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02.04.2008, Ausgabe 14/08

Mobilfunk

Harmlose Strahlungen

Wie gefährlich sind Mobilfunk-Strahlen? Die Medien warnen, die Öffentlichkeit ist besorgt. Die Wisssenschaft belegt seit Jahren, dass die Ängste unbegründet sind, aber die Paranoia lässt nicht nach. Warum eigentlich?

Von Alex Reichmuth

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Es gibt in der Schweiz wohl keine grössere Gemeinde, in der der Kampf um Mobilfunkantennen noch nicht tobt. Aufgebrachte Bürger reichen Rekurse und Beschwerden ein, gründen Interessengemeinschaften, starten Baustopp-Initiativen oder versuchen neue Sendeanlagen durch Planungszonen zu verhindern. Grund des Aufruhrs: die Angst vor gesundheitlichen Folgen, verursacht durch die Antennen – die Befürchtungen gehen von Kopfweh über Schweissausbrüche und Schlaflosigkeit bis hin zu Leukämie, Tumoren und genetischen Schäden. Die Reaktion ist verständlich, schüren doch Mobilfunkgegner im Verbund mit vielen Medien die Ängste der verunsicherten Bevölkerung nach Kräften und suggerieren, es sei längst ausreichend belegt, dass Mobilfunkstrahlung der Gesundheit schade.

Die Wissenschaft allerdings sagt etwas anderes: Bis heute konnten (bei Einhaltung der geltenden Grenzwerte) keinerlei Gesundheitsschäden durch Mobilfunkstrahlung nachgewiesen werden. Zu diesem Schluss kommt etwa eine Forschungsübersicht des Bundesamts für Umwelt, für die Hunderte von wissenschaftlichen Arbeiten berücksichtigt worden sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält dazu fest: «Weder Human- noch Tierstudien zur Untersuchung von Hirnstrommustern, kognitiver Kompetenz und Verhalten nach der Einwirkung von Hochfrequenz-Feldern, wie sie von Mobiltelefonen erzeugt werden, haben schädliche Wirkungen festgestellt.» Auch ein erhöhtes Krebsrisiko, verursacht durch Mobilfunkantennen, sei bis heute nicht nachgewiesen. Unzählige nationale und internationale Wissenschaftsgremien kommen zum gleichen Schluss: Es sind keine Schäden durch die Mobilfunkstrahlung feststellbar.

Ungeachtet dessen verbreiten radikale Mobilfunkgegner eifrig ausgewählte Studien, die alle möglichen gesundheitlichen Auswirkungen plausibel erscheinen lassen. Dabei werden auch Arbeiten ins Spiel gebracht, deren Qualität wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügt und die darum wenig Aussagekraft haben. Viele Medien nehmen die Schreckensmeldungen begierig auf und berichten in grossem Stil über Forschungsergebnisse, die über Gesundheitsgefahren spekulieren lassen. Dagegen wird über entwarnende Studien kaum berichtet.

In der Öffentlichkeit werden selbst Forschungsresultate, die klar gegen gesundheitliche Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung sprechen, oft gegenteilig ausgelegt. Ein besonders krasses Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung setzte den Titel «Handys können Krebs auslösen», nachdem eine grossangelegte nordische Studie 2007 keinen Zusammenhang zwischen Handys und Hirntumoren nachweisen konnte. Der Grund für die Schlagzeile: Bei einer Untergruppe (den Studienteilnehmern, die schon über zehn Jahre lang ein Handy nutzten) hatte sich ein Hinweis auf ein erhöhtes Risiko ergeben – ein Hinweis aber, der wegen kleiner Fallzahlen von den Studienautoren selber als sehr vage bezeichnet worden war. Die Redaktion gewichtete aber dieses Teilresultat höher als die Hauptaussage der Studie – nur weil dieses ihrer Erwartung der schädlichen Mobilfunkstrahlung entsprach.

