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19.03.2008, Ausgabe 12/08

Literatur

Deutschland, ein Museum

Die Szene feierte sich an der Leipziger Buchmesse. Was aber wird bleiben? Michael Kumpfmüllers grosser Deutschland-Roman.

Von Peer Teuwsen

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Die Leipziger Buchmesse bekommt nach Feierabend um 18 Uhr endgültig etwas von einem deutschen Familientreffen: Man trinkt schnell, spricht schnell und macht viel Krach. Interessantes überhört man. Es war zu vorgerückter Stunde im trauten Autorenkreise, an einem der vielen Tische in «Auerbachs Keller», als einer beiläufig bemerkte, er habe gelesen, in Deutschland würden pro Tag zwei Museen eröffnet. Man lachte und redete weiter. Niemand ahnte, welche weitreichende Wahrheit hier ausgesprochen worden war.

Nichts trifft den Zustand der deutschen Literatur besser als der eines Museums. Nichts darf weggeworfen werden, alles muss aufbewahrt und für alle Zeiten literarisch gehegt, gepflegt und wiedergekäut werden. Der Zweite Weltkrieg, die DDR, das Matchbox-Auto. Und alle machen mit. Die Autoren schreiben, das Feuilleton jubelt, die Autoren schreiben. Ein Teufelskreis.

Nein, sie bewegt sich nicht, die deutsche Literatur. Sprachlich ist das alles gekonnt und wunderbar, da gibt es nichts auszusetzen. Clemens Meyer, ein junger Leipziger, der für seine Erzählungen «Die Nacht, die Lichter» den Belletristik-Preis der örtlichen Buchmesse erhielt, schreibt in einer präzisen, unterkühlten, modernen Sprache über die Randständigen der Gesellschaft. Das fasziniert die deutschen Feuilletonisten, die vom wahren Leben nicht mehr so viel mitbekommen – und dann zeigt der Meyer zu aller Entzücken auch noch öffentlich so gerne seine Tattoos, feiert seine Siege standesgemäss mit viel Bier und hat in einem früheren Leben als Bauarbeiter auch mal was Richtiges mit den Händen gemacht. Jetzt will er aber unbedingt Schriftsteller sein.

«Und dass das alles ein gutes Ende nimmt, daran glaube ich, daran glaube ich so fest, dass es schon fast wehtut», sagt mal eine seiner Figuren. Dieser Glaube gilt auch für den Autor. Das ist gute Hartz-IV-Prosa, das sind gute Geschichten, bei denen man sich aber die ganze Zeit fragt, was an ihnen neu sein soll, wo sie hinwollen. Als einen «sanften Bukowski» feiern sie ihn schon. Kann ja sein, ist aber auch irgendwie rückständig.

Die Ostberliner Autorin Jenny Erpenbeck erzählt in ihrem Roman «Heimsuchung» von einem Haus im Osten Deutschlands, das kraft der Geschichte mehrere Handwechsel und also viele unterschiedliche Bewohner erfährt. Auch das eine gute Idee, in einer schwebenden Sprache durchgeführt, die Frau ist um ihren Stil zu beneiden, das hat etwas Magisches. Aber, sorry, sie beschwört schliesslich und endlich die Geister der Vergangenheit, nutzt die Kraft der Melancholie, über dem Buch schwebt unausgesprochen die Frage: Irgendwie schade, dass die DDR untergegangen ist, oder?

Der Schriftsteller Bernhard Schlink («Der Vorleser») wiederum macht den vergangenen Zeiten den Prozess. In seinem ärgerlichen Roman «Das Wochenende» lässt er ehemalige Mitstreiter auf einen begnadigten RAF-Terroristen treffen. Eine an sich hervorragende Ausgangslage, von der man eine vertiefte Auseinandersetzung erwartete zwischen der Ideologie von früher und dem Heute. Schlink aber verliert sich nach der Hälfte des Buches in Allerweltsthemen, Impotenz, Verrat und Vater-Sohn-Problematik. Der Ex-Terrorist wird zum Häuflein Elend, und mit uns hat das auch nicht mehr viel zu tun. Der Text verläuft sich ins Ungefähre, Lächerliche.

Welcher Schriftsteller riskiert noch was?

Und dann Dirk Kurbjuweit, Spiegel-Journalist und Schriftsteller, der vor Jahren mit «Zweier ohne» ein hervorragendes Debüt gegeben hat. Jetzt legt er mit «Nicht die ganze Wahrheit» einen Roman über die Möglichkeit der Liebe in einem Politikerleben vor. Ein rasant geschriebenes Stück, das aber beim Leser im Laufe der Lektüre den Eindruck vermittelt, es sei mit Mann und Frau in der Politik eigentlich auch nicht so wahnsinnig anders als überall. Auch das ist routiniert, ja gekonnt erzählt, aber, verdammt, was bleibt da ausser ein bisschen Schmerz angesichts von zu viel Lüge des selbstverliebten Politikers, der am Schluss der Böse ist? Hatten wir das nicht schon mal?

