Als Thomas Mann am 21. Februar 1938 in New York von Bord des britischen Turbinenschiffs «Queen Mary» stieg, soll er – einem Zeugnis seines Bruders Heinrich zufolge – gesagt haben: «Wo ich bin, ist die deutsche Kultur.» Ein steiler Satz, der leicht in den Ruch der Hybris, der Selbstüberschätzung eines Ich-zentrierten Schriftstellers, gerät. Doch Mann blieb mit dieser Einschätzung nicht allein. Bundespräsident Horst Köhler fällte im August 2005 an einer Feier zum 50. Todestag des Autors in dessen Geburtsstadt Lübeck exakt dasselbe Urteil: Mann habe, so Köhler, die «deutsche Kultur» auf «einzigartige Weise verkörpert».
Diese offizielle Wertschätzung könnte den Eindruck vermitteln, Mann sei zu einer Art Nationalschriftsteller geworden, der nicht nur die «durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers» (Max Frisch) erreicht hat, sondern auch das schlechte historische Gewissen der Bundesrepublik beruhigt. Denn er verdankt seinen hervorgehobenen Platz im kulturellen Gedächtnis der Deutschen wohl in erster Linie dem Umstand, dass er in der Nazizeit, dem negativen Fundament der BRD, entschieden auf der richtigen Seite stand. Daher ist die Behauptung: «Wo ich bin, ist die deutsche Kultur», auch keine Anmassung. Durch sie parierte der ins Exil getriebene Schriftsteller den Anspruch der Nationalsozialisten, Gralshüter allen Deutschtums zu sein. Nur ausserhalb der Reichsgrenzen konnte eine freie deutsche Kultur überleben. Der Vertriebene musste sie mit sich nehmen, sie ausfüllen und verkörpern.
Wer es sich nun aber bequem machen möchte und Mann als Alibi eines «anderen», besseren Deutschland benützt, täuscht sich. Die eigentliche Leistung des Romanciers besteht weniger im Triumph, vor dem Tribunal der Geschichte recht bekommen zu haben. Was ihn und sein Werk auszeichnet, ist vielmehr eine schonungslose Kritik des Eigenen und Liebsten – und das ist eben die deutsche Kultur. Was er darüber gesagt und geschrieben hat, führt in die Tiefen der deutschen Geschichte hinab und muss jeden kulturellen Sonntagsredner erbleichen lassen. Wenn Mann die Nazis kritisierte, war das keine Kritik von aussen. Obwohl er durch sein frühes Exil unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 im Wortsinn fein raus war, bezog er sich selbst, die intellektuelle Elite und die ganze deutsche Kulturtradition in die kritische Analyse des historischen Geschehens ein.
Das hat seine Gründe. Schon an der ersten Stelle in seinem Werk, wo er sich erstmals ausführlich über die Kultur Gedanken macht, kommt Mann zu pikanten Schlüssen. «Kultur ist offenbar nicht der Gegensatz von Barbarei», schreibt er 1909. Damit stellte der junge, damals 34-jährige Autor die Abgrenzung in Frage, die das Selbstverständnis jeder Kultur bestimmt. Wie kam er auf die prekäre Idee? Durch einen Blick in die Geschichte. Er stellte fest, dass die meisten Hochkulturen in der Geschichte der Menschheit keineswegs den zivilisatorischen Standards der Moderne entsprachen. Kultur könne «noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar» sein. Sie umfasse oft «den buntesten Greuel» – «Orakel», «Magie», «Päderastie», «Inquisition», «Hexenprozesse», «Blüte des Giftmordes» und «Menschenopfer» inbegriffen.
Ähnliches galt für den ästhetischen Kernbereich der Kultur, die Kunst. Zustimmend zitiert Mann Georges Bizet, den Komponisten der Oper «Carmen», «dass die abergläubischsten Gesellschaften die künstlerischsten waren». Die Kunst gehe «in dem Masse herunter, wie die Vernunft fortschreitet». Auch im Deutschen gab es Vorläufer dieser Position. Der Philosoph Friedrich Nietzsche urteilte, die Kultur könne «die Leidenschaften, Laster und Bosheiten durchaus nicht entbehren». Sie sei nur ein «dünnes Apfelhäutchen über dem Chaos». Die Kräfte, welche die Kultur antrieben, waren häufig irrational und amoralisch.