Risiken für Kinder, Bäume und Bienen

Um die Ängste vor Handystrahlung und Mobilfunkantennen aufrechtzuerhalten, werden immer neue hypothetische Gesundheitsrisiken ins Feld geführt. Werden etwa Kopfweh und Konzentrationsstörungen als Folgen kurzzeitiger Strahlungsexposition widerlegt, wird auf mögliche Langzeitfolgen hingewiesen. Bekommen Erwachsene keine Tumoren durch das Handy am Ohr, wird ein potenzielles Risiko für Kinder ins Spiel gebracht. Neuerdings soll die Strahlung sogar am Bienensterben schuld sein, und selbst Waldschäden werden in Zusammenhang mit den Antennen gebracht. Es sei geradezu ein Skandal, dass all diese Risiken noch immer nicht abgeklärt worden seien, lassen Mobilfunkgegner verlauten und zeichnen das Bild der unverantwortlichen, nur auf Profit bedachten Mobilfunkindustrie. Weil die Wissenschaft methodisch immer nur konkrete Verdachtsmomente abklären, nie aber einen generellen «Unschädlichkeitsbeweis» einer Technologie erbringen kann, wird dieses Spiel der Vorwürfe endlos weitergeführt werden.

Die Mobilfunkstrahlung ist nur ein Beispiel, wie sehr Umwelt- und Gesundheitsrisiken in der breiten Öffentlichkeit oft völlig anders wahrgenommen werden, als sie von der Wissenschaft eingeschätzt worden sind. Die meisten Menschen sind etwa überzeugt, dass die Luftverschmutzung immer schlimmer wird – obwohl Messresultate zeigen, dass diese in den vergangenen zwanzig Jahren markant abgenommen hat. Viele Leute fürchten sich vor Schadstoffen und Rückständen in Nahrung und Trinkwasser – obwohl diese meist so gering sind, dass sie nur mit modernster Messanalytik überhaupt nachgewiesen werden können.

Auch die Angst vor gentechnisch veränderten Pflanzen ist weitverbreitet – obwohl die Forschung bis heute keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen nachweisen konnte. Ebenso hat die Angst vor Quecksilber dazu geführt, dass Zahnärzte heute kaum mehr Amalgam-Plomben anbringen – obwohl die Wissenschaft auch hier die entsprechenden Vergiftungsgefahren nie bestätigt hat.

Hintergrund für diese verzerrte Risikowahrnehmung ist ein verklärtes Naturbild: Für viele Menschen gilt alles «Natürliche» (oder was dafür gehalten wird) als sanft und harmlos, alles «Technische» und «Künstliche» dagegen als potenziell gefährlich. Ausgeprägt zeigt sich der Trend zum Natürlichen etwa am Erfolg der alternativen Medizin sowie aller möglichen spirituellen und esoterischen Heilslehren oder am Erfolg biologisch produzierter Lebensmittel. Der Mobilfunk aber, der als «naturferne» Technologie betrachtet wird, gerät automatisch unter den Generalverdacht der Schädlichkeit: Ein solcher Eingriff in die natürliche Umgebung muss doch sicher negative Folgen haben!

Nicht besser ergeht es der Gentechnik: Ökologische Kreise haben diese als naturfern deklariert und warnen nun unablässig vor verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Dass bei konventionellen Züchtungen Gene weit unkontrollierter durcheinandergemischt werden – und darum auch herkömmliche Pflanzen die gleichen potenziellen Risiken aufweisen –, interessiert dabei nicht. Auch bei den Lebensmittelrisiken stehen Rückstände künstlichen Ursprungs im Zentrum der Ängste. Viele Menschen achten peinlichst darauf, «künstliche» Konservierungsstoffe und Aromen in ihrer Nahrung zu vermeiden. Sie können sich gleichzeitig nicht vorstellen, dass die Natur in allem Ess- und Trinkbaren unzählige toxische Stoffe bereithält, die dem Menschen im Prinzip gefährlich werden können.

