Tom Ford (klatscht im neuen Ford-Shop in Zürich in die Hände): Cocktails, meine Lieben!
Was trinken Sie?
Cola light, ich bin eben aus den USA eingeflogen. Aber nehmen Sie bitte Champagner. In ein paar Stunden werde ich mir auch Cocktails genehmigen.
Zum Wohl. Wo genau kommen Sie gerade her? Sie besitzen so viele Häuser.
Aus Los Angeles. Wo wohnen Sie?
In Los Angeles und in Zürich.
Oh, potenzielle Kunden. Sehr erfreulich. Kommen Sie zu uns, sehen Sie sich um.
Neben George Clooney sind Sie der Interviewpartner, um den wir am meisten beneidet wurden. Können Sie uns das erklären?
Nein. Wenn es einen selber betrifft, versteht man die Wahrnehmung nicht, die man erzeugt. Das ist keine besonders gute Antwort, oder?
Nein.
Was mich immer überrascht, ist, wie voreingenommen die Leute sind. Die meisten erwarten, dass ich irgendwie fies bin. Vielleicht liegt das daran, dass ich auf Bildern nicht lächle.
Das irritiert tatsächlich. Ihr Erfolg müsste Sie doch ziemlich froh machen. Aber es gibt kein einziges Werbefoto, auf dem Sie lachen.
Mein öffentliches Image war wahrscheinlich eine frühe Entscheidung. Man muss festlegen, wie viel von sich man der Öffentlichkeit gibt. Dabei lache ich viel. Und ich habe auch hübsche Zähne.
Der gebräunte Mann im dunkelgrauen Anzug über dem blütenweissen, inzwischen lediglich noch bis zur Mitte der Brust aufgeknöpften Hemd sieht besser, jünger und vor allem vergnügter aus als der ehemalige Gucci-Designer Tom Ford. Der Aufstieg des heute 47-Jährigen zum Superstar der Modeszene hatte nicht zuletzt darauf beruht, dass er sich in den Gucci-Werbekampagnen genau so verschwenderisch vermarktete wie seine sexuell überhitzt inszenierten Models. Nach seinem Ausscheiden bei Gucci vor vier Jahren, das in der Fachwelt wie ein Todesfall betrauert wurde, rätselte die gesamte Modeszene, welchem krisengeschüttelten Label Wunderkind Ford als Nächstes zu Milliardengewinnen verhelfen werde. Stattdessen lancierte er in Zusammenarbeit mit Estée Lauder eine Kollektion von Düften, entwarf Männerbekleidung und arbeitete an der Ausstattung seiner künftigen Läden, deren Design und deren Service er so minutiös plante wie die Kollektion selber. Bei der Zürcher Eröffnungsparty vergangene Woche war das weibliche Dienstpersonal einheitlich frisiert und gekleidet, ebenso das männliche. Die weiss behandschuhten Butler, die zwischen Spiegeln und Ebenholzgetäfer Champagner und Cocktails reichten, waren nicht nur zur Eröffnung da. Sie werden auch im Alltag Kunden versorgen. Wer für einen Ford-Anzug nach Mass über 5000 Franken zahlen muss, sollte besser nicht allzu nüchtern sein.
Ihre Idee, nach zehn Jahren sehr unkonventioneller Gucci-Kollektionen klassische Männerkleidung zu entwerfen, hat viele Männer, die wir fragten, spontan begeistert.
Das freut mich. Ich glaube, die besten Ideen sind manchmal nicht die kalkulierten, sondern die, die mit dir selber etwas zu tun haben. Als ich Gucci verliess, konnte ich für mich nichts zum Anziehen finden. Was ich jetzt mache, ist real. So will ich mich anziehen, so möchte ich einkaufen. Auch andere Designer-Firmen entwerfen Herrenbekleidung, und sie machen sehr hübsche Sachen. Aber es sind meist kleine Kollektionen, und Männer empfinden sie oft als zu trendig. Ich versuche, Männern beste Qualität und besten Service von Kopf bis Fuss zu liefern.
Wie lange kann ein Mann Ihre Anzüge tragen, bevor er darin altmodisch wirkt?
Möglicherweise ein Leben lang. Mein Freund Lapo Elkann trägt die Anzüge seines Grossvaters Gianni Agnelli und sieht darin grossartig aus.
