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20.02.2008, Ausgabe 08/08

Kantons-Serie (4)

Schwyz - Permanente Revolte

Die Schwyzer haben dem Land den Namen gegeben, die Eidgenossenschaft entwickelt und den Steuerwettbewerb
lanciert.

Von Urs Paul Engeler

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Wie gigantische Stufenleitern zum Reichtum steigen die neuen Terrassenbauten an den Hängen von Wollerau und Freienbach empor. Kimi Räikkönen wohnt in einem der Häuser; in andern logieren seine Sportlerkollegen von der Formel 1, Felipe Massa, Motorengenie Mario Illien oder Peter Sauber. Eishockeytrainer Ralph Krueger geniesst die Aussicht auf den Zürichsee wie Tennisspielerin Patty Schnyder, soweit sie anwesend ist. Roger Federer hat hier eine Zweitresidenz zugemietet. Martina Hingis lebt weiter unten am See. Financier Martin Ebner pflegt seine «Visionen» und Beteiligungen im Freienbacher Dorfteil Wilen. Die Industriellen Dieter Bührle und Stephan Schmidheiny, Denner-Chef Philippe Gaydoul, SBB-VR-Präsident Thierry Lalive d’Epinay oder der Unternehmer Hans («Hausi») Leutenegger hausen ebenfalls, dicht an dicht und reich bei reich, im Millionärenrevier. Krane sind im Einsatz, um den Raum zwischen den Villen zum Bau weiterer Immobilien zu nutzen. Vor einiger Zeit ist Marcel Ospel, Präsident der UBS, nach Wollerau gezogen, wo es ihm ausserordentlich gut gefalle, wie er sich zitieren liess: «Die Gegend ist hübsch. Es tummeln sich dort Schafe mit Glöckchen und Kühe mit weniger leisen Glocken. Auch habe ich kürzlich einen schönen kleinen See entdeckt.» Dem örtlichen Fasnachtsverein hat er 200 Franken gespendet.

Prozession der Hochfinanz

Das ehemalige Untertanengebiet Höfe, vom aggressiven Volk der Schwyzer nach dem Alten Zürichkrieg als «Vogtei» erobert, boomt wie kaum eine andere Gegend des Landes. Das Dorf Freienbach ist in den letzten dreissig Jahren zur Stadt mit 15 360 Einwohnern und zur grössten Gemeinde des Kantons gewachsen. Wollerau und Feusisberg, die beiden andern Kommunen des Bezirks, haben die Zahl ihrer Einwohner in dieser Zeit ebenfalls verdoppelt. Der Grund der Prozession der Hochfinanz in den Ausserschwyzer Bezirk ist eine vielfache Idylle: das schöne Panorama, das malerische Hinterland – und, vor allem, das paradiesisch milde Steuerklima. Sowie die kurzen Wege nach Zürich: Die Züge fahren im dichten Takt, 20 000 Autos drängen sich Tag für Tag durch die Dörfer; noch mehr brausen über die nahe A3. Auch ein Casino und ein modernes Kulturzentrum hat es am Fusse des Etzel.

Im Kirchgemeindehaus St. Meinrad in Pfäffikon referiert Querdenker Werner Röllin, weitgereister Volkskundler, früher Schulleiter in Barcelona und in Winterthur, über die «Lebensqualität in unseren Dörfern». Der Vortrag figuriert nicht auf dem Veranstaltungskalender; trotzdem haben sich gegen hundert engagierte Menschen eingefunden, Eingesessene, keine Zuzüger. Der spitzzüngige Rückkehrer aus Wollerau stellt den heutigen, «irreversiblen» Realitäten die jüngste Vergangenheit gegenüber: weitgehend intakte, fast geschlossene Dorfgemeinschaften mit festen und gelebten (katholischen) Ritualen, eine vielfältige Volkskultur, Freiräume in der Natur, prägende Vereine. Er beschreibt die «Verzürcherisierung» der Gegend und die «innere Überfremdung», die Anonymisierung, den Verlust an Gemeinschaft und gesellschaftlicher Sicherheit: Es sei zum Beispiel völlig unklar geworden, wer wen grüsse oder zu grüssen habe.

