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13.02.2008, Ausgabe 07/08

Sammelband

Das Weltliche unter Generalverdacht

Eine Anthologie feiert die klassische arabische Literatur, nennt aber auch den Grund ihres Untergangs: den islamischen Dogmatismus.

Von Thomas Widmer

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Sie nannten ihn «al-Dschahiz», Glotzauge. Amr ibn Bahr, um 776 nach Christus in Basra geboren, war der Enkel eines Afrikaners. Und er war und ist einer der ganz Grossen in der an Grossen reichen klassischen arabischen Literatur. Gewitztheit der Formulierung, Eleganz des Stils, eine verblüffende Kenntnis alles Geschriebenen kennzeichnen ihn, kaum ein Thema zwischen dem Hochgeistigen und dem Frivolen interessierte ihn nicht. Einmal Analytiker, dann wieder Provokateur, strich er die Vorzüge der – damals verhassten – Türken heraus, erörterte die Schwierigkeiten des Übersetzens, diskutierte aber auch die Vor- und Nachteile der Homophilie: «Wenn Kuthayyir, Dschamil, Urwa und ihresgleichen einen Sklaven aus unseren Tagen erblickten, der für eine gewaltige Summe Geldes gekauft wurde wegen seines grazilen, schmucken Wuchses, der Reinheit seiner Haut, der Ebenmässigkeit seiner Statur und der Anziehung seines Äusseren, würden sie ihre geliebten Frauen Buthaina, Azza und Afra von einer Bergspitze hinunterstossen und sie in den Hundezwinger schicken.»

Auch ein Lob des Buches schrieb der Prosaist aus dem Gebiet des heutigen Irak: «Es ist leicht zu befördern, klein an Umfang, schweigsam, solange du es schweigen, und beredt, sobald du es reden lässt. Wen sonst hast du als Abendgesellschafter, der dich nicht bei einer Tätigkeit stört, nicht ruft, während du beschäftigt bist, nicht nötigt, ihm schönzutun, noch dich von ihm rügen zu lassen?»

Stilecht dann das Ende des Belesenen: Er soll mit fast 100 Jahren durch einen einstürzenden Bücherstapel getötet worden sein.

In arabischen Landen ist al-Dschahiz unvergessen. Unbekannt ist er hingegen bei uns – was von der Ankunft des Islams um 610 nach Christus bis zur Neuzeit mehr oder minder für die ganze arabische Literatur gilt, die es nie geschafft hat, sich dem Westen ins Bewusstsein zu drängen. Werden wir nach arabischen Klassikern gefragt, fallen uns in der Regel bloss zwei Bücher ein: der Koran sowie «Tausendundeine Nacht».

Diesem Manko abhelfen will jetzt eine Textsammlung von Johann Christoph Bürgel, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bern bis zu seiner Pensionierung, ein begnadeter Übersetzer nach wie vor. Sein «Tausendundeine Welt» bereitet Lesevergnügen durch den Aufbau: Gegen fünfzig Autoren werden in Auszügen vorgestellt, und die assortierte Kost wird umsichtig kommentiert. Die Vielfalt des Präsentierten spricht im Übrigen für die arabische Kultur, die in den letzten Jahren von fremden Betrachtern oft als durch und durch stagnativ, religionsfixiert, sinnenfeindlich, antiaufklärerisch dargestellt wurde.

Bürgels Sammelband lässt die Dichter und Denker vergangener Jahrhunderte paradieren. Al-Ma’arri, der Blinde aus Syrien: ein arabischer Dante, in dessen «Epistel von der Vergebung» der Held eine metaphysische Reise unternimmt, um im Paradies vorislamische Dichter anzutreffen, die eigentlich in der Hölle sitzen müssten und kurios-dubiose Gründe dafür anführen, dass sie es nicht tun. Ibn Arabi, in Andalusien geboren, in Damaskus gestorben: ein bis heute von allen Freigeistern verehrter Weisheitslehrer, der den ungeheuerlichen Ratschlag abgab: «Sei ein Stoff für die Formen aller Glaubensinhalte, denn Gott ist weiter und gewaltiger, als dass ihn ein einziger Glaube in sich beschliessen könnte.» Ibn Challikan: ein Meister des Biografischen, der ein Lexikon mit achthundert Lebensbeschreibungen verfasste. Die «Lauteren Brüder von Basra»: ein Zirkel humanistisch gesinnter Persönlichkeiten, die Glauben und Intellekt, Vernunft und Offenbarung versöhnen wollten. Abu l-Faradsch al-Isfahani: ein heiterer Enzyklopädist. Sein «Buch der Lieder», das quer durch die Epochen und Länder Gedichte und ihre Verfasser, aber auch Sänger und Musiker vorstellt, umfasst sage und schreibe 24 Bände.