Elkann ist eine modische Ausnahmeerscheinung mit einem sehr kühnen Sinn für Stil.
Richtig, aber man muss vom eigenen Sinn für Stil überzeugt sein. Manche meiner Anzüge können aus der Mode kommen. Und manchmal verliert man auch die Überzeugung, dass der Stil, den man einmal gut fand, noch richtig ist für einen. Aber wer Sorge zu seinen Kleidern trägt und immer noch den gleichen Schnitt mag, wird den Anzug sehr lange tragen. Man kann sich selber zur Ikone machen, wenn man herausfindet, was man mag, wer man ist. Das ist der Unterschied zwischen Mode und Stil. Mode ist eine Frage von in und out. Stil kommt von dir selber.
Haben Männer ein anderes Verhältnis zu Mode als Frauen?
Ich glaube, ja. Männermode verändert sich sehr langsam. Frauen haben einen Drang nach neu, neu, neu. Vielleicht ist der angeboren, vielleicht wurden sie so konditioniert, ich weiss es nicht. Für mich ist diese Art der Herrenbekleidung neu, sehr anders als das, was ich für Gucci und Yves Saint Laurent entwarf. Es ist ein Hybride zwischen Schneideratelier und Designer-Geschäft, den es im Moment so nirgendwo gibt. Wenn ich herausfinde, wie man das Frauenmode-Business anders machen und die Einkaufsgewohnheiten der Frauen verändern kann, werde ich dasselbe auch für Frauen machen.
Gibt es keine klassische Frauengarderobe?
Das entscheidet jede Frau für sich. Manche Frauen ändern ihren Look ein Leben lang nicht, und einige von ihnen, wie die Choreografin Martha Graham und die ehemalige Vogue-Chefin Diana Vreeland, gehören zu den Mode-Ikonen der Welt. Genauso bei den Männern. Cary Grant wusste, was an ihm gut aussah, und er trug immer denselben Stil.
Madonna ist eine Ikone und ein Chamäleon.
Das ist die andere Variante: permanente Veränderung. Aber selbst Madonna legt sich langsam auf einen stabileren Ikonen-Look fest.
Mögen Sie ihn?
Ich mag sie, ich mag sie sehr. Sie ist eine Freundin und hat riesiges Talent. Und sieht für fünfzig unglaublich aus. Ihr Körper drückt aus, wer sie ist. Ich kann nicht zu viel über sie sagen, sonst wird sie wahrscheinlich wütend, aber sie ist als Person sehr diszipliniert und sehr klar definiert, und das widerspiegelt sich in ihrem Körper.
Sie legen in Ihren Läden Wert auf erlesenen Service. Brauchen oder wünschen Männer beim Einkaufen mehr Beratung als Frauen?
Manche wissen sehr genau, wie sie ihre Manschetten wollen und ob die Hose einen Umschlag haben soll oder nicht. Andere kommen herein und brauchen Hilfe. Und viele lassen ihre Frauen und Freundinnen ihre Kleider kaufen. Ich halte das für das Schlimmste, was ein Mann tun kann. Er läuft herum als Ausdruck dessen, was jemand anders von seinem Aussehen erwartet.
An diesem Punkt des Gesprächs atmet Weltwoche-Autor Simon Brunner hörbar ein. Er sagt, er lasse seine Freundin gerne für sich einkaufen. Tom Ford fragt überrascht nach dem Grund. Die Antwort: Unsicherheit. Ford will wissen, ob er seine Freundin je gefragt habe, warum sie ausgerechnet dieses blaue Hemd oder jene braunen Schuhe für ihn ausgesucht habe. Hat er nicht. Aber wenn er selber Kleider kaufe, sagt Brunner, sei er oft schon zu Hause nicht mehr überzeugt von seiner Wahl. Eine Ausnahme sei der Anzug gewesen, den er jetzt trage. Ford fragt, ob der Journalist hören wolle, was er von seiner Erscheinung halte. Brunner nickt. Der folgende Dialog findet vor einem grossen Spiegel des Zürcher Ford-Geschäfts statt. Er beginnt damit, dass Ford mit dem Finger in Brunners Bauch sticht.
Erste Frage: Kümmert es Sie, wie Sie aussehen?
Ich glaube schon.