Wer riskiert eigentlich noch etwas in der deutschen Literatur? Wer versteckt sich nicht hinter Melancholie, Klischees und Geschichte, die immer schrecklich ist und von der man meint, sie eigne sich deshalb schon für Literatur? Wer wagt sich ins Zentrum der Zeit, dorthin, wo’s weh tut, weil es uns so nahe ist? Wer setzt sich noch aus?

Einer tut’s. Der Berliner Michael Kumpfmüller zielt mit seinem Roman «Nachricht an alle» auf das grosse Ganze – und er trifft, was nur schon die Unmenge an gehässigen oder spöttischen Besprechungen in den grossen deutschen Blättern zeigt. So viel Ablehnung war selten. Was macht die Kritiker so wütend?

Kumpfmüller erzählt die Geschichte eines (deutschen) Innenministers, Selden heisst er, der den Flugzeugtod seiner Tochter und eine sich anbahnende Krise im Land meistern muss. Er ist verheiratet, verliebt sich aber gleichzeitig in eine Journalistin, die schmeichelhaft über ihn schreibt. Das ist die Ausgangslage, der Autor nennt es eine «Arbeitsplatzbeschreibung». Aber das wäre zu wenig. Kumpfmüller geht’s um alles, um diese Hassliebe der Menschen zum Staat, die in Deutschland aus historischen Gründen so ausgeprägt ist wie wohl nirgendwo sonst. Hier ist der Sozialstaat eine Art Volksversicherung, aber im umgekehrten Sinne: eine Versicherung des Establishments vor dem Volk. An die sollte man besser nicht rühren. Und deshalb reden in diesem Roman alle mit, auch die Basis, die die da oben verachtet, aber alles Glück dieser Welt von ihnen will. Deswegen hat man sie ja auch gewählt.

Kumpfmüller hat zur Veranschaulichung dieser Hassliebe das Stilmittel der Chöre gewählt, wo sich das gemeine Volk in einem schier unerträglichen Wortbrei Gehör verschafft. Dieser wabernde Unmut, diese Widersprüchlichkeit,
dieses Dumpfe!

Kumpfmüller zeigt in einer tonlosen Sprache, ganz unaufgeregt, immer auf Halbdistanz, wie es uns geht: Gut, und doch enttäuscht sind wir. In diesem Buch gibt es keine Helden, keinen Brandt, keinen Schmidt, dieser Selden ist nur noch einer, der vollzieht, sich in Details verliert und nicht mehr weiss, was passiert. Und die andern, für die er stellvertretend das Beste machen sollte, empfinden nur noch eine stumpfe Leere, die sich an den eigentlich hervorragenden Verhältnissen abreagiert. Ein Text wie im gesellschaftlichen Nebel, auf Milchglas geschrieben, der ein Gefühl transportiert, das man kennt als Vierzigjähriger, dem vieles an Strukturen geschenkt wurde in diesen formlosen Zeiten, der aber für wenig mehr kämpfen musste als für sich selbst. Ein Text, der sich mit niemand identifiziert, niemand umarmt, keinen eindeutigen Standpunkt einnimmt. Das ist es wohl, was die deutschen Kritiker, die die Emphase lieben, dem Roman übelnehmen.

Thierse: «Ich gelte als Weichei.»

Es war bemerkenswert, wie der SPD-Politiker Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, auf den Roman Kumpfmüllers reagierte, als er ihn auf der Leipziger Messe vorstellte. Er sprach von einem «grossartigen Roman», weil er den «Phantomschmerz» einer Gesellschaft formuliere, die weiss, dass da mal etwas Verbindendes war, aber ahnt, dass dies für immer vorbei ist. Er illustrierte seine Empfindung mit einer Textstelle aus dem Buch: «Der Kern war ein Mangel, dachte er, eine Leerstelle, die man verbarg, indem man sie füllte.»

Der Roman hatte Thierse offenbar so getroffen, dass er Klartext redete über das Verhältnis von Medien, Bürgern und Politik. Er sagte: «Die Journalisten sind Teil der politischen Klasse – und das ist nicht nur zum Vorteil der Demokratie.» Er sagte: «Ich weiss doch, dass ich als Weichei gelte, als einer, der kein Verhältnis zur Macht hat.» Und er sagte: «Manchmal bin ich ein Darsteller von Politik, also ein Darsteller meiner selbst. Dann sterben mir die Worte im Munde – aber wehe, ich lasse mir das anmerken.» Wenn ein Buch einen Politiker zu so viel Aufrichtigkeit bringen kann, dann kann es viel.

Michael Kumpfmüller: Nachricht an alle. Kiepenheuer & Witsch. 352 S., Fr. 35.90
Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter. Stories. S. Fischer. 272 S., Fr. 33.80
Jenny Erpenbeck: Heimsuchung. Eichborn. 190 S., Fr. 32.90
Bernhard Schlink: Das Wochenende. Diogenes. 240 S., Fr. 30.50
Dirk Kurbjuweit: Nicht die ganze Wahrheit. Nagel & Kimche. 219 S., Fr. 38.90

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 12/08
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