Kommentar

Das Chamäleon

Wird Barack Obama entzaubert? Seine jüngste Krise offenbart Schwächen. Grundsätzlich enttäuscht der Wohlfühl-Politiker mit Ideen aus der sozialistischen Mottenkiste.

Von Markus Somm

Wahrscheinlich ist Barack Obama einer der besten Redner, die Amerika je hervorgebracht hat – doch kann man ihm trauen? In Europa, auch in der Schweiz, haben sich die Menschen entschieden. Geradezu verliebt hat man sich in diesen halbschwarzen, intelligenten und gutaussehenden jungen Mann, der seinen Wählern das Blaue vom Himmel verspricht und der Welt eine fürsorgliche und verständnisvolle Supermacht. Alles, was Bushs Amerika für manche Europäer, besonders wenn sie links der Mitte stehen, abstossend macht, soll Obama wegzaubern. Fast 48 Prozent der Schweizer würden Obama wählen, ergab kürzlich eine Umfrage der welschen Zeitschrift L’Hebdo. Nun widerspiegeln die meisten Umfragen eher die Wünsche der Auftraggeber, dennoch ist das Ergebnis symptomatisch. Jung, multikulturell wie auf einem Benetton-Plakat, soft und links, pazifistisch und zutiefst skeptisch gegenüber dem eigenen Land: Es sind diese Eigenschaften, die sich die Europäer von einem amerikanischen Präsidenten wünschen. Eine Art europäischer Klon im Weissen Haus, ein Kandidat des Antiamerikanismus, wie ein Kommentator zu Recht bemerkte.

In den USA ist noch nicht klar, ob Obama als Kandidat der Demokratischen Partei nominiert wird. Nach menschlichem Ermessen kann Rivalin Hillary Clinton ihn nicht mehr abfangen, es sei denn, es unterlaufen ihm Fehler. Vergangene Woche schien dieser Punkt erreicht. Man sprach von der tiefsten Krise der Obama-Kampagne. Die Art und Weise, wie er sie bewältigte – brillant und unehrlich –, hinterlässt Zweifel. Dieser Mann ist ein Verführer.

«Gott verdamme Amerika!»

Ruhig, bestimmt und mit Sätzen, so klar und süss wie Zuckerwasser, erklärte er einer beunruhigten Nation in einer langen Rede, warum er eigentlich nichts mit seinem Pfarrer zu tun habe, den er seit zwanzig Jahren kennt, der seine Töchter getauft und ihn auch getraut hat. Rev. Jeremiah Wright, so dessen Name, war in die Schlagzeilen geraten, weil bekanntgeworden war, was er in seiner schwarzen Kirche predigte: Aids habe die amerikanische Regierung selbst entwickelt, um die Schwarzen auszurotten. 9/11 sei eine gerechte Strafe für amerikanische Untaten, und die Dritte Welt werde mutwillig in die Armut gedrückt, damit Amerika reich bleibe. Statt «God bless America» zu singen, forderte er seine Gemeinde auf, «God damn America!» zu brüllen. Die Videos seiner gehässigen Predigten verkaufte er in der Kirche, nun kann man sie hundertfach im Internet bestaunen.

Das weisse Amerika ist verstört. In ihrer Unterstützung für Obama, so schien es, konnten manche Weissen ihr schlechtes Gewissen über die Sklaverei erleichtern. Endlich ein wählbarer Schwarzer, der die Weissen nicht anrempelt, sondern alle Sünden der Vergangenheit und Gegenwart vergibt. Könnte es sein, dass der selbstdeklarierte Versöhner ein heimlicher Spalter ist?

Tatsächlich hat Obama schon lange gewusst, dass der Pfarrer eine Hypothek werden könnte. Seine jetzt bekundete Erschütterung wirkt unglaubwürdig. Von der Feier, die er seinerzeit veranstaltete, um seine Kandidatur anzukündigen, lud er Wright kurzfristig wieder aus. Der New York Times erzählte Wright schon vor fast einem Jahr, dass er Obama gewarnt habe. «Vielleicht wirst du gezwungen sein, dich öffentlich von mir zu distanzieren», liess sich der Pfarrer zitieren. «‹Ja›, sagte er mir, ‹das könnte passieren.›» Um die Unterstützung der Schwarzen nicht zu verlieren, wartete Obama, bis er nicht mehr anders konnte. Von Distanzierung kann bei näherem Hinhören ohnehin keine Rede sein. Selbstverständlich sei er nicht mit allem einverstanden, was Wright gesagt habe, aber er verstehe seinen Ärger. Dass Obama zwanzig Jahre so eng mit einem Pfarrer befreundet ist, der ernsthaft glaubt, Aids sei eine Erfindung der Weissen, lässt einen an der Intelligenz von Obama zweifeln. Oder deutet darauf hin, wo Obama politisch wirklich steht.

Hinter dem Blitzlicht der Worte verbergen sich klassisch linke Auffassungen: Skepsis gegen Freihandel, die Unternehmer als Ausbeuter, Hass auf Amerika. «Selbst links stehend, streckt er die Hand zur äusseren Linken aus», schreibt der führende konservative Ökonom Thomas Sowell: «Das soll uns alle zusammenbringen?» Im Senat ist Obama derjenige Volksvertreter, der am meisten ganz links stimmt. Während Bill Clinton als Demokrat sich in wichtigen Fragen nach rechts bewegt hat, um das Zentrum zu gewinnen, verlegt sich Obama allein auf die Rhetorik. Zwar redet er dauernd von «Wandel» – das ist geradezu die Losung des Wahlkampfs geworden –, doch in den Details bleibt er nebulös. Wohin soll die Reise gehen? Man weiss es nicht. In seinen Reden fühlt man sich vor allem gut. Seine politischen Vorschläge dagegen muss man in einem dicken Programm nachlesen, sie entsprechen den Vorstellungen des linken Flügels der Demokratischen Partei. Originell oder erprobt sind nicht seine Rezepte, virtuos ist bloss, wie er es vermeidet, näher darauf einzugehen. Wenn immer ein Politiker «Wandel» als Selbstzweck preist, die Nation heilen und die Welt grundsätzlich reparieren will, ist Vorsicht geboten. Gerade in Europa müsste man das wissen.

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben