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12.03.2008, Ausgabe 11/08

Literatur

Die komplexe Null

Eine «komplette Null» möchte der Ich-Erzähler des wundersamen Romans «Doktor Pasavento» von Enrique Vila-Matas werden. Vergebliche Liebesmüh.

Von Christoph Kuhn

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Wer sich auf die kuriosen Bücher des spanisch schreibenden Katalanen Enrique Vila-Matas eingelassen hat, wird jedes neue Werk dieses Autors sofort lesen – könnte es doch das letzte sein. Ein Dutzend längerer Texte und zahlreiche Erzählungen hat der 59-jährige, in Barcelona lebende Autor geschrieben. Unheimlich viele Wörter für jemanden, der sich von Anfang an geradezu obsessiv mit dem Verweigern, Verstummen, Verschollensein beschäftigt, der das berühmte «Ich würde vorziehen, es nicht zu tun» des Melvillschen Antihelden Bartleby zu einem Wahlspruch gemacht hat, geeignet, jegliches (literarische) Werken und Wirken nachhaltig zu vergiften.

Aber natürlich hält sich unser zutiefst ironischer Autor nicht an das, was er nicht müde wird zu propagieren. Im Gegenteil: Das immergleiche Buch, an dem er schreibt, wird dicker und dicker, die Argumente für und gegen das Verschwinden und Verstummen werden raffinierter und abgründiger.

Nachdem er uns im letzten Roman, «Paris hat kein Ende», die Leiden eines armen Schriftstellerlehrlings in Paris geschildert hat, der Hemingway verehrt und bei Marguerite Duras zur Untermiete wohnt, beschert er uns im neuen Buch eine zwischen verschiedenen Realitäten und Fiktionen schwankende Figur. Sie heisst Pasavento, widmet sich angeblich der Psychiatrie, ist literatursüchtig und steht dem Autor meistens, aber nicht immer ziemlich nahe. Das Spiel, welches Vila-Matas mit der Identität einerseits, mit der Abstufung verschiedener Erzählhaltungen anderseits treibt, ist derart subtil und labyrinthisch geworden, dass man ständig Gefahr läuft, den Faden zu verlieren.

Besessen von der Idee zu verschwinden

Wir begegnen dem Ich-Erzähler, der in dieser Szene mit dem Autor beinahe identisch sein dürfte, auf der ersten Seite des Buchs vor Montaignes Schloss in der Gegend von Bordeaux und werden gleich mit der Kardinalfrage konfrontiert: «Woher kommt es, dass du so besessen bist von der Idee zu verschwinden?»

Die Antwort, die der Erzähler seinem Befrager (den er vorübergehend für Gott hält) gibt, rechtfertigt die folgenden 450 Seiten, die dann aufgewendet werden, um das Problem zu bereden und nicht zu lösen; sie steht gleichzeitig für das sehr dünne Eis, auf dem sich der Autor bewegt, wenn er schreibt: «keine Ahnung, woher das kommt, aber ich vermute, diese fixe Idee zu verschwinden, all die ersehnten, wie soll ich sagen, Selbstmorde sind nur Versuche, mich meiner selbst zu vergewissern.»

Der inbrünstige Wunsch, eine «komplette Null» zu werden, verwandelt den Autor in einen listenreichen Strategen, der hunderterlei Kniffe ersinnt, um sich zu entkommen, wobei für ihn gerade in dieser Identitätsspaltung und -zerstörung das Heil liegt: eine Niemand-Existenz als höchste Form des Seins.

Die verschlungenen Wege, die Vila-Matas/Pasavento Richtung Nullpunkt einschlagen und die sie nicht ohne eine gehörige Dosis Verschmitztheit und Koketterie beschreiten, führen nach Neapel, Paris, Herisau, Sevilla, aber sie führen vor allem über Literatur und ihre Verfertiger. Dieser Autor dopt sich in seinen Büchern mit Literatur, der wahren Realität, ungleich wichtiger als die armselige Wirklichkeit, in der er und wir zu vegetieren gezwungen sind. Im «Doktor Pasavento» heisst der über alle Massen Verehrte Robert Walser. Ihm und dem Psychiatrischen Zentrum Herisau sind ein paar zentrale, etwas gar andächtige Seiten des Romans gewidmet.

Eine Reise mit Robert Walser

Amüsiert verfolgt man den rastlosen Doktor Pasavento, der auch Telefonanrufe für einen Doktor Pynchon oder Pinchon annimmt und sich manchmal mit einem Alter Ego namens Ingravallo streitet, schaut zu, wie er sich bemüht, Fährten zu verwischen und zu verschwinden, nicht ohne sich eines Gefühls von Ressentiment gegenüber all jenen, denen seine Abwesenheit gar nicht auffällt, erwehren zu können.

Eine Reise, die der Erzähler unternimmt, ruft ihm gleich eine andere in Erinnerung; ein Spaziergang evoziert ältere Spaziergänge – und schon ist man wieder beim Grossmeister der modernen Spaziergängerei, bei Robert Walser. Den Exkurs, die Abschweifung, erhebt Vila-Matas in der Nachfolge von Montaigne, Sterne, Diderot und ein paar anderen zum Programm, um das Ende hinauszuzögern, die Zeit zu erweitern – auch um ein Schreiben ohne Ziel und Motiv möglich zu machen. Das ergibt einen schwebenden, zwischen Melancholie und Skurrilität wechselnden Stil, der den Leser, gerade weil er Distanz und Absichtslosigkeit markiert, bei der Stange hält.

Enrique Vila-Matas: Doktor Pasavento.
Aus dem Spanischen von Petra Strien.
Nagel & Kimche. 457 S., Fr. 44.50

Audiofile zum Artikel

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 11/08
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