Islamischer Drang nach Kontrolle

«Allein dieses Werk lohnt es, Arabisch zu lernen», schreibt Bürgel. Der Berner Gelehrte ist beileibe kein naiver Schwärmer. Den Hintergrund seiner Anthologie bildet der monumentale Kampf zwischen Toleranz und Fanatismus, Despotie und liberalem Geist, islamischer Gottzentriertheit und grassierender Weltlichkeit. Bürgel hat diesen dualen Deutungsraster 1991 in dem vielbeachteten Theoriewerk «Allmacht und Mächtigkeit» entwickelt, in dem er schrieb: «Die Geschichte der islamischen Kultur präsentiert sich daher als eine Entwicklung ständig fortschreitender Islamisierung, im Widerspiel mit paganen Mächten und Tendenzen.»

Den islamischen Drang, alle Lebensbereiche unter Kontrolle zu bringen, führt Bürgel nun en passant an der klassischen arabischen Literatur vor. Deren Zentralgewalt ist der Koran, der übrigens durchaus auch ein poetisches Werk ist, etwa in der von den vorislamischen Magiern kopierten Reimprosa. Um den Koran sammelt sich mit der Zeit ein Heer verbündeter Bücher: historische Werke, Grammatiken, Stilkunden, Wortsammlungen, die alle das Verständnis von Gottes Wort befördern wollen; dazu kommen theologische und dogmatische, juristische und ethische Abhandlungen – insgesamt ist das ein mal eher sachliches, mal militantes Korpus, das dem Rechtglauben zudienen will.

Doch die arabische Gesellschaft erlebt in ihren ersten Jahrhunderten eine gewaltige Expansion auch der Bedürfnisse, sie will unterhalten werden und etwas lernen, beides tut die religiöse Literatur nur beschränkt. Dafür aber andere Schriften: Reisende publizieren ihre Erlebnisse, wobei die einen von Seeungeheuern flunkern, die andern nüchtern fremde Länder und Menschen schildern. Medizintheoretiker erörtern die menschliche Anatomie. Philosophen denken die aristotelische Logik fort; es erscheinen Traktate über das Schachspiel, Betrachtungen über das richtige Benehmen des Hofsekretärs, Porträts grosser Persönlichkeiten, Anekdotensammlungen; es kommen sogar handfeste Liebeslehren auf den Markt wie der «Duftgarten». Noch viel dreister als Nafzawi, der Autor dieses arabischen Kamasutra, ist der Dichter Abu Nuwas, dessen erotische Lyrik religiöse Begriffe stiehlt: «Durchbohre mit deiner Lanze jener den Bauch und diesem den Rücken! Das ist der Heilige Krieg!»

Die meiste Zeit schafft es das Gros der Autoren, den Anforderungen der Geistlichkeit zu genügen, indem sie ihre Texte mit frommen Formeln spicken, islamisch motivierte Rahmenhandlungen konstruieren und das Heikle in eine Parabel kleiden – taktische Huldigung gewissermassen. Freilich wirkt der Sakralisierungsdruck auf die Dauer erstickend. Spezialist Bürgel beschreibt im Vorwort seiner Anthologie die Abfolge zweier Zeitalter. Zuerst: «erstaunliche Weltoffenheit der grossen, ganz im Hiesigen verhafteten, rational gesinnten Prosaisten des 9. bis 11. Jahrhunderts». Dann: «die sich verengende, mehr und mehr dogmatisch geprägte Perspektive der späteren Jahrhunderte».

Ressentiment gegen die Dichtung

Wer nun aber einwendet, Druck auf die Literatur habe es doch auch im christlichen Mittelalter gegeben, dem kann man mindestens drei Unterschiede entgegenhalten. Erstens: Die arabische Sprache ist, weil in ihr Gottes Wort an die Menschen ergeht, von Anfang an religiös aufgeladen, und das ungeheuer stark. Im Christentum gibt es drei Bibelsprachen, Hebräisch, Lateinisch, Griechisch, also eine dezentrale Machtsituation. Zweitens: Die arabische Dichtung steht von Anfang an unter einem erdrückenden Ressentiment. Denn zum einen zählten zu Mohammeds grössten Feinden wortmächtige Dichter; einige liess er um ihres antiislamischen Spottes willen töten. Zum anderen musste sich Mohammed von den Mekkanern anhören, er sei ja selber nur ein Dichter, beziehe seine Inspiration wie diese von den Geistern und nicht von Gott. Drittens: Einen wesentlichen Beitrag zur arabischen Literatur leisteten Übersetzungen aus dem Griechischen und anderen Sprachen; damit war aber auch ein guter Teil des nichtreligiösen arabischen Schriftgutes Fremdimport, den man als unislamisch diffamieren konnte.

Al-Dschahiz und seinesgleichen: Irgendwann standen sie unter Generalverdacht. Die klassische arabische Literatur endete schliesslich in Repetition, Schematismus, anbiederndem Fürstenlob, Harmlosigkeit. Die grossen Werke haben die Finsternis aber überdauert, mit all ihren erstaunlichen Sätzen wie dem des Ibn Arabi: «Ich folge der Religion der Liebe; wohin auch immer sich ihre Kamele wenden, da ist meine Religion und mein Glaube.»

Johann Christoph Bürgel (Herausgeber, Übersetzer): Tausendundeine Welt. Klassische arabische Literatur. Beck. 524 S., Fr. 52.20

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 07/08
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