Dann müssen Sie abnehmen. Ernsthaft. Wenn Sie gut angezogen sein wollen, darf Ihr Bauch nicht über den Gürtel stehen. Klopfen Sie mir einmal auf den Bauch.
Ziemlich hart.
Und jetzt fühlen Sie meine Armmuskeln.
Beeindruckend.
Fassen Sie mal an meinen Hintern. Ich spanne ihn an.
Hart wie Stein. Ich merke, Sie tragen keine Unterwäsche.
Keine Unterwäsche. Wie gesagt, das alles ist nur für jemanden, den es kümmert. Aber wenn es Sie kümmert, sollten Sie etwas tun. Wie schwer waren Sie, als Ihnen Ihr Körper am besten gefiel?
Zehn Kilo leichter.
Wie alt sind Sie jetzt?
Dreissig.
So jung? Sie wirken älter... Sie müssen wirklich aufpassen. Dieser Bauch wird sehr schnell sehr gross. Sie sehen fantastisch aus, wirklich. Aber ich bin sehr ehrlich zu Ihnen, wenn wir das machen. Wie viel wiegen Sie?
85 Kilo.
78 Kilo dürfte Ihr perfektes Gewicht sein. Dieses Gewicht sollten Sie halten, bis Sie sechzig Jahre alt sind. Kaufen Sie sich eine Waage, und stehen Sie jeden Morgen als Erstes nackt drauf. Nehmen Sie ab, und stellen Sie sich auch danach jeden Morgen drauf. Wenn Sie ein Kilo zunehmen, essen Sie nur ein bisschen Proteine zum Frühstück und abends Gemüse, bis Sie wieder runter auf 78 sind – und das bis zum Ende Ihres Lebens. Etwas Fitness würde auch nicht schaden, sonst werden Sie schwammig.
Angenommen, ich bin jetzt 78 Kilo schwer...
...dann schauen Sie jetzt wieder in den Spiegel. Ihre Grösse ist gut. Aber knöpfen Sie die Jacke zu. Nein, machen Sie sie wieder auf, und schauen Sie genau hin: Das ist der Klops-Effekt. Ein aufgeknöpftes Jackett macht immer breiter.
Würden Sie meinen Anzug einigermassen gutheissen?
Sie sehen aus wie ein Bürobeamter, nicht wie ein Kadermitglied. Kadermitglieder lassen ihre Jacken nicht offen. Es ist zu nachlässig. Knöpfen Sie Ihre Jacke zu, und Sie sehen sofort wie ein Präsident aus. In den Nachrichten werden Sie nieeinen Präsidenten mit offener Jacke sehen, mit Ausnahme von George W. Bush vielleicht. Nein, knöpfen Sie nicht beide Knöpfe zu – drei Knöpfe würden Ihnen übrigens besser stehen –, sondern immer nur den oberen oder den mittleren.
Waren Ihnen solche Details immer geläufig?
Viel fotografiert zu werden, hilft. Da sieht man, wie man wirklich aussieht, man lernt Tricks. Mit engen Jackettärmeln zum Beispiel entsteht ein Zwischenraum zwischen hängenden Armen und Taille, das macht schlanker. Aber wer seine Jacke nicht zuknöpft, sieht auf Fotos trotzdem dicker aus. Also knöpfen Sie immer Ihre Jacke zu.
Mit anderen Worten: Es gibt Regeln, die auch ich lernen kann?
Absolut. Aber es sind keine Regeln, es sind Leitlinien. Natürlich kann man gewisse Dinge lernen, um als Mann in einem Anzug besser auszusehen. Wenn Sie abends müde sind, gibt es beispielsweise nichts Besseres als ein gestärktes weisses Hemd, frisch aus der Wäscherei. Sie können noch so triefäugig dasitzen, das Hemd macht Sie knackig. Aber am wichtigsten für Männer und Frauen ist, sich das, was man trägt, wirklich zu eigen zu machen. Man darf nie zulassen, dass man von seinen Kleidern getragen wird. Beginnen Sie zu lernen, was Ihnen gefällt.
Wie stellt man das an?
Probieren Sie vor dem Spiegel verschiedene Dinge an. Sind sie bequem? Passt ein graues Hemd? Wollen Sie eine helle Krawatte? Sehen Sie mit einem grossen Krawattenknopf besser aus als mit einem kleinen? Worin fühlen Sie sich am besten? Das ist die wichtigste Frage für Männer. Sie sollen sich nie albern fühlen, egal, was andere sagen. Es gibt Geschäftsleute, die in Freizeitkleidung völlig lächerlich aussehen.
