Anfang April war ich im Oberengadin und war irritiert. Saisonende, Betriebsferien überall. Die meisten Hotels waren zu, die Dörfer halb tot. Von der Muottas-Muragl-Bahn musste ich erfahren, dass sie erst im Juni wieder fährt.
Und dieser grässliche Schnee! Seelisch war ich schon voll auf Frühling gestimmt.
Die Lösung: Flucht ins Bergell. Dort unten war Freund Stefan samt Familie in den Ferien. Er erzählte mir von Savogno, einem 1967 aufgegebenen, mittlerweile aber auferstandenen Dorf im unteren, italienischen Teil des Tals. Kurz darauf sassen wir alle im Bus. In Villa di Chiavenna («Centro») stiegen wir aus, stärkten uns in der Bar mit Kaffee und Vanille-Cornetti. Und ein alter Mann mit Glatze lächelte uns wissend zu: «Ah, ihr geht sicher nach Savogno. Bellissima!»
Der Weg zieht sich in mässiger Steigung dem rechten Talhang entlang aufwärts. Einmal verläuft er oberhalb einer hohen Felswand, Kinder muss man an dieser Stelle beaufsichtigen. Toll ist der Blick aufs Städtchen Chiavenna weit vorn und tief unten. Dann Savogno. Ein Adlernest auf einer Sonnenterrasse. 1999 leitete ein Paar die Rückeroberung ein, indem es das leere Schulhaus pachtete und ein Berghaus eröffnete. Seither ist einiges passiert: Ehemalige Dörfler setzten ihre Häuser instand, um sie als Sommerfrische zu nutzen (einer hat eine Cannabisflagge gehisst). An der Kirche ist ein Basketballkorb montiert. Und die Region Lombardei hat 500000 Euro für bauliche Massnahmen gesprochen. Savogno, reanimiert, dient als Tourendrehscheibe: Sommers erreicht man von hier aus abgelegene Berge und Pässe. Oder man nimmt den Höhenweg nach Soglio, Schweiz.
Was unser Grüpplein angeht, so wählten wir nach der Einkehr und der Erkundung der engen Dorfgässchen für den Abstieg einen speziellen Pfad: eine Treppe aus Granitblöcken. Unten in Borgonovo, unserem Wanderziel, begeisterte uns der Wasserfall der Acqua Fraggia. Und die Bar daneben mochten wir. Insgesamt: eine runde Sache. So wünsche ich mir eine Aprilwanderung. Zufrieden fuhr ich am Abend zurück in den Engadiner Winter.
Route: Villa di Chiavenna–Savogno–Borgonovo
Höhendifferenz: 300 Meter auf-, 500 abwärts
Hin und zurück: Buslinie St. Moritz–Chiavenna
Rifugio Savogno: ganzjährig offen; www.savogno.it
Buch: Mehr über Savogno in «Grenzland Bergell»
von Ursula Bauer/Jürg Frischknecht. Fr. 42.–
Wanderkarte als PDF
www.thomaswidmer.ch













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