Manchmal hilft Freud. Besonders seine Einsicht in den «Narzissmus des kleinen Unterschieds»: Wer immer im selben Saft schmort, für den werden Unterschiede fundamental, die Aussenstehenden belanglos, ja absurd erscheinen. In der Schweiz wird vor allem unterschieden, ob jemand für oder gegen die SVP ist. Eine einzige politische Partei, die lediglich ein knappes Drittel der Wähler hinter sich weiss, besetzt das Denken auch der übrigen zwei Drittel sowie der Nichtwähler. Selbst in der gegenwärtig geführten Minidebatte über das Schweigen der Schweizer Intellektuellen zu politischen Fragen, die Matthias von Gunten mit seinem Dokumentarfilm «Max Frisch, Citoyen» ausgelöst hat, ist öfter von Blocher als von Frisch die Rede. Doch nicht im Sinne einer substanziellen Auseinandersetzung. Blochers Name wird in der Regel nur zur Scheidung von Freund und Feind herangezogen.
Im Ausland ist die Fixierung auf diese eine Figur und ihre Politik schwer nachvollziehbar. Erscheint dort trotzdem einmal ein Bericht über die SVP, hat ihn meist ein Schweizer geschrieben. Allerdings kein Schriftsteller. Zwar wollen sich die meisten Schweizer Autoren ebenfalls obsessiv von allem unterscheiden, was Blochers Partei vertritt. Aber die Differenzen werden selten offen ausgetragen. Warum eigentlich nicht? Bei den Schriftstellern drängt sich eben ein anderer Narzissmus des kleinen Unterschieds vor. Ihr Standpunkt ist noch immer, dass die Literatur nur sehr begrenzt zu aktuellen Interventionen tauge. Im Zeitalter der Fernsehtalks und Blogs habe der klassische Intellektuelle ausgedient.
In der Schweiz dominiert eine von Fördergremien und Literaturhäusern gestützte Selbstgenügsamkeit, wie man sie in Deutschland, Frankreich oder erst recht in den angelsächsischen Ländern vergeblich sucht. Man grenzt sich dort schon deshalb nicht so überheblich von einer Schriftstellerei ab, die zu aktuellen Problemen Stellung nimmt, weil man ihr Saison für Saison aufregendste Neuerscheinungen verdankt.
Der wohl faszinierendste Versuch, politische Gegenwart mit literarischen Mitteln zu bannen, kommt in diesem Frühling vom 1940 in Kapstadt geborenen und heute in Adelaide, Australien, lebenden Nobelpreisträger J. M. Coetzee. Wie schafft er es, die flirrende, komplexe Gleichzeitigkeit der Ereignisse in eine Romanhandlung zu überführen? In seinem «Tagebuch eines schlimmen Jahres», das die Zeit vom 12. September 2005 bis zum 31. Mai 2006 umfasst, hat Coetzee erst gar nicht vor, die Vielzahl der Aktionen und Reaktionen zu einem linearen und schlüssigen Ganzen zu fügen. Die Buchseiten sind in bis zu drei Teile aufgesplittert. Stets an erster Stelle gibt sich ein bekannter Schriftsteller namens J. C., dessen Biografie mit jener des realen Autors Coetzee viel gemeinsam hat und doch nicht deckungsgleich ist, in pointierten und mitunter polemischen Kurzessays Rechenschaft über den Zustand der Welt und der Politik.
Der Anlass ist ein Buchprojekt, das «feste Ansichten» versammeln soll. Kaum ein Reizthema, das ausgelassen wird, weder al-Qaida, der Terrorismus, die Gefangenenlager auf Guantanamo Bay noch die Privatisierung der Universitäten, der Umgang mit Pädophilie, die Vogelgrippe oder der Tourismus. Daneben äussert sich der Erzähler J. C. zu Grundlegendem wie dem Ursprung des Staates und über die Demokratie, über links und rechts, über nationale Schande und das Entschuldigen, über das erotische Leben und das Leben nach dem Tode. Ferner kommen künstlerische Themen aufs Tapet: Muttersprache und Fan-Post, die Autorität in der erzählenden Literatur im allgemeinen und die besondere Autorität von Klassikern wie J. S. Bach oder Dostojewski.