Was noch?
Es sieht sehr gut und frisch aus, wenn unter dem Ärmel die Manschette bei hängenden Armen ein klein wenig sichtbar ist. Ihre Ärmel sollten also etwas gekürzt werden. Dann sieht auch ein weniger teurer Anzug massgeschneidert aus. Bringen Sie die Jacke zu einem Schneider.
Ist mein Hemd okay?
Wenn Sie genug Geld haben, bringen Sie es beim nächsten Mal in die Reinigung. Nicht in die chemische Reinigung, sondern in die Wäscherei zum Stärken. Ihre Krawatte ist etwas zu schmal. Ausserdem ist der Knopf zu lose. Wenn Sie nicht absichtlich nachlässig wirken wollen, halten Sie Ihren Knopf oben am Hals. Es sieht sauberer aus. Ihre Hose ist vermutlich etwas zu lange, und ich persönlich finde Hosen mit Umschlag besser. Vor allem aber sollten Ihre Schuhe glänzen. Schuhe polieren kann jeder. Der Rest sieht gut aus.
Keine weitere Verbesserung möglich?
Well, eine weitere Verbesserung wäre... Sagen Sie, wie lange haben Sie sich heute Morgen Zeit genommen, um sich zu rasieren?
Zehn Minuten.
Machen Sie zwanzig draus. Kämmen Sie Ihr Haar kräftig durch, waschen Sie Ihr Gesicht gründlich, rasieren Sie sich sorgfältig, und putzen Sie Ihre Zähne mit Ausdauer. Zeigen Sie mal Ihre Fingernägel. Ziemlich gut! Hoffentlich sehen Ihre Zehennägel ähnlich gut aus. Es gibt so viele Männer, die mit eklig ungepflegten Füssen zu jemandem ins Bett steigen. Sagen Sie: War es nicht brutal, was ich eben mit Ihnen gemacht habe?
Überhaupt nicht, Sie waren äusserst taktvoll. Haben Sie eine Vermutung, von wem mein Anzug stammt?
Er fällt leicht und hat weiche Schultern – ich mag lieber härtere. Eine Armani-Kopie oder eine billigere Armani-Linie?
Armani Collezioni, die zweitteuerste seiner Kollektionen.
Die teuerste kann es gar nicht sein, wegen der Knopflöcher an den Ärmeln. Sie sind zugenäht. Bei einem Spitzenprodukt könnte man sie aufmachen. Das ist nicht Ihr Fehler, und ich kritisiere Sie nicht dafür. Nicht jedermann ist reich. Sie haben eine gute Wahl getroffen. Es ist ein guter, schwarzer Anzug, den Sie zu vielen Gelegenheiten tragen können. Haben Sie eine gute Uhr?
Nein.
Investieren Sie in eine schöne Uhr und in gute Schuhe. Auch in Jeans und T-Shirt sehen Sie mit einer attraktiven Uhr und guten Schuhen tadellos aus.
Eine spezielle Empfehlung?
Ich trage heute eine Cartier, weil ich genug habe von grossen Uhren. Aber sie ist fast zu klein, also trage ich einen Armreif dazu. Die meisten Männer ziehen heute weisses Metall goldenen Uhren vor. Sie tragen einen Gürtel mit silberner Schnalle. Warum also nicht eine Rolex aus Edelstahl?
Alle tragen Rolex.
Wunderbar, finden Sie etwas Individuelleres, vielleicht ein altes Stück. Ihr Duft?
«Pi» von Givenchy.
Ich kenne «Pi» nicht, aber ich mag die Düfte von Givenchy. Fast nur Patschuli. Givenchy war ein eleganter Mann, meine Güte.
Vielen Dank für die Lektion.
Ich tat das nicht gern, es schien mir sehr, sehr hart.
