Film

Der Rock-Zirkus

Mit «Shine a Light» dokumentiert Martin Scorsese die Rolling Stones in erbarmungsloser Nahaufnahme.

Von Wolfram Knorr

Der CD-Markt, ob Klassik oder Pop, läuft nicht mehr rund; auch das Bildermedium Kino kraucht. Das Geschäft mit der Unterhaltung lahmt allerorten, und so ist das Bedürfnis, in Stunden der Not zusammenzurücken, riesig. Es häufen sich die Fälle von Fusionen. Musik ist wieder Trumpf im Film: «Across the Universe», «I’m Not There», «Walk Hard – The Dewey Cox Story», «Step Up 2 the Streets», «Control», «Patti Smith: Dream of Life», «Lou Reed’s Berlin» und so weiter und so weiter. Da erstaunt es nicht, dass auch Martin Scorsese, furioser Chronist amerikanischer Alpträume («Taxi Driver»), zugriff. Schliesslich hat er auf dem Gebiet des Musik-Business Erfahrung («New York, New York», «The Last Waltz») und weist dabei gerne und tückisch auf die Schattenseiten des Showgeschäfts hin.

Damit hält er auch in dem mit Pomp auf der Berlinale uraufgeführten Rolling- Stones-Konzertfilm «Shine a Light» nicht hinterm Berg. Während die Leitfigur Sir Mick Jagger, 65, sich als Kontrollfreak gebärdete und partout die Reihenfolge der Songs dem Regisseur nicht preiszugeben bereit war, rückte Scorsese dafür mit Batterien von Kameras und Scheinwerfern dem Rock’n’Roll-Urgestein so gnadenlos auf die Pelle, dass die Physiognomien des Quartetts fast «abendfüllender» sind als ihr musikalisches Feuerwerk. Um den Bühnenderwisch Jagger als Energiezentrum und seine strahlenden Trabanten nie aus dem Fokus zu verlieren, umzingelte Chefkameramann Robert Richardson das Rock-Kraftwerk mit derart vielen Aufzeichnungsgeräten, dass es buchstäblich kein «Entkommen» gab.

«Shine a Light» ist die Zusammenfassung zweier Stones-Konzerte, die im Herbst 2006 auf Einladung von Bill und Hillary Clinton als Fund-Raising-Veranstaltung im New Yorker Beacon Theatre mit Gästen wie Christina Aguilera, Blues-Legende Buddy Guy und Jack White über die Bühne gingen. Es gehört zu Scorseses angenehmen und sympathischen Seiten, sich nicht mit cineastischen Mätzchen in den Vordergrund zu rücken, sondern – wie in seinen Spielfilmen – sich einer Ästhetik der Reduktion zu bedienen, einer Dramaturgie rigoros komprimierter «typischer» Szenen und Situationen ohne Überbau und Hintergrund, ohne Erklärung und Begründung. Dem Konzertdokument kommt das besonders zugute, die Musiknummern werden nicht durch Kommentare und Weisheiten unterbrochen, sondern durchgespielt. Nur gelegentlich, dort, wo es tatsächlich nicht stört, montiert Scorsese Archivmaterial dazwischen. Er will vor allem den mörderischen Verschleiss im Showbiz an den Visagen kenntlich machen – und die gnadenlosen Kameras sind Beweis genug.

Treib die Eltern in die Raserei

Keith Richards, Mick Jagger und Ron Wood sind weit von Dorian Gray entfernt. Drummer Charlie Watts dagegen gleicht noch am ehesten einem Stein, dessen Risse mit Beton gefüllt und geglättet wurden. Allen sieht man die Risiken an, die sie im Laufe ihrer steilen Rock-Karriere gesucht, bewältigt und vergrössert haben, um Freiräume zu erkämpfen. Damals, im England des Skiffles und des Zickenjazz, kein leichtes Spiel. Der Rock’n’Roll, dieser hämmernde Steinschlag, schlauchte die frühen Wilden, die Urahnen des Punk. «Rollin’ Stone» hiess ein Song von Muddy Waters, den Jagger und Richards besonders schätzten. Im Blues war der «rollende Stein» das Synonym für Abenteuer und Aussenseiter, für ein Leben on the road. Die rohe Vitalität, die in den Songs und Auftritten von Muddy Waters und Co schamlos zum Ausdruck kam, faszinierte einen Teil der europäischen Jugend, besonders in England, wo Anfang der sechziger Jahre nichts swinging war, dafür alles verklemmt. Jagger und Co war es scheissegal, als bad boys, ungewaschene Anarchisten oder versiffte Elemente beschimpft zu werden. Widerborstig krakeelten sie ihre Songs und gewannen dabei ihre Fans. Bald waren es Millionen, und Jaggers eindeutige Bühnengesten brachten (nicht nur) das weibliche Publikum schier um den Verstand.

Die ruppigen Songs bewirkten, was in den fünfziger Jahren der kieksende Reibeisen-Barde mit der Brikettfrisur, Little Richard, gefordert hatte: Die Eltern musst du zur Raserei treiben, um ihre Kids auf deine Seite zu bringen. Die Rechnung ging auf, und es entstand eine nicht nur musikalische, sondern auch ideologische Zweiteilung der Gesellschaft: Beatles-Anhänger galten als «anständig»; ihre preziösen Harmonien gefielen sogar den Eltern und nahmen der Jugend damit ihre Trotzhaltung. Die Stones dagegen benahmen sich gezielt daneben, pflegten das Ungehobelte, suchten die wüsten Auftritte – und konnten die Jahrzehnte überdauern.

Man sieht es ihnen an und glaubt Scorsese, immer ein Stones-Anhänger gewesen zu sein. Der Spross aus New Yorks Little Italy schuf damit einen teilweise opernhaften, melodramatischen, fast naturalistischen Film mit handgreiflicher, brutaler Rohheit, der in seiner exzessiven Wut den frühen Stones durchaus ähnlich ist.

Shine A Light. Regie: Martin Scorsese. USA, 2008

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