Tibet

China erwacht

Die aufständischen Tibeter sind separatistische Unruhestifter. Wer sie unterstützt, ist ein Feind Chinas und gehört boykottiert. Das ist nicht Propaganda der herrschenden Partei, sondern die Meinung des neuen chinesischen Bürgertums. Es will keine westliche Bevormundung mehr.

Von Georg Blume

Am Anfang war die Revolte der Tibeter in Lhasa. Am Ende finden die Olympischen Spiele in Peking statt. Doch es bleibt schwer abzuschätzen, wie die Monate dazwischen Chinas Rolle in der Welt und sein Verhältnis zum Westen bestimmen werden. Fest steht: Wie China auf die Tibet-Krise und die durch sie entzündete westliche Kritik reagiert, wie es unter diesem Druck die Olympischen Spiele gestaltet, wird sein Image bestimmen und damit auch seinen Einfluss in der Welt. Insofern ist Tibet schon heute ein zweites Tiananmen. Doch der Ausgang ist im Gegensatz zu 1989 offen. Damals schirmte sich China nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens ab, bis Deng Xiaoping 1992 seine berühmte Reise in den Süden Chinas antrat und das Land wieder öffnete. Heute wehrt sich nicht nur die Kommunistische Partei (KP) und ihre Propagandamaschine, sondern eine zunehmend selbstbewusste chinesische Öffentlichkeit gegen die westliche Interpretation der Dinge.

Am vergangenen Wochenende demonstrierten Chinesen in zahlreichen Provinzen ihres Landes, aber auch in Städten Europas und der USA für die Olympischen Spiele in Peking und gegen die Unabhängigkeit Tibets. KP-Leute halfen an vielen Stellen, die Aktionen zu organisieren. Aber es waren keine Parteikundgebungen. Viele Chinesen betrachteten den Protest als ihre eigene Sache. «Auf der ganzen Welt demonstrieren Chinesen gegen die Vorurteile des Westens», titelte anschliessend die KP-zensierte, privatwirtschaftlich geführte Pekinger Global Times. Ihre Titelzeile spiegelte das Selbstbild der neuen gebildeten chinesischen Mittelschichten, die sich vom Westen nicht mehr als kommunistisch und nationalistisch indoktriniert abstempeln lassen wollen.

Diese Schichten wissen, dass sie ihren neuen Wohlstand nicht den Ideen Mao Zedongs oder der nationalen Einheit Chinas, sondern der wirtschaftlichen Öffnung des Landes und der Globalisierung verdanken. Sie fühlen sich bei «McDonald’s» genauso zu Hause wie in einer chinesischen Nudelsuppenbar. In der Regel beneiden sie den Westen nicht nur um seinen Reichtum, sondern auch um seine Demokratie. Doch zugleich wehren sie sich gegen jede Art westlicher Bevormundung. Sie glauben, im chinesischen Turbokapitalismus selbst für ihren Erfolg verantwortlich zu sein, räumen aber auch der Regierung ihren Anteil am Erfolg der marktwirtschaftlichen Reformpolitik ein. Mit einer westlichen Haltung, die China als Diktatur und Unrechtsregime ausgrenzt, können sie nichts anfangen. Stattdessen glauben sie an die aufgeklärte Haltung ihrer Regierung. Sie meinen, dass Peking sein Bestes tut, um mehr Wohlstand für alle zu schaffen. Sie hoffen, dass der Wohlstand eines Tages zur Demokratie führt. Aber sie sind nicht bereit, das jetzt Erreichte für die Demokratie zu opfern. Die eigene Privatwohnung und das eigene Privatauto sind ihnen wichtiger als das Wahlrecht von 700 Millionen Bauern, die immer noch die Bevölkerungsmehrheit stellen. Sie wollen nicht, dass diese Mehrheit die Politik Chinas bestimmt. Sie verlangen von der Regierung vielmehr die Sicherung ihres Wohlstands, den Schutz des neuen Privateigentums. Insofern kann für sie die Demokratie warten. Deshalb wollen sie sich vom Westen trotzdem nicht als Weltbürger zweiter Klasse behandeln lassen. Ihre Meinung soll in der Weltöffentlichkeit genauso zählen wie die der westlichen Bürger. Auch darum geht es jetzt im Streit um Tibet und die Olympischen Spiele.

