Matthew McConaughey

Die Blondine

Matthew McConaughey ist Pamela Anderson auf Testosteron: stets so nackt wie möglich und immer vergnügt. Über die männliche Eroberung eines von Frauen besetzten Fachs.

Von Beatrice Schlag

Sein Talent kann es nicht sein. Als Charakterdarsteller ist Matthew McConaughey so aufwühlend wie Liftmusik. Der Blonde mit den hellblauen Augen, der nach 15 Jahren im Filmgeschäft noch immer unfähig ist, vor der Kamera etwas anderes als seinen gedehnten texanischen Heimatdialekt zu sprechen, stand noch nie auf einer Oscar-Kandidatenliste. Das wird auch so bleiben. McConaugheys Wandlungsfähigkeit als Schauspieler beschränkt sich hauptsächlich auf Frisur und Haarfarbe. Dennoch bringt er den Studios Millionen ein.

Der erfreuliche Anblick seiner millionenfach gedruckten Badehosen-Bilder taugt nicht als Erklärung für seinen Erfolg. Am Strand von Santa Monica wimmelt es von gutaussehenden Schauspielaspiranten ohne Hemd. Niemand hat ihre Namen je gehört, kein Magazin zeigt ihre hart erarbeiteten Sixpacks. Was Matthew McConaughey von ihnen unterscheidet, sind zwei seltene und nicht zu unterschätzende
Begabungen: Die strahlende Laune, die er auf der Leinwand verbreitet, ist ansteckend. Und er überlässt das Kommando in seinen Filmen problemlos Partnerinnen wie Jennifer Lopez, Penélope Cruz oder Kate Hudson. Das Denken meistens auch.

«Wir sind in einer Phase, in der Liebeskomödien sich vor allem um Frauen drehen, die die Entscheidungen treffen und dafür Verantwortung übernehmen», sagt Jeanine Basinger, Filmprofessorin an der Wesleyan University in Connecticut. «McConaughey passt perfekt in eine Zeit, in der es für gutaussehende und nicht sehr intelligent wirkende Schauspieler viele Komödienrollen gibt.»

Dumm, blond und vergnügt ist ein Image, das die wenigsten Schauspieler verkraften. Das Fach war weibliches Terrain, seit es bewegte Bilder gibt, von Jean Harlow über Marilyn Monroe bis Pamela Anderson. Matthew McConaughey versucht nicht nur nicht, gegen den Verdacht intellektueller Schlichtheit anzukämpfen, sondern unterstreicht seine sonnige Unbekümmertheit mit jedem shirtlosen Strandauftritt aufs Neue. «Ich werde doch nicht auf den Strand verzichten, nur weil da jemand Fotos von mir macht», sagt er dazu lakonisch. Ob schlaue Selbstvermarktung oder seine exhibitionistische Frohnatur der Grund dafür ist, behält er für sich. Und das ist eindeutig klug.

Matthew McConaughey hat noch in keinem Film die Welt gerettet, einen Mord aufgeklärt, Frau oder Kind verloren. Er spielt keine Helden, und er ist kein Superstar. Aber er ist der erfolgreichste Schauspieler in der neuen und nicht sehr begehrten Nische simpler Beefcake-Darsteller. Und bisher hat er am Schluss die Hauptdarstellerin immer bekommen, weil sich kluge Frauen, zumindest in Hollywoods Liebeskomödien, lieber mit unternehmungslustigen Einfachdenkern als mit IQ-starken Bewegungsmuffeln vergnügen.

Das macht ihn, vor allem aus weiblicher Sicht, zum idealen Mann für den Flugzeugfilm. Wer auf Langstreckenflügen Economy-Lasagne serviert bekam, sehnt sich nicht nach schwerverdaulicher Filmkost wie «There Will Be Blood», sondern braucht federleichte Kost wie «The Wedding Planner» oder «How to Lose a Guy in 10 Days». Man weiss schon nach zwei Minuten, wie der Film enden wird, und sieht trotzdem gerne hin. Wer zwischendurch einnickt, klinkt sich nach dem Aufwachen mühelos wieder ein. Kinoeintritt für die männliche Blondine wird allerdings in Europa erst zögerlich und etwas verschämt bezahlt. Es sei denn, seine Filmpartnerin heisst Jennifer Lopez.

