Zu Tisch

Gourmetreservat

Da stehe ich nun vor dem «Pöstli» in Ebnat-Kappel und verfluche mich. In dem unscheinbaren Gebäude kann unmöglich jene von Schriftstellern, Werbern, Models und Musen gepriesene Wallfahrtsstätte untergebracht sein, in der mit Judith Sourvinos eine der besten Köchinnen des Landes wirkt.

Von Julian Schütt

Und doch ist es so. Von dem alten Gebäude sieht man kaum etwas, stattdessen drängt sich ein Anbau vor, pseudoschicke Moderne von vorgestern – da kann es sich allerdings nur um ein Gourmetstübli handeln. Früher müssen die Gourmets entweder ein merkwürdig geschmackloses Parvenüvölklein gewesen sein, das nichts Wohnlicheres verdiente, oder aber die ehrfürchtigen Gastgeber glaubten, nur steif eingerichtete Reservate seien für Feinschmecker exklusiv genug. Immerhin lässt sich bei Judith Sourvinos und ihrem Mann Aristo nicht nur im Gourmettrakt, sondern auch in der ursprünglichen Wirtsstube an Schiefertischen speisen.

Judith Sourvinos bietet keine Kuschelküche. Schon beim Amuse-Bouche weckt sie die Sinne mit starken Akzenten, indem sie auf Lammleberli ein Taubenbrüstli folgen lässt, beides ohne Schnickschnack zubereitet. Bei der Hummersuppe (Fr. 16.–) wird niemand behaupten können, dass die teuren Tierchen nur neben dem Topf gelegen haben, denn in der subtil gewürzten Suppe schwimmen etliche Fleischstücke. Herrlich zur Geltung kommt auch der Steinbutt, serviert mit feinen Sepianudeln und Spargeln (Fr. 39.–). Mein persönlicher Favorit des Tages sind Kalbsmilken (Fr. 26.–), zuerst pochiert, dann mit einem Mantel aus Sesam und sparsam verwendetem schwarzem Kümmel sautiert: ein ebenso einfacher wie raffinierter Gang, dazu genügen als Beilage ein paar Salatspitzen.

Seit 36 Jahren sorgen Judith und Aristo Sourvinos dafür, dass in Ebnat-Kappel kulinarisch die Post abgeht. Längst könnten sie in Aristos erster Heimat Korfu das Leben geniessen. Dort würde jetzt alles blühen, hier aber muss der Gastgeber während meines Besuchs die Fenster kontrollieren, derart garstig sind Wind und Regen. Solange es gesundheitlich geht, wollen die Sourvinos weitermachen, und solange man sich von ihnen so unnachahmlich verpflegen lassen kann, ziehe auch ich das verregnete Toggenburg dem frühlingsmilden Korfu vor.

Restaurant Post, beim Bahnhof, 9642 Ebnat-Kappel SG, Tel. 071 993 17 72. Sonntag und Montag geschlossen.

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