Zum ersten Mal in der Weltgeschichte findet ein globaler Meinungskampf zwischen West und Fernost statt. Japan, die erste moderne Grossmacht im Fernen Osten, bot seit seiner Niederlage im Zweiten Weltkrieg nicht mehr die geistig-ideologischen Kräfte auf, um die kulturelle Hegemonie des Westens anzugreifen. Seine revolutionären Neuerungen, von der Just-in-time-Produktion bis zur Konzeption einer humanen Fabrik- und Firmenkultur, wurden im Westen besser verstanden als in Japan selbst.

China aber beflügelt heute das Selbstbewusstsein einer wiedergeborenen Supermacht. Der Ton von Wohlstandsschichten und Eliten ist geprägt von einer sturen Zuversicht. Nicht Überheblichkeit und Arroganz ist ihnen vorzuwerfen, das kommt vielleicht noch. Aber die Chinesen wollen über alles mitreden, über das der Westen auch redet. Sie haben ihre eigenen Gedanken über die Menschenrechte, insbesondere wie diese in Tibet auszusehen haben. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen von wirtschaftlichem Fortschritt und sozialer Gerechtigkeit. Und sie haben dabei vor allem das Gefühl, bisher nie angehört worden zu sein.

«Unser Boykott deutscher und französischer Waren könnte zu einem besseren Ausgleich der öffentlichen Meinungen in China und Europa führen und ein Gegengewicht zu den negativen Meinungen im Westen über China bilden», steht im Editorial des Pekinger Wo-chenmagazins China Newsweek. Der Herausgeber schreibt mit dem Ärger dessen, der sich mit Boykotten aufdrängen muss, um seiner Stimme Gehör zu verschaffen. Dass sein tieferer Ärger auch daher rührt, dass er sich im eigenen Land in der Regel nicht frei äussern kann, mag ihm vorgehalten werden. Aber es trifft ihn jetzt nicht. Es geht in diesen Wochen um die Olympischen Spiele und Tibet.

Das sind Themen, bei denen sich jeder studierte Chinese mündig glaubt. Für die Spiele zu sein und gegen die Unabhängigkeit Tibets – das sind aus Sicht der neuen chinesischen Wohlstandsbürger keine blossen Parteiparolen. Das sind die normalen Standortbestimmungen der neuen Weltmacht China.

Shen Jiru ist die Stimme des erwachten chinesischen Bewusstseins. Der emeritierte Professor der Pekinger Sozialakademie ist in diesen Tagen einer der gefragtesten chinesischen Fernsehkommentatoren. Beim Gespräch im opulenten Empfangssaal der Akademie zürnt er dem Westen: «Nicht weil ihr euch wirklich um die Menschenrechtsverletzungen in Tibet kümmert, kritisiert ihr uns», sagt Shen, «sondern weil ihr Angst vor unserer immer grösser werdenden Macht habt.»

Noch erscheint den meisten Chinesen die westliche Öffentlichkeit als dominant. Was weltweit zählt, glaubt man, ist CNN, nicht CCTV, das chinesische Staatsfernsehen, für das Shen seine Kommentare spricht. Und doch hat auch Shen bereits ein globales Publikum. Überall auf der Welt kann man ihn per CCTV-Satelliten oder per Video im Internet sehen. Er nimmt es auf mit der heimischen Konkurrenz der freien Hongkonger Fernsehsender. Er ist sozusagen ein Parteisprecher der höheren Stufe, der in freier, parteikonformer Rede versucht, das neue Mittelstandspublikum einzubinden.

Shen ist empört über die westliche Medienberichterstattung, die seiner Meinung nach die Ereignisse in Tibet einseitig dargestellt hat. «Separatistische Unruhestifter» hätte man als freiheitsliebende tibetische Demonstranten verklärt, klagt Shen. Er schimpft über den Ausraster von CNN-Kommentator Jack Cafferty, der erst alle chinesischen Waren als «Müll» bezeichnete und dann sämtliche Chinesen als «die gleichen Schläger und Verbrecher (goons and thugs), die sie in den letzten 50 Jahren waren». «Goons and thugs», sagt Shen, das sei «eine Nazi-Redensart, typischer Rassismus, pure Verachtung». Im Unterton höre man heraus, so Shen, dass die westliche Zivilisation überlegen sei und China alles falsch mache.

«Alles Müll? Sind die Amerikaner, die chinesische Produkte kaufen, etwa Idioten?», fragt Shen. In Wirklichkeit beleidige der CNN-Diskurs nicht nur das chinesische, sondern auch das amerikanische Volk. Aggressiv und pointiert stellt Shen seine Gegenfragen. Sie suggerieren die Bereitschaft, es bei jedem Thema mit dem Westen aufzunehmen. Von einem chinesischen Minderwertigkeitskomplex ist bei ihm nichts mehr zu spüren.