Die Welt als Gladiatoren-Amphitheater
Gemäss Coetzee sind Klassiker Prüfsteine. Die Steine dienten einst dazu, den Goldgehalt zu prüfen. Mit den Klassikern prüft man «seinen Glauben an die Menschheit, an die Kontinuität der menschlichen Geschichte». Genauso kann man Coetzees Kurzessays Prüfsteine nennen, mit denen er untersucht, was sich speziell seit den Terroranschlägen von 2001 verändert hat. Allerdings drückt sich in ihnen primär sein schwindender Glaube an die Menschheit und an die Kontinuität der menschlichen Geschichte aus. Coetzees Alter Ego J. C. bezeichnet die eigene politische Denkweise als pessimistisch-anarchistischen Quietismus oder anarchistisch-quietistischen Pessimismus oder pessimistisch-quietistischen Anarchismus: «Anarchismus, weil die Erfahrung mir sagt, was an der Politik schlecht ist, ist die Macht selbst; Quietismus, weil ich meine Zweifel am Vorhaben der Weltveränderung habe, einem Vorhaben, das mit dem Streben nach Macht infiziert ist; und Pessimismus, weil ich bezweifle, dass die Dinge grundlegend geändert werden können.» Durch die dunklen, rhapsodischen Ausführungen zieht sich ein alarmroter Faden: Der «Krieg gegen den Terror» und die um sich greifende Marktfrömmigkeit, die selbst die intimsten Bereiche des Alltags erfasst, gefährden die Zivilgesellschaften.
Osama Bin Laden sei über seine wildesten Träume hinaus erfolgreich gewesen. Mit wenigen gezielten Angriffen hätten er und seine Gefolgsleute einerseits den Westen demoralisiert und ganze Nationen in Panik versetzt, andererseits «das tyrannische, autoritäre, militaristische Element» in der Politik der westlichen Demokratien gestärkt.
Als Profiteur sieht Coetzee einen neuen Menschenschlag ohne Mitgefühl, aber bestens gewappnet für ein Wirtschaftsleben, das wie ein «Gladiatoren-Amphitheater» nach dem Motto «Töte oder du wirst getötet» funktioniert. Dessen «Mitspieler» sind insofern Gläubige, als sie davon ausgehen, dass der Markt sie ihrem «Input» (Ausbildung, Leistungsbereitschaft etc.) entsprechend belohne.
Was hier schematisch tönt, exemplifiziert Coetzee in den weiteren Erzählsträngen: Er führt zwei fiktive Figuren ein, eine junge philippinische Waschraum-Bekanntschaft des Autors J. C., die ihm seine Ansichten abtippt, und ihren Freund, einen abgefeimten Broker, der alsbald auf J. C.s Computer ein Meldeprogramm installiert, mit dem er dessen Testament und Finanzverhältnisse ausspioniert und einen Zinsbetrug plant.
Parallel zu den Essays des Erzähler-Ichs laufen nun die Kommentare und Handlungen des Brokers Alan und seiner Freundin Anya, die seine Kinder sein könnten. Der Leser taucht in drei völlig unterschiedliche Charaktere und Welten ein. Für Alan ist der 72-jährige Autor J.C. ein Auslaufmodell, das «Bockmist» absondert und ignoriert, dass die «grossen Fragen» gelöst sind. Der Staat hat in Alans Augen nur noch die Aufgabe, die Wirtschaft zu schützen, während das Individuum frei genug sei, um für sich selbst zu sorgen. Die Politik ihrerseits sei ein Nebenschauplatz geworden. Dramaturgisch raffiniert setzt Coetzee die mitunter radikalen Ansichten seines Alter Ego den nicht minder radikalen Bemerkungen und Realitäten Anyas und Alans aus. Gerade indem er möglichst viel Faktisches in Fiktionen präsentiert, gelingt ihm ein ungemein wirklichkeitsnahes Zeitpanorama. J. M. Coetzee macht vor, wie lebendig, wie gut eine Literatur, die sich politisch einmischt, nach wie vor sein kann, auch oder gerade wenn ihr Erfinder dem realistischen Erzählen misstraut.
Noch mehr misstraut er indes Menschen und besonders Politikern, die immer das sogenannte Realitätsprinzip anführen und jede Kritik als idealistisch schmähen. In einer meisterhaften Zirkelargumentation lässt Coetzee seinen Erzähler sagen, die Leute hätten es satt, sich von den Regierenden Erklärungen anzuhören, die nie die ganze Wahrheit seien. Daher ihr Verlangen, zu hören, was redegewandte Zeitgenossen ausserhalb der politischen Welt, also auch Schriftsteller, über die öffentlichen Angelegenheiten denken. Doch wie könne dieses Verlangen durch den Schriftsteller befriedigt werden, wenn dessen Faktenwissen gewöhnlich unvollständig und unsicher sei und «wenn er nicht selten wegen seines Berufes am Lügner und der Psychologie der Lüge ebenso interessiert ist wie an der Wahrheit»? Kaum zufällig werden Coetzees «feste Ansichten» immer wieder in Frage gestellt und mit Gegenansichten konfrontiert, die ihnen den Boden entziehen.
J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres. S. Fischer. 236 S., Fr. 35.40
16.04.2008, Ausgabe 16/08
Literatur
«Töte oder du wirst getötet»
Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee beweist in seinem neuen Werk, wie politisch Belletristik noch immer sein kann.
Kommentare