Biederkeit lächerlich, indem sie ihn gezielt missachtet.

Sie hat sich in ihrer 25-jährigen Karriere schon bis zu den Schamhaarwurzeln ausleuchten lassen. Als die Kritiker 1992 über ihren kruden Fotoband «Sex» herfielen, sagte sie: «Eine reiche, berühmte, intelligente Frau, die nackt ist, erschreckt die Leute ungemein. Wenn auch nur eines der ersten drei Adjektive auf dich zutrifft, musst du deine Kleider anbehalten. Nackt darfst du nur sein, wenn du dumm oder ein erkennbares Opfer bist, aber niemals als Powerfrau.»
Dass der Satz sechzehn Jahre später nicht mehr gilt – niemand hält Kate Moss oder Eva Longoria für ein Opfer oder dumm –, ist Madonna zugute zu halten. Die Kioske sind zurzeit voll mit ihren Titelbildern, und auf den meisten ist sie nur spärlich bekleidet. David Bowie, einst ein Chamäleon wie sie und vermutlich ähnlich durchtrainiert, klagte kürzlich, er bekomme für neue Alben seit Jahren nur noch Kurzbesprechungen. Selbst wenn die Kritiker begeistert seien, wolle niemand mehr ein grossformatiges Bild von ihm veröffentlichen. Madonnas Gesicht hingegen, im Gegensatz zu ihrem muskelbepackten Körper durchaus vom Alter gezeichnet, ist noch immer für Auflagesteigerungen gut. Jeder will wissen, warum sie auch mit fast 50 sexuell provozieren kann, ohne peinlich zu berühren.

Das «Material Girl», das lange Zeit Geld, Erfolg und Sex zuoberst auf seine öffentliche Wunschliste setzte, hat die Welt möglicherweise nicht wärmer gemacht. Aber es hat die Vorstellung davon, was Frauen können und dürfen, nicht nur in den Köpfen seiner Fans beachtlich verbreitert. Manche haben es als Post-Feminismus bezeichnet, andere als Ende ideologischer weiblicher Phrasendrescherei. Dass Madonnas Stimme keine drei Oktaven umfasst, fällt daneben kaum ins Gewicht. Popstars leben vom Image und von ihrer Fähigkeit, die Wünsche ihres Publikums zu befriedigen.
Madonna zeigte in den letzten 25 Jahren mehr als nur einen untrüglichen Instinkt für das, was ihre Fans von ihr wollten: Sie nahm sich auf der Bühne, auf Videos und Fotos Freiheiten in Posen und Rollen, die viele nicht einmal zu denken gewagt hatten. Deswegen wurde und blieb sie nicht nur die erfolgreichste Popmusikerin der Geschichte, sondern auch die kulturell einflussreichste. Und das nicht nur im Vergleich mit Frauen: Michael Jackson und Prince, beide gleich alt wie sie und ebenfalls in den Achtzigern zu Weltstars aufgestiegen, waren musikalisch zweifellos bahnbrechender. Aber beider Fähigkeit, Neues vorwegzunehmen, erwies sich als zeitlich begrenzt. Prince experimentiert inzwischen mangels eines Plattenvertrags mit Verkaufs­kanälen im Internet und wirkt bei Auftritten zwar gutgelaunt, klingt aber wie eh und je.

Michael Jackson ist eine körperliche und vermutlich auch seelische Ruine, an dessen Comeback niemand im Ernst glaubt. Wenn er sich auf der Bühne zwischen die Beine fasste, schien es nie eine kühle Inszenierung wie bei Madonna. Im Gegensatz zu ihr hatte der King of Pop weder die Kraft noch die Disziplin, seine öffentliche Figur und seinen Ruhm von seinem Privatleben zu trennen. Der Erfolg von Bob Dylan und den Rolling Stones immerhin, den alten Silberrücken der Popmusik, hält weiter an. Aber ihre Konzerte sind Tribute an die Nostalgie des Publikums, nicht an dessen Neugier.

Über keine Sängerin gibt es inzwischen auch nur annähernd so viele akademische Abhandlungen wie über die sich ständig wandelnde Madonna, die zu Beginn ihrer Karriere in Akademikerkreisen allenfalls Schaudern erregte.
Wie gezielt das katholische Mittelstandskind aus Michigan seine Intelligenz einsetzte, um Geschlechterklischees und religiöse Tabus aufzubrechen, witterten als Erste die Teenies. Die Älteren, vor allem die protestierenden Feministinnen in den Zwanzigern und Dreissigern, taten sich mit dem verzottelt trashigen Look der dunkelhaarigen, später erblondeten Performerin jahrelang schwer. Zu viel Christus-Schmuck an Hals und Armen, zu viel schweisstreibende Sexgymnastik auf der Bühne, die allenfalls ein Mann mit Erotik verwechseln konnte. Und vor allem viel zu wenig Charme und Leichtigkeit. Wieso war jede ihrer Provokationen demonstrativ kalkuliert? Warum gönnte sie Fotografen so selten ein freundliches Lächeln? Wie sehr Madonna, 1985 mit «Material Girl» weltweit in allen Hitparaden, ihrer Zeit voraus war, dämmerte vielen erst Jahre später, als der Shareholder-Value zum Mass aller Dinge wurde.