Tom Ford, dessen Engagement bei Gucci ihm mindestens eine Viertelmilliarde Dollar eingebracht haben soll, will zusammen mit Domenico De Sole, ehemals CEO bei Gucci und Mitbegründer von Tom Ford International, in den nächsten Jahren weltweit, mehrheitlich mit Franchise-Partnern, Geschäfte für Herrenbekleidung eröffnen, ausserdem in hochklassigen Warenhäusern «Shop in Shops» einrichten. Die Luxusmarke, sagt De Sole, werde «in aller Ruhe und ohne fremdes Kapital» aufgebaut. Wie viel Ruhe Tom Ford in den nächsten Jahren finden wird, ist allerdings ungewiss. Der als pingeliger Kontrollfreak bekannte Designer hat gelobt, bei jeder einzelnen Eröffnung zugegen zu sein und persönlich zu überprüfen, ob Ware, Einrichtung und Schulung des Personals seinen Perfektionsansprüchen gerecht werden.
Haben Sie auch Unterwäsche im Angebot?
O ja, es gibt Boxershorts, die Sie passend zum Hemd haben können oder mit Monogramm, wenn Sie das möchten.
Warum tragen Sie selber keine?
Das ist eine persönliche Sache. Meine Mutter kann es nicht mehr hören. Sie sagt jedes Mal: «Ich wünschte, du hörtest endlich auf zu erwähnen, dass du keine Unterwäsche trägst.» Aber sie stört mich einfach, sie rutscht rauf, ich mag sie nicht. Noch eine Schicht mehr, die aufträgt. Ich trage seit Jahren keine Unterwäsche mehr.
Man sagt Ihnen einen einzigartigen Riecher für Zeitgeist nach, Sie waren immer etwas schneller als andere Designer im Erkennen von Trends. Wie machen Sie das?
Wenn Designer hören, dass der und der das und das macht, reagieren viele, indem sie das auch machen. Meine Reaktion ist: Dann muss ich etwas anderes machen. Das ist es, was einen Designer ausmacht. Aber es ist nichts, was ich jemandem beibringen könnte. Ich kann nur so viel sagen: Mein Prinzip baut auf Langeweile auf. Intuitive Langeweile über das, was es schon gibt.
Langeweile als Triebfeder?
Ich beginne jede Saison mit der Frage: Was will ich nicht mehr sehen, was hängt mir zum Hals heraus? Zum Beispiel Ebenholz, was ich jetzt nur deswegen sage, weil mein Blick gerade drauf fällt. Ich denke: Immer dieses Dunkle, das macht mich nur noch krank. Dann frage ich mich: Was möchte ich Neues sehen? Etwas Pinkes vielleicht? Im besten Fall sind die Konsumenten vom Gleichen gelangweilt wie ich, aber sie wissen es noch nicht. Erst wenn sie sehen, was ich Neues bringe, merken sie, wie sehr sie das Alte anödet, und sie sagen: «O mein Gott, das sieht aber frisch aus.»
Ihr neues Business-Modell beruht auf der Zeitlosigkeit von klassischen, eher konservativen Anzügen. Warum bringen Sie trotzdem neue Kollektionen heraus?
Auch wenn der Rahmen für Veränderungen klein ist, machen wir drei Kollektionen pro Jahr. Unsere Läden müssen immer etwas Neues bereithalten, die Kunden erwarten das. Wir zeigen die neuen Sachen aber nicht auf dem Laufsteg. Ich will nicht von der Presse beeinflusst werden. Die Kunden sollen sagen, was ihnen gefällt.
Dürfen wir noch eine Stilfrage stellen?
Sie dürfen fragen, was immer Sie möchten.
Sollen Männer ihre Körperhaare rasieren?
Hm, mein Brusthaar ist einen Tick gestutzt, das gibt ein gutes Gefühl (knöpft das offene Hemd weiter auf). Lustigerweise habe ich gar nicht so viel. Schauen Sie, hier (unter dem Brustkorb) hört es schon auf. Noch weiter unten lasse ich das Haar ganz stehen. Ich sprach mit meinem Vater darüber, er ist 76 Jahre alt. Und er versteht die Welt nicht mehr: Alle sind überall rasiert. Wenn eine Frau nackt ist, sollte man viel Haar sehen, findet er. Und er hat Recht. Das ist natürlich, pur, animalisch. Aber das ist mein persönlicher Geschmack. Eine Frage, die mich übrigens auch sehr beschäftigt.
Der Intimbereich als Mode-Statement?
