Der quadratisch geschwollene Mantel steht auf zwei Pfosten, deren untere Enden in ausgelatschten Turnschuhen fussen. Der Mantel regt sich, und eine Stimme sagt: «Ich bin Bruno Cathomas.» Das Gesicht, aus dem der Satz entsteigt, ist schmal, eine helle Mondsichel über einem dunklen Körpermassiv. Das ist er, der Schauspieler, der das Märchen verkörpert vom Schweizer Bergler, der auszog, dem deutschen Theater das Fürchten zu lehren.
Keiner spielt so enthemmt wie Bruno Cathomas, keiner so berserkerhaft lärmend und im nächsten Moment so verzweifelt tonlos; keiner gewinnt seinem Körperfett einen solchen Sexappeal ab, keiner gibt seine Bauchschwarte so ungenierlich zur Beschauung frei – als Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne genauso wie als Gewohnheitsverbrecher Schmucker im Knastfilm «Chicken mexicaine», die Rolle, für die Cathomas als bester Darsteller den Schweizer Filmpreis 2008 erhielt. In seiner Dankesrede sagte er: «Das hier ist besser als jeder Orgasmus!» Er hatte frei improvisiert, und die Medien hatten ihre Schlagzeile.
Cathomas spielt um sein Leben
Psychologische und komödiantische Schrankenlosigkeit, das ist es, was den Mann aus dem Bündner Oberland in die Welt des Theaters brachte. Lustvoll und exzessiv und immer an der Grenze des Erträglichen, für das Publikum wie für ihn selber. Während der andere Schweizer Ausnahmeschauspieler, Bruno Ganz, seine Emotionen wie ein Geheimnis hütet und sie nur als Nachbeben an die Oberfläche seines Gesichts, selten seines ganzen Körpers, entlässt, ist Bruno Cathomas das pure Gegenteil davon. Er ist die Ganzkörper-Entäusserung in Person. Spielen als Droge. Spielen als Sex. Cathomas spielt gegen die Angst an, Cathomas spielt um sein Leben. Und das hat seinen Grund.
Der hat vier Buchstaben, und die heissen Laax. Obschon, die Verkürzung auf ein geografisches Primärmotiv ist ebenso falsch wie richtig. Das Richtige daran ist: Cathomas ist 1965 im Dorf Laax geboren worden, zwischen elterlichem Stall und Skikeller aufgewachsen und lernte dort, was ihm nicht gut bekam. Katholische Lustfeindlichkeit und Doppelmoral und einen gesellschaftlichen Kodex, der von einem Burschen seiner Postur erwartet, dass er wird, was er augenscheinlich ist, nämlich Schlosser. Cathomas wurde Schlosser. Doch hinter seinem schlosserhaften Äusseren verbarg sich stets eine abgrundtiefe Schüchternheit (nicht nur, aber auch genährt von seiner Korpulenz) und die Sehnsucht, dereinst wie Caruso entdeckt zu werden – als Volksschauspieler Zarli Carigiet oder Ruedi Walter, seine Theater-Referenzen.
Also sang der jugendliche Schlosser spätabends in Touristenkneipen italienische Arien und wartete. Auf seine Entdeckung, auf ein Leben, das das richtige sein würde, seines. Auf Anraten vom Leiter der Laaxer Laienspielgruppe, Mariano Tschuor, heute Chefredaktor des rätoromanischen Fernsehens, bewarb er sich an der Schauspielschule Zürich, bestand – bestand die Prüfungen gleichzeitig auch für die renommierteren Institute in München und Bochum –, begann sein Schauspielstudium und wusste im selben Moment, als er die Schule betrat: «Das ist mein Weg.» Dass man ihn bereits als Student mit Preisen und Stipendien ehrte, wunderte ihn nicht. Er wusste, dass er der Beste sein wollte. Und würde, irgendwann.
Bruno Cathomas in Laax, das ist Elias im Roman «Schlafes Bruder» von Robert Schneider, ein Bastard am falschen Platz, weil geboren mit einem Ausnahmetalent. Cathomas fand für seines ein gedeihliches Umfeld, und in diesem Sinn ist die Chiffre Laax auch ein Schlüssel zum Erfolg. Das Dorf liess ihn die Flucht nach vorne antreten. Denn in der Schauspielausbildung begann sein «Gang durch die Hölle», dämmerte ihm, dass nur spielen kann, wer sich selbst nicht belügt. «Ich hatte mir als Kind vorgemacht, ich sei blond, schlank und blauäugig.» Die Lehrer hiessen ihn, nackt vor den Spiegel zu stehen. Der Nackige, damals 25 Jahre alt, angesichts seiner selbst: «Ich hatte den Schock meines Lebens.»
Direkt und unerbittlich radikal
Seitdem arbeitet der heute 42-Jährige daran, ein wahrhafter Schauspieler zu werden. Und das heisst, sich nichts mehr vorzumachen. Nicht mehr seine Bisexualität, nicht seine Sucht nach der Angstlust und nicht seine Exzesse jeglicher Art. Die Ehrlichkeit mit sich selber macht ihn glaubwürdig, direkt und unerbittlich radikal. «Für mich ist es natürlicher, auf der Bühne nackt zu sein, als einen Mörder zu spielen. Warum muss ich mich rechtfertigen, wenn ich nackt bin, und nie, wenn ich einen Mord begehe?»
Mit dieser Offenheit ist Cathomas einer der talentiertesten Schüler von Frank Castorf und eine Kultfigur in Berlin. Das Publikum und junge Schauspieler verehren ihn, für seine notorische Arbeitssucht, seine Inszenierungen, seinen Schauspielunterricht und dafür, dass er abends an der Schaubühne seinen Körper bis zum Äussersten quält, nachts dann um die Häuser zieht und ein Leben feiert, das allen Heuchelrednern die Zunge zeigt. Oder den blanken Hintern. Denn jeder Hintern, der geliebt wird, ist ein schöner Hintern. Bruno Cathomas macht’s vor.
Macbeth von Shakespeare.
Regie: Sebastian Nübling, mit Bruno Cathomas,
Bibiana Beglau, Katharina Schmalenberg.
Premiere 29. März, Schauspielhaus Zürich.
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