«Das Mutigste, was ich je tat»
Madonna Louise Ciccone, Jahrgang 1958, Tochter eines italienischen Einwanderers, der als Zeichner bei General Motors arbeitete, und einer früh an Krebs verstorbenen Frankokanadierin, war eine exzellente Schülerin und Ballett-Elevin. Mit 16 gewann sie ein Stipendium für ein Tanzstudium an der Universität von Michigan, mit 18 zog sie, nach eigenen Worten mit 35 Dollar in der Tasche, nach New York: «Es war das erste Mal, dass ich ein Flugzeug und ein Taxi genommen hatte. Es war das Mutigste, was ich je tat.» Sie kellnerte und arbeitete als Hintergrund-Tänzerin. Mit ihrem Musiker-Boyfriend Dan Gilroy gründete sie ihre erste Band Breakfast Club, mit seinem Nachfolger Stephen Bray eine zweite, Emmy.

Die von ihr und Bray geschriebenen und produzierten Songs machten den New Yorker DJ und Musikproduzenten Mark Kamins aufmerksam. Auch er wurde für kurze Zeit ihr Lover. Sire Records, eine Tochtergesellschaft von Warner Brothers, veröffentliche 1982 Madonnas erste Single «Everybody», ein Jahr später «Burning Up». Die Songs waren in den Clubs so gefragt, dass Sire Records nun ein ganzes Album haben wollte. Produziert wurde es vom inzwischen hochangesehenen John «Jellybean» Benitez, der – es dürfte niemanden überraschen – zu jener Zeit mit ihr liiert war. «Meine Jungfräulichkeit zu verlieren», spottete sie Jahre später, «war ein Karriereschritt.» Man kann das Hochschlafen nennen. Ebenso überzeugend ist die Vorstellung, dass das Zusammensein mit Madonna für ihre Förderer so anregend und profitabel war wie umgekehrt. Der Schweizer Regisseur Werner Düggelin, der damals in New York lebte, erinnert sich an einen Abend mit Madonna und dem inzwischen verstorbenen Maler Jean-Michel Basquiat, dessen Geliebte sie eine Weile war: «Sie war blitzgescheit, sehr neugierig und witzig. Und sehr, sehr ehrgeizig.»

Nur als Madonna-Darstellerin Weltklasse
Benitez ergänzte ihr Album «Madonna» mit seinem Hit-Song «Holiday». Es erschien im September 1983 und kletterte auf Platz acht der US-Hitparade. Es waren nicht nur die Songs. Es waren möglicherweise nicht einmal vorwiegend die Songs. An der drallen, grell geschminkten 25-Jährigen mit den knielangen Leggings, den kurzen Jupes darüber, den Netzstrümpfen und den Tops aus billiger Spitze war etwas Neues, Forderndes, Herrisches, etwas, was bisher nicht als weiblich gegolten hatte. Gleichzeitig waren ihre Videos unverschämt und unverhohlen sexy. Zehntausende von Mäd­chen kopierten ihren Look, hängten sich billige Kreuze pfundweise um den Hals. Es war eine Rebellion der Töchter ohne Schlagwörter, ohne politischen Überbau. Es war nur Disco.

Ein Jahr später erschien «Like a Virgin» und stand sechs Wochen lang zuoberst auf der Hitparade. Gleichzeitig drehte Madonna «Desperately Seeking Susan», ihren einzigen überzeugenden Film, auch wenn sie sich seither immer wieder als Schauspielerin versucht hat. Aber Madonna ist nur als Madonna-Darstellerin Weltklasse, und die Rolle der Susan war, was auch Madonna als Sängerin damals verkörpern wollte: ein aufmüpfiger, instinktsicherer Twen, der keine Normen akzeptiert.

Das Jahr 1985 machte Madonna weltweit zur Ikone. Ihr Hit-Titel «Material Girl» wurde zum Synonym für ihre Person und gleichzeitig für ein Begehren, das Frauen plötzlich aussprechen durften. Gleichzeitig mit dem Kino-Erfolg von «Desperately Seeking Susan» wurde ein billiger Erotik-Film namens «A Certain Sacrifice» von 1979 aus dem Archiv an die Öffentlichkeit gebracht. Penthouse und Playboy veröffentlichten Nacktaufnahmen von ihr, die noch älter waren. Madonna hatte versucht, die Veröffentlichungen zu verhindern, aber sie dachte nicht daran, sich zu rechtfertigen. Bei einem der Konzerte ihrer ersten Tournee «The Virgin Tour» spottete sie, sie werde trotz der Hitze ihre Jacke nicht ausziehen, «weil sie mir das in zehn Jahren wahrscheinlich vorhalten würden».