Vor elf Jahren, bei der Übergabe Hongkongs an China, war das noch anders. Da sprach die KP-Propaganda von den «150 Jahren Demütigung», die China in der Kolonialzeit seit den Opiumkriegen erlitten habe. Man betonte die eigene Opferrolle in der Geschichte. Heute sieht man sich als Sieger der Geschichte. «Die Entwicklung der BRIC-Länder [Brasilien, Russland, Indien, China, d.R.] hat die weltweiten Kräfteverhältnisse verändert. Nichts kann die BRIC-Länder stoppen. Der Rest der Welt sollte das freundschaftlich und mit Ruhe akzeptieren», mahnt Shen. Ein friedliches Miteinander bei den Olympischen Spielen in Peking, so legt er nahe, sei die ideale Gelegenheit für den Westen, kundzutun, dass es Chinas Ankunft auf der Weltbühne akzeptiere.

Nicht überheblich, aber auf Augenhöhe

Doch genau das will der Westen nun offenbar verhindern. Vielen Chinesen kommt es vor, als nähmen die westlichen Kritiker Tibet nur zum Vorwand, um den gewaltigen Vorbereitungen für die Spiele keinen Tribut zollen zu müssen. Das schöne neue Olympiastadion in Peking, sein geniales Vogelnest-Design, entworfen von schweizerischen Architekten – in westlichen Medien wird es heute als nur ein weiterer «Ausdruck in Beton und Stahl gegossener chinesischer Gigantomanie» beschrieben. Warum so gehässig, fragen chinesische Leser. Sie wollen dem Westen nicht folgen, wenn er die Olympischen Spiele nur als Ablenkungsmanöver eines Terrorregimes von Menschenrechtsverletzungen und anderen Problemen in China betrachtet.

Der neue Meinungskampf ist also längst mehr als ein hartes Mediengefecht. Es geht durchaus ums Eingemachte: zum Beispiel um die Interpretation der Menschenrechtslage in Tibet. Viele Chinesen wollen sich nicht sagen lassen, dass die Religionsfreiheit in Tibet rücksichtslos unterdrückt werde. Sie sehen Tempel, Kirchen und Moscheen im Land florieren wie nie zuvor. Zugleich sind sie Anhänger eines säkularen Staats. Wenn es wie im März zu Konflikten in Tibets Klöstern kommt, sehen sie eher politische, nicht religiöse Interessen am Werk.

«Die tibetischen Eliten wissen ganz genau, dass sie nur mit der Unabhängigkeit Tibets ihre Macht zurückbekommen. Das kann die chinesische Regierung nicht akzeptieren», sagt der KP-Dissident und Demokratiebefürworter Li Datong, sonst einer der schärfsten Regierungskritiker im eigenen Land. Wie die Kommunisten spricht auch Li von einer Verbesserung der sozialen Menschenrechtslage in Tibet. Mit dem Vorwurf des kulturellen Völkermords in Tibet, wie ihn der Dalai Lama formuliert, kann er nichts anfangen. Er sieht vielmehr, wie mit den Wirtschaftsreformen und der tibetischen Eisenbahn in den letzten Jahren der soziale Fortschritt Tibet erreicht habe.

Der Streit ist so alt wie die Menschenrechtscharta von 1948. Die Kommunisten betonten immer den Vorrang der sozialen Rechte vor den politischen Freiheiten, die westlichen Demokratien sahen die Reihenfolge immer umgekehrt. Nur schien der Streit nach dem Fall der Mauer 1989 beendet zu sein. Jetzt fachen ihn Chinas wirtschaftliche Erfolge erneut an.

Shen erinnert daran, dass China 1979 ein Bruttosozialprodukt von 200 Milliarden Dollar erwirtschaftete, 2007 seien es 3600 Milliarden Dollar gewesen. Und in diesem Jahr würde China gar Deutschland als drittgrösste Wirtschaftsmacht ablösen. «Wenn es jetzt noch Länder gibt, die sich China überlegen fühlen und belehrend mit dem Finger auf uns zeigen, dann sagen wir: Das geht nicht mehr. Wir gehen trotz eurer Vorwürfe unseren Weg», sagt Shen. Das ist genau der Ton, den viele Chinesen heute gerne hören. Nicht überheblich, aber auf Augenhöhe wollen sie sein, sich nicht mehr von oben herab moralisch abkanzeln lassen.