Kultur versus Zivilisation
Mit diesen Überlegungen ging eine weitere Unterscheidung einher. Durch ihren Hang zur Barbarei rückte die Kultur in einen Gegensatz zur «Zivilisation» – einem Begriff, den man meist mit Kultur gleichsetzt. Er stand für den Geist der Vernunft und der Aufklärung, der moralisch mässigend, aber auch kastrierend auf den kulturell-produktiven Urimpuls einzuwirken versuche.
Warum die Entgegensetzung von Kultur und Zivilisation folgenreich war, zeigt sich 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Gegensatz entwickelte sich, nationalistisch und politisch aufgeladen, zum wichtigsten Deutungsmuster in einem «Kulturkrieg» der europäischen Intellektuellen (so nannten ihn schon die Zeitgenossen). Die Dichter und Denker beider Seiten stilisierten den ersten motorisierten Massenkrieg der Geschichte zu einer geistigen Auseinandersetzung. Während die Vertreter der Entente vorgaben, die «Zivilisation» zu verteidigen, traten die Deutschen ihren ideologischen Gegenfeldzug unter dem Banner der «Kultur» an.
Der französische Philosoph Henri Bergson erklärte im August 1914 sofort, der Krieg gegen Deutschland sei «nichts weniger als ein Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei». Die Antwort der Gegenseite liess nicht lange auf sich warten, und keiner polemisierte exzessiver und wirkungsvoller als Thomas Mann. In mehreren Kriegsartikeln und den kolossalen, fast 600 Seiten umfassenden «Betrachtungen eines Unpolitischen» (1918) führte er aus, was die (deutsche) Kultur von der (westlichen) Zivilisation trenne. Die Kultur war durch Tiefe, Innerlichkeit, Musikalität und eine heroische Moral bestimmt; die Zivilisation galt als oberflächlich und rhetorisch und wurde mit der parlamentarischen Demokratie, ja einer grundlegenden Politisierung der Gesellschaft überhaupt identifiziert. Darum ging es im Kern: das «deutsche Wesen» von der Politik rein zu halten und es vor einer Verflachung zu bewahren.
Der mannsche Bruderkrieg
Ihre letzte Verbissenheit, aber auch ihre menschliche Tragik erhielt diese Debatte durch einen Bruderkrieg: Als seinen Gegenspieler machte der «Unpolitische» den «Zivilisationsliteraten» namhaft, der Deutschland zur Demokratie zwangsbekehren und die Menschheit durch die «Verbesserung des sozialen Kontraktes» in ein Paradies auf Erden führen wolle. Hinter diesem «Zivilisationsliteraten» versteckte sich Heinrich Mann, Thomas’ älterer Bruder und Rivale auf dem Feld der Literatur. Der Kontakt der beiden brach auf Jahre ab, erst 1922 redeten sie wieder miteinander, als Heinrich schwerkrank im Bett lag und man um sein Leben fürchtete. Thomas schickte Blumen und ein Angebot zur Versöhnung.
Gleichzeitig bereitete sich eine überraschende Wende vor. Die deutsche Niederlage hatte zum Untergang des Kaiserreichs und zur Ausrufung der Weimarer Republik geführt. Nach anfänglichem Widerstand bekannte sich Mann im Oktober 1922 zur Demokratie, Freunde und Feinde gleichermassen verblüffend. In der Folge verteidigte er das neue Staatswesen, das von der Mehrzahl seiner Bürger im Stich gelassen wurde, gegen die antidemokratische Opposition.
Das republikanische Bekenntnis stellt Leser und Forscher bis heute vor Fragen: Welcher Thomas Mann ist der eigentliche, der politische oder der unpolitische? Hat er seine Meinung wirklich geändert? Und wenn ja, warum?