Aufgeheiztes Klima

Viele Umwelt- und Gesundheitsgefahren werden auch darum so dramatisch eingeschätzt, weil die Überzeugung, auf der Welt entwickle sich permanent alles zum Schlechteren, tiefverwurzelt ist. Diese «Weltuntergangsstimmung», die seit einigen Jahrzehnten vorherrscht, bezieht sich einerseits auf den Zustand der Umwelt und die natürlichen Lebensgrundlagen, wo eine immer schlimmere Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden, die unaufhörliche Verschwendung der Ressourcen, ein immer gravierenderes Artensterben und eine unaufhaltsame Zerstörung der natürlichen Lebensräume erwartet werden. Andererseits sind auch die Lebensbedingungen der Menschen sowie das menschliche Zusammenleben gemeint: Hier werden fortschreitende Entsolidarisierung, immer stärker ausgeprägter Egoismus, zunehmende Gewalt und zerfallende moralische Werte in Aussicht gestellt, weiter eine weltweite Zunahme von Hunger, Armut und tödlichen Seuchen. Überall werden nun die Anzeichen dieses Niedergangs aufgespürt. Was diesem Weltbild entspricht, wird als Bestätigung dieser pessimistischen Haltung zur Kenntnis genommen, alles andere umgedeutet oder übersehen.

Verschiedene Akteure nutzen das romantisierende Naturverständnis und den latenten Zukunftspessimismus in unserer Gesellschaft geschickt aus für ihre Ziele: Unsorgfältig arbeitende Wissenschaftler schlagen mit ungesicherten Erkenntnissen Alarm; Medien verarbeiten diese zu schaurigen Schlagzeilen; Umweltschutzkreise bezeichnen die Schuldigen an den angeblichen Missständen; Politiker fordern radikale, aber oft unverhältnismässige und unsinnige Massnahmen. Dazu wird die Moral ins Spiel gebracht: Wer es etwa wagt, die angeblich grossen Gefahren von Handys und Antennen zu bezweifeln, dem wird unterstellt, den Schutz von Menschen zu missachten. Wer gentechnisch veränderte Pflanzen befürwortet, gerät in den Verdacht, mit der Industrie verbandelt zu sein. Wer darauf hinweist, dass minimale Schadstoffrückstände in Lebensmitteln keine Gefahr darstellen, wird als Verharmloser gebrandmarkt. In diesem aufgeheizten Klima ist es verpönt, auf klare wissenschaftliche Belege für diese Gefahren zu pochen. Dafür sind Pseudowissenschaften, geheimnisvolle Deutungen und esoterische Verklärungen hoch im Kurs, mit denen die Gefahren scheinbar bestätigt werden.

Mit der Überbetonung von Risiken und dem inflationären Einfordern des Vorsorgeprinzips droht der Gesellschaft aber der wissenschaftliche und technologische Stillstand. Es geht vergessen, dass es in erster Linie die Errungenschaften der Wissenschaft und die Innovationen der Technik waren, die zu den heutigen (im Vergleich mit früheren Zeiten) geradezu paradiesischen Lebensverhältnissen in der westlichen Welt führten und die Lebenserwartung in nie für möglich gehaltene Höhen hinaufsteigen liessen: Die Erfolge der modernen Medizin, die Übernahme von körperlicher «Knochenarbeit» durch Maschinen, die erleichterte Produktion von Gütern durch technische Erfindungen – all das war nur möglich, weil in vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten die Chancen neuer Innovationen erkannt wurden und der Blick nicht nur auf mögliche negative Folgen und hypothetische Risiken gerichtet blieb. Hätten frühere Generationen das Vorsorgeprinzip derart drastisch durchgesetzt, wie dies ökologische Kreise heute fordern, wären wohl Errungenschaften wie Elektrizität, Röntgenuntersuchungen oder Bluttransfusionen nicht möglich gewesen.

Alex Reichmuth: Verdreht und hochgespielt. Wie Umwelt- und Gesundheitsgefahren instrumentalisiert werden. Erscheint, begleitet von einem Essay des Soziologen Kurt Imhof, am 5. April im NZZ-Libro-Verlag.

Audiofile zum Artikel

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 14/08
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