Innert weniger Jahre wurden die Gemeinden ins 21. Jahrhundert katapultiert. Eine Zuhörerin fragt, wie lange es gehe, bis der schöne alte Höfner Dialekt verschwunden sei. Röllin: «Wir reden bereits heute Zürcher Dialekt. Diese Entwicklung hat längst auch die March am oberen Zürichsee erfasst.» Jemand will wissen, ob die Lebensqualität sich verbessert oder verschlechtert habe. Röllin, zu seiner Zeit als unabhängiger Kantonsrat «Zwischenrufer aus der hinteren Reihe» genannt: «Ist der Boom Fluch oder Segen? Wohl beides; ich kann nicht urteilen. Niemand will den Wohlstand, die Infrastrukturen, die besseren Angebote und Chancen missen.» Doch den Behörden fehle das Bewusstsein für den (zu) raschen Wandel. Ein Votant fordert, die Politik dürfe sich nicht länger darauf kaprizieren, immer neue Reiche anzulocken; die Gemeinden müssten die dörfliche Kultur neu beleben, in die Vereine investieren. Der SP-Politiker und Lehrer Otto Kümin hakt ein: «Das kostet Geld! Sehen Sie, mit diesen ewigen Steuersenkungen ist es nicht getan!»

Der ewige Steuersenker und Schöpfer dieses neuen Kantons Schwyz, der frühere Finanzdirektor Franz Marty (CVP), sitzt in Arth am Fuss der Rigi im alten oder inneren Kantonsteil in einer schönen Pizzeria, Blick auf den ruhigen Zugersee. Hier gibt es noch keine Terrassenbauten, kaum Wohnblocks, ländliche Streusiedlungen dominieren. Mit leiser Untertreibung, also nicht unstolz, erzählt er die Erfolgsstory, die in den achtziger Jahren ihren Anfang genommen hat: «Wir waren Pioniere. Wir haben uns gefragt, wie wir dem etwas abgekoppelten Kanton neue Chancen eröffnen könnten. Ohne vorerst die grosse Öffentlichkeit zu suchen, haben wir konsequent die Rahmenbedingungen für Firmen und für Privatpersonen optimiert und – bereits mit einer englischsprachigen Broschüre – Standortwerbung betrieben.» Erste Unternehmen und Vermögen kamen ins Land – Mettler-Waagen, Kühne & Nagel Management AG samt Firmenchef Michael Kühne, Charles Vögele oder der Technologiekonzern Unaxis –, und in einer Art Kettenreaktion blühte der Handel mit Grundstücken, die Bauwirtschaft, das Finanz-, Anwalts- und Treuhandgeschäft, der Konsum, etwa im Seedamm-Center Pfäffikon: Das Geld generierte Arbeit, und die Arbeit generiert neues Geld.

Wachsender Verwaltungsapparat

«Die enorm rasche wirtschaftliche Entwicklung» (Marty) basiert nicht auf Subventionen und Bittfahrten nach Bern, sondern ist weitsichtig getätigten Investitionen in tiefe Steuern zu verdanken. Es waren Vorleistungen aus leeren Kassen. Der Aufschwung, betont Marty, sei nicht auf fiskalflüchtigem Flugsand gebaut. Im Bezirk Höfe habe sich ein Cluster von Finanzdienstleistern und Fondsverwaltern mit rund 2500 Arbeitsplätzen, eine Dependance von Zürich, herausgebildet. Auch die Liechtensteiner Bank (LGT) habe mit rund 100 Beschäftigten die Vorteile des Standorts erkannt. Wer zur Rushhour in Pfäffikon aus dem Zug steigt, dem kommen Krawattierte mit Köfferchen entgegen: Die Gemeinde zählt zufrieden mehr Zu- als Wegpendler.

Der Wandel vom bäurisch geprägten Armenhaus der Schweiz zu einem der reichen Kantone ist keine Legende. Noch Ende der siebziger Jahre war Schwyz, gemessen am Volkseinkommen pro Kopf, erst auf dem 20. Rang aller Stände zu finden. Im Jahr 2000 taucht der Kanton bereits auf Platz sieben auf. Ein geschickter neuer innerkantonaler Finanzausgleich verteilt den Geldsegen und glättet die Unterschiede. Früher entrichteten die Höfe als Untertanen ihren Tribut ans Alte Land Schwyz; heute liefern sie die Pflichtgebühren auf rechtlicher Basis. Noch in den siebziger Jahren traten in den Dörfern am Zürichsee Komitees an die Öffentlichkeit, die eine Abspaltung von Schwyz und den Anschluss an Zürich forderten. Diese Stimmen sind endgültig verstummt. Auch als Nettozahler leben sie im alten Kanton wesentlich günstiger. Parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung, der sogar das periphere Muotathal erfasst hat, sei das Selbstbewusstsein gestiegen, und zwar allerorten, konstatiert Marty.