Aufschluss darüber gibt Manns Idee einer deutschen Kultur. Voraussetzung seines Engagements für die Republik und gegen die Nazis war, dass er die traditionelle Vorstellung überdachte, die Kultur spiele sich hoch über den Niederungen der Politik ab und werde verhunzt, wenn sie aus der Seelenbastion ihrer selbstgewählten Innerlichkeit ausbreche.
Mann kam zu einem selbstkritischen Befund. Er stellte nicht nur fest, dass die unpolitische Tradition die Akzeptanz der Weimarer Republik erschwerte. Nach Hitlers Machtübernahme ging er einen Schritt weiter. Der unpolitische deutsche Kulturbegriff, schrieb er, begünstige die totale Politik des Dritten Reichs. Weil die Deutschen der Politik überdrüssig waren, hatten die Nationalsozialisten leichtes Spiel. «Der Vorgang hat seine unerbittliche und tragische Konsequenz», schrieb Mann 1939: «Das politische Vakuum des Geistes in Deutschland, die hoffärtige Stellung des Kultur-Bürgers zur Demokratie, seine Geringschätzung der Freiheit, in der er nichts als eine Phrase westlicher Zivilisationsrhetorik sah, hat ihn zum Staats- und Machtsklaven, zur blossen Funktion der totalen Politik gemacht.» Die Bilanz war schonungslos: Das höchste Gut der Deutschen konnte das Unheil nicht nur nicht verhindern, sondern kippte in einer Art dialektischem Umschlag seinerseits ins Böse – aus Kultur wurde Barbarei.
Aufgrund dieser Erfahrung richtete Mann seine Idee einer deutschen Kultur neu aus. Ihr Gegenbegriff war nicht mehr die universelle Zivilisation, sondern die völkische Barbarei. In dem Mass, wie der Nationalsozialismus sein barbarisches Potenzial enthüllte, wuchs bei ihm die Überzeugung, dass die zivilisatorischen Grundwerte – Freiheit, Demokratie, Menschenrechte – unverzichtbar seien. Aus dem erbitterten Gegner der Zivilisation wurde ihr eloquentester Verteidiger.
Der intellektuelle Gegenspieler Hitlers
In seinem Exil am Zürichsee und in Amerika avancierte Mann zum wichtigsten intellektuellen Gegenspieler Adolf Hitlers. Während des Zweiten Weltkriegs versuchte er in monatlichen Rundfunkreden über BBC London, seine Landsleute über den kulturvernichtenden Irrsinn der Naziherrschaft aufzuklären. Platt im Sinn einer selbstgerechten «engagierten Literatur», für die sich das Gute vom Bösen immer schön trennen lässt, waren seine Argumente jedoch nie – selbst dann nicht, als der Kampf ums Überleben ideologisch klare Fronten notwendig machte.
Gerade weil er die prekäre Nähe von deutscher Kultur und Barbarei persönlich vorgedacht hatte, erkannte Mann den barbarischen Kern des Nationalsozialismus zu einer Zeit, als davon noch kaum jemand Notiz nahm. Bereits in einem im September/Oktober 1921 geschriebenen Artikel, «Zur jüdischen Frage», geisselte er den «Hakenkreuz-Unfug». Die «völkisch-germanische Welt», äusserte er am 31.??Januar 1925 «privatbrieflich», sei «immer nur 3 Schritte vom Barbarischen entfernt».
Nietzsche hatte, ein halbes Jahrhundert vor Hitler, die Frage gestellt, wo denn «die Barbaren des 20. Jahrhunderts» blieben. Nun wurde, wie Mann feststellte, klar, dass die moderne Barbarei nicht «durch primitive Völker von aussen» kam, sondern «willentlich als ‹Revolution›», als «eine eigene Veranstaltung der Völker». Die Barbaren, das wären dann nicht die andern – wir sind es selbst.