Im gleichen Jahr heiratete sie den Schauspieler Sean Penn, von dem sie sich vier Jahre später wieder scheiden liess. Er weigert sich bis heute, über die Ehe zu reden. Sie sagte dazu nur einen Satz: «Ich war völlig besessen von meiner Karriere und nicht bereit, in irgendeiner Form grosszügig zu sein.» Der gemeinsame Film «Shanghai Surprise» war ein Fiasko. Von den 17 Millionen Dollar Produktionskosten spielte er nur 2 wieder ein. Nach ihrer Scheidung liess sich Madonna mit Hollywoodstar Warren Beatty sehen, mit dem bisexuellen Model Tony Ward, das auch in Videos von ihr auftrat, mit dem Rapper Vanilla Ice und dem Basketballer Dennis Rodman. Liebesbeziehungen schienen in ihrem Leben nichts Vorrangiges.

Ihr 1986 erschienenes Album «True Blue» mit der Hit-Single «Papa Don’t Preach» übertraf den Erfolg von «Like a Virgin» und löste heftige religiöse Kontroversen aus, ebenso das 1989 folgende Album «Like a Prayer.» Zu beiden Alben hatte sie Videos gedreht, die nicht nur sexuell explizit waren, sondern Sexualität provozierend mit christlichen Symbolen vermengten, was Papst Johannes Paul II. bewog, in Italien zu einem Boykott ihrer Tournee aufzurufen. «Wenn man alles, was ich tue, für bare Münze nimmt, wird man entsetzt sein. Oder eingeschüchtert. Oder beleidigt. Oder gelangweilt», sagte Madonna. «Mein Sinn für Ironie hat sich durch meine ganze Arbeit gezogen. Aber die Leute haben das vermutlich nicht immer gemerkt.» Konnte tatsächlich jemand übersehen, wie der komische starre Doppeltrichter-BH, den Jean Paul Gaultier 1990 für ihre «Blond Ambition Tour» entwarf, ihre lasziven Posen verfremdete? Das Ding sah aus, als würde es jeden aufspiessen, der ihr zu nahe kam.

Der gutaussehende Samenspender
Mitte der neunziger Jahre war es Zeit für eine neue Rolle. Die Welt hatte sich an ihren Strapsen, Peitschen und Marilyn-Posen sattgesehen und sie vermutlich auch. Ausserdem erwartete sie ein Kind von ihrem Fitnesstrainer Carlos Leon. Das Angebot, im Film «Evita» die Hauptrolle der legendären argentinischen Präsidentengattin zu spielen, schien perfekt: die Provokateurin als elegante Wohltäterin des Volks. Madonna nicht gezähmt, nur schon wieder ganz anders. Der Film brachte einmal mehr nicht den erhofften Durchbruch als Schauspielerin. Aber Madonnas neuer Kostüm-Look, power glamour getauft, stand ihr glänzend. 1996 kam ihre Tochter Lourdes zur Welt, ein Jahr später trennte sie sich von Carlos Leon. Bis heute wird der Fitnesstrainer, lange als gutaussehender Samenspender für Madonnas Kinderwunsch abgeurteilt, immer wieder mit seiner Tochter und gelegentlich auch mit ihrer Mutter fotografiert. «So wollen mich die Medien nun einmal sehen», sagt Madonna, «kalt und kalkulierend, eine Frau, der andere Menschen egal sind.»
Sie irrt. Die Ehe mit dem britischen Regisseur Guy Ritchie, der gemeinsame Sohn Rocco, ihr langjähriges Interesse für die jüdische Geheimlehre Kabbala, ihr Umzug nach London und ihre umstrittene Adoption eines kranken afrikanischen Babys veränderten die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Madonna, der Familienmensch, war offensichtlich ein privates Langzeitprojekt und keine Inszenierung. Oder fast keine: Wer lachte nicht über die Fotos der britischen Lady Madonna hoch zu Ross, in Tweed und zugeknöpfter Bluse? Verkleideter sah selten jemand aus.

«Confessions on a Dancefloor», 2005 erschienen, war ihr erfolgreichstes Album seit Jahren, gefolgt von der erfolgreichsten Tournee einer Musikerin der Geschichte (siehe Seite 38). In Russland protestierten die russisch-orthodoxe Kirche und die Vereinigung jüdischer Gemeinden, in Italien der Vatikan, weil sie sich bei ihrem Auftritt eine Dornenkrone auf den Kopf setzte. An ihren freizügigen Trikots stiess sich kein Mensch mehr, allenfalls an den Bodybuilder-Oberarmen, die kaum noch zu ihrem schmalen, fettfreien Körper zu passen schienen. «Ich wäre gerne mollig», sagte sie vor zwei Jahren, «leider habe ich mir immer Männer ausgesucht, die auf gemeisselte Körper stehen.» Vor zehn Jahren wäre ihr so ein Satz niemals über die Lippen gekommen.

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