Die Frage ist nur, ob sie sich dabei in Trotz, Nationalismus und einem einseitigen materia-listischen Menschenrechtsverständnis verlaufen, wie viele im Westen glauben. Oder ob die Debatte gerade erst beginnt und der Selbstfindungsprozess einer neuen chinesischen Öffentlichkeit durchaus offen ist für neue Ideen, die den KP-Diskurs durchbrechen.

Westliche Politiker erwähnen dieser Tage immer wieder den Fall des Pekinger Menschenrechtlers und Aids-Aktivisten Hu Jia, der kürzlich für seine kritischen Aufsätze im Internet verhaftet und zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Staatsverleumdung verurteilt wurde. Die Pariser Menschenrechtsorganisation «Reporter ohne Grenzen» prangert an, dass fast 60 chinesische Journalisten für ihre veröffentlichte Meinung im Gefängnis sitzen. Derweil verweist die amerikanische Duihua-Stiftung in San Francisco auf 742 Menschen, die 2007 in China aus politischen Gründen verhaftet wurden, doppelt so viel wie vor drei Jahren.

Doch wo es den westlichen Kritikern in jedem einzelnen Fall um das verletzte Prinzip der politischen Meinungsfreiheit geht, erkennen heute viele Chinesen nur kleinkarierte Nörgelei. Sie verweisen auf die neue Meinungsvielfalt im Internet, das heute 230 Millionen Chinesen nutzen. Sie sagen, dass die meisten Proteste der letzten Wochen spontan über das Netz und SMS-Nachrichten organisiert waren. Sie signalisieren, dass sie sich als freie Bürger, nicht als unterdrückte KP-Untertanen fühlen.

«China war lange Zeit bekannt als der kranke Mann Asiens. Aber nach 5000 Jahren geht es uns jetzt wieder besser», sagte die Pekinger Studentin Zhu Xiaomeng kürzlich zwei US-Reportern. Sie zählte zu den Aktivisten, die täglich Tausende von Boykott-aufrufen gegen westliche Waren durch einen beliebten Chat-Service verbreiteten. Etliche Millionen solcher Text-Sendungen zirkulierten in den letzten Tagen im chinesischen Internet. 20 Millionen Unterschriften wurden gesammelt.

Bequeme Zielscheibe KP

Ob die Regierung die virtuelle Boykottbewegung mit ihrer Propaganda selbst angestossen hatte oder nur zuschaute, war hinterher schwer festzustellen. Doch zeigte sich quasi über Nacht die Mobilisierungsfähigkeit einer technologisch bestens ausgerüsteten Öffentlichkeit. Das kann den KP-Behörden auf Dauer nur unheimlich sein. Schon in den letzten Tagen unternahmen sie alles in ihrer Macht Stehende, um die Boykottbewegung zu stoppen. Womöglich erfolgreich. Doch der Lerneffekt einer solchen Massenbewegung bleibt trotzdem bestehen. «Die weltweite Unterstützung von Chinesen rund um den Globus hat gezeigt, wie gross unsere Solidarität in dieser Frage ist», sagte die 19-jährige Zhu.

Damit wird die Verständigung mit China für den Westen nicht leichter werden. Die KP war für viele eine bequeme Zielscheibe der Kritik, aber auch ein verlässlicher Verhandlungspartner. Jetzt reicht es nicht mehr, nur an die Reaktion der Pekinger Parteikader zu denken. Dies war der Fehler des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, als er seine Teilnahme an der Olympischen Eröffnungsfeier in Peking von Verhandlungen der KP-Führer mit dem Dalai Lama abhängig machte. Er wollte damit die Pekinger Regierung unter Druck setzen und erntete in China eine Empörung, die weit über das von Behörden gewollte Mass hinausging.

Dass sich Sarkozy nun bei der behinderten chinesischen Fackelträgerin Jin Jing für die Umstände des Fackellaufs in Paris entschuldigen musste, war nicht nur taktisches Kalkül im Hinblick auf die laufenden französischen Wirtschaftsverträge mit Peking. Es war auch ein kleiner Sieg der neuen chinesischen Öffentlichkeit. Noch sind die Spiele für China nicht verloren.

Georg Blume, jahrelanger Weltwoche-Mitarbeiter und Korrespondent der Zeit, lebt in Peking.


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