Diese Diagnose stellte der Schriftsteller nicht nur in Tagebuchnotizen, Reden und Essays, er gestaltete sie auch in seinen grossen Romanen. Erwarten darf man, dass sie im «Doktor Faustus» (1947) auftaucht. Der im Angesicht der deutschen Katastrophe verfasste «Epochenroman» zieht eine kritische Bilanz der apolitischen Kulturtradition der Deutschen. Der Ästhetizismus, die weltabgewandte Innerlichkeit der deutschen Kunst, wird darin als «Wegbereiter der Barbarei» bezeichnet. Die intellektuellen Protagonisten des Romans planen, der Komplexität der Moderne müde, eine «intentionelle Re-Barbarisierung», einen Salto mortale in barbarische Einfachheit.
Doch selbst in den Romanen «Lotte in Weimar» (1939) und «Joseph und seine Brüder» (1933–1943), die in der Goethe- beziehungsweise der biblischen Urzeit spielen und auf den ersten Blick eskapistisch scheinen mögen, hält der Autor der Gegenwart den Spiegel vor. Ein «bewusster Anachronismus» der Konstruktion erlaubte es «Lotte in Weimar», Goethe (die Ikone der deutschen Kultur) nicht nur als Gegenbild, sondern als prophetischen Warner vor dem Abmarsch des Deutschtums in die Barbarei zu porträtieren.
Wie sehr der Roman mit seinen Anachronismen den Nerv der Zeit traf, zeigt eine Anekdote aus der Nachkriegszeit. Sir Hartley Shawcross, britischer Chefankläger beim Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal, berief sich bei seiner Anklage auf das Goethe-Wort, wonach sich die Deutschen «jedem verzückten Schurken gläubig hingeben», so wie Adolf Hitler. Das Zitat führte zu einem diplomatischen Nachspiel. Denn es war nicht authentisch, es stammte aus Manns Roman – der Goethe-Imitator hatte es erfunden.
Ähnlich verhält es sich mit dem «Joseph-»Roman. Auch er ist ein ferner Spiegel, der die beunruhigende Erfahrung des 20. Jahrhunderts reflektiert, dass Hochkulturen in barbarische Verhaltensweisen zurückfallen können. Das 1800-Seiten-Werk entwirft eine Art Typologie der barbarischen Gefährdungen einer Zivilisation.
Die zivilisierte Ordnung, geht aus Manns Werk hervor, ist stets gefährdet. Was im Nationalsozialismus passierte, könnte auch andernorts geschehen. Warum es aber gerade in Deutschland geschah, hat Ursachen, die in der deutschen Kultur und Geschichte liegen: im «politischen Vakuum» des deutschen Geistes und seiner Lust an barbarischer Verketzerung der aufgeklärten Zivilisation.
Betrachten wir Thomas Mann unter diesem Blickwinkel als literarischen Chronisten der Weltkriegsepoche, wird ersichtlich, wie sehr er ein politischer Schriftsteller war, auch wenn er im Grunde seines Herzens unpolitisch gestimmt blieb. Das Werk und das Tun entscheiden in dieser Frage, nicht die Neigung. Kein zweiter deutscher Autor hat sich vermutlich so eingehend den Herausforderungen der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestellt wie er. Am 8.?Mai 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, sagte Mann im Radio mit Blick auf die Konzentrationslager: «Denn alles Deutsche, alles was deutsch spricht, deutsch schreibt, auf deutsch gelebt hat, ist von dieser entehrenden Blossstellung mitbetroffen.»
Das ist meilenweit von den entlastenden Ausreden entfernt, die in der Nachkriegszeit die Diskussion beherrschten. Selbst von ihrem Tiefpunkt kann man sagen: Wo die deutsche Kultur ist, da ist Thomas Mann immer schon gewesen.
Philipp Gut: Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur. S. Fischer. 460 S., Fr. 40.40.
Spezialangebot für Weltwoche-Abonnenten: Fr. 32.– (zzgl. Versandkosten).
Bestellungen über www.weltwoche.ch/platinclub
09.04.2008, Ausgabe 15/08
Literatur
Ein deutscher «Barbar»
Thomas Mann gilt als unpolitischer Autor. Aber niemand hielt der Weltkriegsepoche den Spiegel so vor wie der Nobelpreisträger.

Kommentare