Deutsche in der Schweiz? Die Personalberaterin schaute drein, als hätte man sie persönlich beleidigt, und zischte: «Einfach ätzend.» Die Schriftstellerin befand: «Sie betrachten das Land als neues Mallorca. ‹Gehen wir doch hin und okkupieren den Laden, die werden sich schon anpassen, die Schweizer.›» Der Börsenanalyst sagte halb im Scherz, aber eben nur halb: «Demnächst lanciere ich eine Volksinitiative zur Begrenzung der Einwanderung aus dem grossen Kanton.»
Es waren harte Worte, die ich zu hören bekam. Harte Worte über die zahlreichen Deutschen, die sich in letzter Zeit in der Schweiz niedergelassen haben (60000 innert drei Jahren, das entspricht der Einwohnerzahl Luzerns). Die gestrengen Urteile, sie stammen allesamt von – Deutschen. Von Deutschen, die seit langem in der Schweiz leben, Mundart in sämtlichen dialektalen Ausprägungen verstehen, am Skilift nicht drängeln und beim Beck jeden ihrer Wünsche mit «bitte» einleiten und mit «merci» beenden. Und Dinge sagen wie: «Jene, von denen ich zu Hause die Schnauze voll hatte, sind jetzt auch hier.» Erkenntnis Nummer 1 aus den Recherchen zu meinem Buch: Niemand urteilt gnadenloser über Deutsche als Deutsche.
Bei dem Buch handelte es sich übrigens um eine Auftragsarbeit. Auftraggeber: der Traditionsverlag Rowohlt aus Reinbek bei Hamburg. Aufgabenstellung: sich aus Sicht eines Schweizers über die Deutschen lustig zu machen, unter besonderer Berücksichtigung der jüngsten Zuwanderungswelle. Ich weiss nicht, ob der umgekehrte Fall so ohne weiteres denkbar wäre. «Sehr geehrter Herr Möller, würden Sie bitte ein Buch über uns Schweizer schreiben? Thema: alles Lächerliche, Heitere, Hirnverbrannte, das Ihnen zu unserem Land in den Sinn kommt. PS: Seien Sie ruhig ungerecht.» Erkenntnis Nummer 2: Der Deutsche, er hat einen Hang zum Masochismus.
Ein unbededrohliches Wesen
«My dear Krauts – Wie ich die Deutschen entdeckte», «Planet Germany – Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts» –«How I learned to love Lederhosen»: Mit meinem Buch, so realisierte ich bald, war ich in guter (und manchmal in weniger guter) Gesellschaft. Die Konstellation «Ausländer schreibt über / frotzelt gegen / schwärmt von Deutschland» ist fast ein eigenes Genre. Ein bestsellerträchtiges Genre. Vor allem dann, wenn man es nicht wie ich macht, sondern die Deutschen und ihr Land mit Komplimenten überhäuft. Erkenntnis Nummer 3 lautet daher: Es heisst immer, wir Schweizer würden viel Wert darauf legen, was die anderen von uns denken, seien versessen auf Lob aus dem Ausland. Die Deutschen, so glaube ich erkannt zu haben, werden auch gerne gelobt. Sie möchten bescheinigt bekommen, dass sie in Ordnung sind, dass man Deutsche und Deutsches liebenswert finden kann und dass ihr Land – nach sechs Jahrzehnten diszipliniert betriebener Vergangenheitsbewältigung – ein nahezu normales Land geworden ist.
Schweizer sind empfindlich, harmoniebedürftig, konfliktscheu. Deutsche hingegen sind unsentimental. Sie kommunizieren direkt und sind hart im Nehmen. Daraus ergibt sich interkulturelles Konfliktpotenzial. Natürlich ist an der Standarddeutung der Verhältnisse etwas dran. Allerdings, dies Erkenntnis Nummer 4 aus meiner Beschäftigung mit dem deutschen Wesen: Das forsche Auftreten paart sich nicht selten mit Larmoyanz. «Wir sind vor fünf Monaten aus Berlin zugezogen und wurden noch nie von jemandem eingeladen. Sind so verschlossen, die Schwyzer!» – «Italien besiegt Deutschland im Fussball, und alle Schweizer jubeln. Wie gemein!» – «Sobald ich den Mund aufmache, wechseln alle auf Hochdeutsch. Warum?»
Dass es nicht einfach ist, fern der Heimat zu leben, dass man sich in der Fremde oft fremd fühlt, dies zu akzeptieren, scheint vielen Auslanddeutschen schwerzufallen. Und nicht nur solchen, die in die Schweiz ziehen, wie man aus den zahlreichen Auswanderer-Shows im deutschen Privatfernsehen erfahren kann, wenn sich wieder mal ein Handwerker aus Homburg oder eine Ärztin aus Fulda beklagt: Es sei so schwer, «an die Leute ranzukommen» – hier in Spanien, Norwegen, Kanada usw. Schelte für diese Haltung gibt’s zuallererst aus den eigenen Reihen. Günter Netzer, gewesener Weltstar, seit über zwanzig Jahren glücklich in Zürich lebend, brummte ins Telefon: «Die Deutschen, die sich im Ausland beschweren, sollen in erster Linie mal sehen, ob sie wegen ihres Auftretens schlecht behandelt werden.»
Für das Schlusskapitel bin ich einige Tage durch Deutschland gereist. Ich habe Orte gesehen, die vor mir vermutlich kaum ein Schweizer freiwillig aufgesucht hat – Chemnitz, Essen, Gütersloh. Alles in allem, so das Fazit der Reise, ist der Deutsche ein unbedrohliches Wesen. In Braunschweig, es war Karnevalszeit, sah ich einen Streifenwagen durch die Innenstadt streifen. Auf dem Dach des Autos war ein Teddybär befestigt. – Die Polizei, dein Freund und Plüschtier. Deutschland, ein zahmes Kuschelmonster.
Bruno Ziauddin: Grüezi Gummihälse – Warum uns die Deutschen manchmal auf die Nerven gehen. Rowohlt. 224 S., Fr. 16.80. Erscheint Ende Mai
23.04.2008, Ausgabe 17/08
Erfahrungen
«Einfach ätzend»
Für ein Buchprojekt hat sich unser Autor monatelang mit den Deutschen befasst. Die Bilanz.
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