Der genauere Blick auf die jüngsten Zahlen und Entwicklungen irritiert allerdings. Andere Kantone wie Obwalden oder Uri sind daran, das Tiefsteuerland mit attraktiveren Modellen (Flat-Rate-Tax) und aggressivem Marketing zu überholen. Sie verzeichnen mehr Neuansiedlungen als Schwyz. Das Volkseinkommen – eine statistisch zwar unscharfe Grösse – stagniert und war eine Zeitlang sogar rückläufig; die Schwyzer sind auf Platz elf abgerutscht. Die Staatsrechnung verzeichnet strukturelle Defizite. Die Ansprüche an Infrastruktur und Bildung sind gestiegen; die Zuzüger wollen nicht in einem spartanischen Staat leben. Der vormals minimal gehaltene Verwaltungsapparat wuchs in die Breite und in die Höhe. Per 2008 erhielten die Beamten eine unschwyzerische Lohnaufbesserung von satten 4,3 Prozent. Martys Nachfolger Georg Hess (CVP), ein zugewanderter Reformierter, wie gerne erklärt wird, scheut offensichtlich den harten Steuerkampf mit den Nachbarn. Die letzte Senkungsrunde musste die bürgerliche Mehrheit im Kantonsrat gegen seinen Willen erzwingen. Bremser Hess erzählt lieber von «Regeln», die den Wettbewerb unter den Kantonen zügeln sollten, und empfahl als Präsident einer Arbeitsgruppe sogar den Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union (EU).

Die (allerdings minoritäre) Linke fordert den «Paradigmenwechsel». Das sogenannte Steuerparadies beruhe allein auf dem Prinzip eines kümmerlich ausgestatteten Staates, moniert der langjährige SP-Kantonsrat Otto Kümin: keine Investitionen in den Verkehr, in die Infrastruktur oder in die Kultur, Verzicht auf eine Raumplanung, die diesen Namen verdiene. Lange Zeit sei diese Rechnung aufgegangen, «doch jetzt holt die Realität die Politik brutal ein». Viele bürgerliche Behördenvertreter sehen das ähnlich.

Fast scheint es, dass aus dem eigenwilligen Sololäufer allmählich ein ganz gewöhnlicher Kanton wird. Was allerdings bereits ein Widerspruch im Lande selbst ist: Die Opposition murrt und wird aktiv, etwa mit der rebellischen Regierungsrats- Kandidatur des Wirts vom «Höllloch » in Muotathal, Bruno Suter, oder mit dem permanenten Druck der SVP, die bei den Nationalratswahlen zur 45-Prozent-Partei, zur stärksten Kraft im Kanton, aufgestiegen ist. Sobald Regierung und Beamtenschaft sich leicht abheben und den Stand von oben führen wollen, regt sich der älteste Schwyzer Reflex: der Widerstand gegen alles Staatliche und gegen jede Zentralgewalt. 1798 hatte die Landsgemeinde in den «Fundamentalgesetzen» festgeschrieben, dass sie allein und niemand sonst «die grösste Gewalt und Landesfürst seyn solle». Das gilt, zumindest politisch, bis heute. Die Schwyzer, Mitbegründer der alten Eidgenossenschaft, sind dem neuen Bundesstaat formell gar nie beigetreten: 1848 lehnten sie die Verfassung mit 3454 Nein gegen nur 1168 Ja ab; die Totalrevisionen von 1872 und 1874 wurden noch massiver verworfen; und auch zur neugefassten Bundesverfassung von 1999 sagten sie deutlich nein: mit 66,1 Prozent!

Koch Bruno Suter, der vor vier Jahren nur ganz knapp nicht gewählt wurde, setzt die lange Tradition der permanenten Revolte aus dem einfachen Volk gegen den «Machtklüngel», gegen die «regimentsfähigen Familien» fort. Das Programm des Kandidaten ist urschwyzerisch einfach: gegen «Staatsaufblähung», «eine Alternative zu den meist intellektuellen Politikern», gegen «Parteienfilz und Machtklüngel». Auch die SVP setzt darauf, dass der argwöhnische Schlag der Schwyzer lieber nein sagt als ja. Parteipräsident Pirmin Schwander verfolgt zwei Strategien: die konsequente Verlagerung der Kompetenzen nach unten («Wir haben ein halbes Dutzend Referenden und Initiativen gewonnen; das Volk will das Sagen haben, auch bei scheinbar kleinen Dingen») und die Reduktion des angeschwollenen Staates («Zwischen 1996 und 2006 sind die Ausgaben um 70 Prozent angewachsen, der Staatsapparat gar um 88 Prozent»). Der Staat soll keinen Franken mehr erhalten, als er unbedingt braucht. Jeder Luxus wird an der Urne versenkt.