Wir haben eben Aufnahmen gemacht für ein Magazin mit vielen nackten Männern. Heterosexuelle, zwischen 19 und 60 Jahre alt. Die Älteren hatten volles, natürliches Schamhaar, die unter 40-Jährigen trugen es stark zurechtgeschnitten, ein paar hatten gar keines mehr. Ich fragte die Jungen, warum sie glattrasiert sind. Sie antworteten: Weil meine Freundin das so mag.
Sie machen es kaum nur der Freundin zuliebe.
Sie haben recht. Es ist eine haarlose Generation, ihre sexuelle Sozialisierung passierte mit Pornos, in denen kein Schamhaar vorkommt. Ich selber wurde in den siebziger Jahren gross, damals waren Pornofilme noch Pornofilme, es wurde geschwitzt, es war haarig. Häufig rasieren sich junge Männer heute sogar die Beine.
Im letzten Monat war zu lesen, Sie und Ihr Partner Richard Buckley [Fords Lebensgefährte seit 20 Jahren, Anm. d.Red.] wollten noch in diesem Jahr ein Kind , dessen biologischer Vater Sie sein werden.
Ich hätte nie etwas dazu sagen sollen. Ich hätte gerne ein Kind, aber ich weiss nicht, ob ich jemals eines haben werde. Ich habe keines in Aussicht und nichts organisiert. Ein Kind zu haben, ist etwas, was ich mir immer gewünscht habe. Ich habe so viel gemacht in meinem Leben, so viel erreicht, alles war wunderbar. Aber vielleicht habe ich etwas Fundamentales verpasst. Was ich sicher weiss: Ich werde nie mehr mit der Presse über dieses Thema sprechen. Und sollte ich je ein Kind haben, werde ich es resolut von der Öffentlichkeit fernhalten.
Es würde Ihr Leben auf den Kopf stellen.
Vielleicht. Aber das wäre möglicherweise ganz positiv. Was soll ich die nächsten vierzig Jahre tun? Kleider machen? Läden eröffnen? Häuser bauen? Das habe ich getan. Vielleicht täte es mir gut, wenn ich nicht immer an mich denken würde, sondern mich um ein anderes Lebewesen kümmern müsste, es ernähren, ihm Dinge beibringen müsste.
Müssen wir uns bald mit Tom-Ford-Babykleidern auseinandersetzen?
Nichts auf der Welt interessiert mich weniger als das. Kinder sollen wie Kinder aussehen, sie sollen Kinderkleider tragen und nicht wie Mini-Erwachsene herumlaufen.
Warum haben Sie als zweiten Standort der geplanten Ford-Geschäftskette nach New York ausgerechnet Zürich gewählt?
Die Antwort heisst Trudie Götz. Ich liebe Trudie [die Zürcher Boutiquen-Besitzerin Trudie Götz]. Wir arbeiteten schon bei Gucci mit ihr zusammen, sie ist der Hauptgrund, sie hat mich geholt. Zürich ist ein interessanter Markt. Wir werden in den nächsten paar Monaten viele Shops rund um die Welt eröffnen. Keinen weiteren in Amerika, übrigens. Wir suchen urbane, reiche Märkte. Das bietet Zürich. Vielleicht gehen wir auch nach St. Moritz.
Auch Sie fördern die Globalisierung der Mode. Alles sieht überall immer gleich aus.
Ich fürchte, das ist unaufhaltsam. Wir ändern die Anzüge ab, damit sie persönlicher aussehen, aber ich weiss schon, was Sie meinen. Es wird einen globalen Stil geben, das ist hart zu schlucken, aber man muss es akzeptieren.
In Ihrem Laden steht ein Paar Schuhe für 14900 Franken. Könnten Sie nicht etwas entwerfen, das sich auch Durchschnittsverdiener leisten können?
Ach, kommen Sie. Wir haben Sonnenbrillen, Düfte und T-Shirts im Programm. Legen Sie Geld auf die Seite, und leisten Sie sich etwas. Meine Sachen halten ewig. Simon, knöpfen Sie Ihr Jackett wieder zu!
16.04.2008, Ausgabe 16/08
Tom Ford
«Knöpfen Sie Ihr Jackett wieder zu»
Tom Ford, als Gucci-Designer zum Mode-Superstar aufgestiegen, ist zurück. Letzte Woche eröffnete er in Zürich seine erste Boutique für Luxus-Herrenbekleidung in Europa. Und erteilte dem Weltwoche-Journalisten eine Lektion in Stil.
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