«Fool’s Gold», McConaugheys neuer Film, ist insofern eine Ausnahme, als das Drehbuch um einen Schatzsucher so unselig wirr ist, dass selbst die zahllosen Strandaufnahmen von Kate Hudson und ihrem blonden Partner in Bikini und Shorts nicht dafür entschädigen. «Sie haben den Kerl wegen des Sex geheiratet, und dann erwarteten Sie, dass er klug ist», sagt die Scheidungsanwältin gleich am Anfang zu Kate Hudson, die ihren unzuverlässigen Filmgatten – natürlich nicht wirklich – loswerden will. Leider ist das schon der lustigste Satz des ganzen Films. Matthew McConaughey ist wie üblich strahlend gelaunt, unreif und leicht begriffsstutzig. Aber der Charme des heute 38-Jährigen sah noch nie so sehr nach harter Arbeit aus. In den USA war «Fool’s Gold» bei Erscheinen dennoch der erfolgreichste Film in den Kinos.

«Nackt sein ist sein natürlicher Zustand»

Mit 23 erhielt der Filmstudent, Sohn einer Lehrerin und eines Tankstellenbesitzers, dessen bisher einzige schauspielerische Erfahrung einige Auftritte in Werbespots und Studentenfilmen umfasste, die Hauptrolle als sanftmütiger Taugenichts in Richard Linklaters «Dazed and Confused». Der Film brach keine Kassenrekorde, aber der blendend aussehende Texaner weckte Hollywoods Interesse. Als er drei Jahre später in der Verfilmung von John Grishams «A Time to Kill» einen jungen Verteidiger in Mississippi spielte, dessen schwarzer Mandant zwei weisse Vergewaltiger umgebracht hatte, wurde McConaughey als neuer Tom Cruise, von Vanity Fair gar als neuer Paul Newman gefeiert. Immerhin hatten sich auch Brad Pitt und Keanu Reeves um die Rolle beworben.

Aber das Südstaaten-Drama von 1996 brachte den Durchbruch an die Spitze ebenso wenig wie danach seine Rollen in «Amistad» und «Contact». McConaughey war zu leichtfüssig für dramatische Stoffe. Er schien vor allem bemüht, seine gute Laune zu verbergen, was ihm nicht besonders überzeugend gelang. Als er 1999 in seinem Haus in Texas, nackt, zugekifft und besoffen, so laut auf seine Bongos eindrosch, dass Nachbarn die Polizei alarmierten, schrumpfte seine Aussicht auf Charakterrollen endgültig. Er habe, vermerkt der Polizeibericht, die Beamten nicht unflätig, aber sehr aufgebracht beschimpft, wobei er heftig geschwankt habe. Das ganze Land lachte.

Die Busse für die nächtliche Ruhestörung betrug schliesslich 50 Dollar. Schauspielerin Sandra Bullock, seine ehemalige Lebensgefährtin und bis heute eine enge Freundin, sagte: «Matthew nackt an den Bongos? Das ist doch sein natürlicher Zustand. Er sieht nackt grossartig aus und sollte so oft wie möglich nackt sein, bevor die Dinge absacken.» Bis heute gibt es kaum ein Interview mit dem Texaner, in dem er nicht auf Bongos angesprochen wird. Und bis heute schwört er ohne Wimpernzucken darauf, dass Bongos eine hervorragende Form von Workout seien: «Ich finde, es sollten viel mehr Leute so in Form kommen.»

Zwei Jahre nach dem Trommel-Wirbel fand McConaughey als Partner von Jennifer Lopez in «The Wedding Planner» die männliche Blondinen-Nische, die ihn weltberühmt machte. 2005 wurde er von People Magazine zum «Sexiest Man Alive» gekürt und mit Tom Cruise nur noch deswegen in einem Atemzug genannt, weil Penélope Cruz, Cruise’ Exfreundin, nach den Dreharbeiten von «Sahara» mit McConaughey liiert war. Wochenlang, sagte er, sei er mit der Spanierin in seinem Trailer durch die USA gefahren. Ausserdem benutze er kein Deodorant, «weil ich nicht wie jemand anders riechen will». Aufregenderes zu seiner Person war von ihm nicht zu erfahren.

Inzwischen ist er seit zwei Jahren mit dem brasilianischen Model Camila Alves zusammen, die ein Kind von ihm erwartet. Sein nächster Film, den der werdende Vater gegenwärtig selber produziert, heisst «Surfer Dude», was weder in Genre noch in Kostüm einen Drang nach Neuorientierung verrät. Für den kommenden Sommer ist übrigens nicht nur Nachwuchs angekündigt, sondern auch Matthew McConaugheys erste eigene Bademoden-Kollektion.

«Fool’s Gold» läuft am 24. April in der Schweiz an.

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