Misstrauen als Staatsmaxime

Regierungsrat Lorenz Bösch (CVP) weist die lauter werdende Kritik an der Finanzpolitik und am Staatsgebaren zurück. Schwyz befände sich weiterhin auf einem guten Wachstumspfad, auch wenn andere da etwas aufgeholt hätten. Immerhin habe sich in der Staatskasse eine stattliche Reserve von 500 Millionen angesammelt, die als Puffermasse «auf der hohen Kante » liege. Der Staat operiere zurückhaltend und weise die tiefsten Verwaltungskosten pro Kopf der Bevölkerung aus: genau 1173.90 Franken. Basel brauche fast 10 000 Franken. Gleich verhalte es sich mit dem Sachaufwand. Eigentlich, meint Bösch, führe der Kanton eine Finanz- und Fiskalpolitik, die exakt den SVP-Postulaten entspreche: «Der Aufstieg dieser Partei hat lanweniger mit Schwyz zu tun als mit den grossen nationalen Themen, die von Massenmedien gepflegt werden: Ausländer, Asyl, Europa.»

Auch wenn dies buchhalterisch stimmen mag; politisch wird, vor allem in den inneren Bezirken, anders gerechnet. Das Misstrauen gegen jede Behörde und Macht ist die Staatsmaxime des Urkantons. Auch CVP- und FDP-Politiker mahnen, «Vorsicht» sei am Platz, damit der Kanton sich nicht in die falsche Richtung bewege und die Trümpfe, die er noch in der Hand halte, leichtfertig verspiele.

Treibende Kraft der Eidgenossenschaft

Dass das Bundesbriefarchiv im patrizisch angehauchten Flecken Schwyz steht, ist kein Zufall. Das Schimpfwort «Schwyzer», mit dem ihre feudalen Gegner auf der Habsburg und deren Verbündete sie beschimpften, hat dem Land den Namen verschafft. Anders als Uri und Unterwalden haben die Schwyzer sich auch als grobe, ja rücksichtslose Eroberer erwiesen. Sie haben nicht nur ihr ursprünglich enges Gebiet, die Talschaft zwischen Brunnen und Arth, mit Waffengewalt zu einem Territorium ansehnlicher Grösse und Schönheit erweitert, zuerst über die Mythen hinaus nach Einsiedeln, dann bis an den Zürichsee und bis nach Glarus, schliesslich bis vor die Tore Luzerns. Sogar Zug haben sie, immer auf der Suche nach Weideland und Absatzmärkten für ihr Vieh, als Protektorat einverleiben wollen. Sie waren, vermögend geworden durch das Söldnerwesen, bis zum Sonderbundskrieg 1847 stets eine der treibenden Kräfte der alten Eidgenossenschaft, ein Unruheherd, weit herum gefürchtet, mitverantwortlich für die italienischen Feldzüge bis zur Niederlage bei Marignano, Widerstandsnest gegen die Franzosen bis zum nutzlosen Sieg bei Rothenthurm (1798).

Im modernen Bundesstaat war für derartige Eskapaden kein Platz mehr. In der Finanzpolitik jedoch spielt der Kanton seine alte Rolle neu. Bis zur Schwyzer Offensive galt eine Tiefsteuerpolitik lange als eine Zuger Spezialität, die grössere Kantone nicht kopieren konnten. Die zähen Kämpfer aus der Urschweiz haben die andern Stände unter einen Dauerdruck gesetzt und einen Wettlauf eingeleitet, dem kein Gemeinwesen sich zu entziehen vermochte.

Voraussichtlich im Jahr 2010 wird die durchgehende A4 durchs Knonauer Amt eröffnet. Dann wird auch das Alte Land Schwyz via Zug direkt an Zürich angeschlossen sein. In einer guten halben Stunde wird man bequem in die Wirtschaftsmetropole rollen können. Und umgekehrt ins Steuerparadies. «Die Sogwirkung wird nochmals gewaltig sein», sagt SP-Mann Kümin illusionslos, «zumindest raumplanerisch muss die Ansiedlung besser gemeistert werden als bei uns am Zürichsee. Wir haben noch ein paar wenige Monate Zeit.»

Download PDF: Der Kanton in Zahlen

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Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 08/08
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