Siebziger Jahre

Nackte Zwillinge

Sie eroberten in den siebziger Jahren mit ihren Körpern die Welt. Bob Dylan und Rainer Langhans waren ihre Idole. Die Zwillinge Gisela Getty und Jutta Winkelmann berichten aus einer verwirrten Zeit.

Von Peer Teuwsen

Da sitzen sie nun, auf einem Sofa einer Münchner Penthouse-Wohnung, in trauter Zweisamkeit, die Zwillinge, die alle und alles gehabt haben. Zwei Kinder eines Humanisten und NS-Offiziers, die Anfang der siebziger Jahre ihre Heimatstadt Kassel verliessen mit den Worten: «Raus die kleine Brust und rein in die Welt.» Beflügelt von der Aufbruchstimmung der späten sechziger Jahre und mit einem grossen Selbstbewusstsein ausgestattet, dachten sie, es sei ihnen als Unschuldswesen, gepanzert mit entwaffnender Naivität, alles möglich: Männer, Drogen, Freiheit. Sie bezeichnen sich wechselnd als «Dschungelwesen», «Königskinder», «Erleuchtete», ihr Motto lautet: «Nix ist fix.» Und es klappt wunderbar, sie sind schön, androgyn, das hilft, eine Sensation im Doppelpack. Die Zwillinge arbeiten sich hoch.

Sie surfen durch eine Welt, die sich in Fraktionen aufgeteilt hat, sie selbst aber sind unpolitisch. Wenn’s bei den Kommunisten, Sozialisten, RAFlern etc. zu eng wird, reisen sie weiter. Sie stehen mit Flugblättern vor deutschen Fabriken und rufen die Arbeiter zum Kampf gegen die Mächtigen auf, einem Kampf, den die Arbeiter nicht wollen. Also geben auch die Zwillinge auf. Sie drehen Filme, zum Beispiel «Heinrich Viel», in dem man einen Arbeiter -eine Stunde lang am Fliessband Motorteile montieren sieht. Der Film gewinnt in diesen verwirrten Zeiten den Grossen Preis des Filmfestivals in Oberhausen. Die Zwillinge ziehen weiter. Alles ein Spiel, alles Selbstinszenierung, das Leben als Kunstwerk, das Kunstwerk als Leben. Sie selbst formulieren ihr Erfolgsgeheimnis so: «Männer wollen nicht treu sein. Und wir haben sie nie dazu gezwungen, deshalb haben uns auch alle geliebt.» Kassel, Berlin, Rom, München, San Francisco, Los Angeles hiessen die Orte ihres Freiseins.

Und so sitzt an diesem Februarnachmittag, während die Sonne vom Münchner Himmel verschwindet, zweimal silbernes Haar vor einem, und wie aus einem Mund erzählen die Zwillinge ihr Leben, ein Leben wie im Film, bei dem man sich fragt, wie man einen solchen Höllen- und Himmelsritt in die vermeintliche Freiheit physiognomisch schadlos überstehen konnte. Sie nahmen psychedelische Drogen, um «nichts mehr ernst nehmen zu müssen, -einen Zugang zu sich selbst zu finden» – und jeden Mann, der sie interessierte, den nahmen sie sich sowieso: «Unser Ideal war die Frau, die Spass an ihrer Physis hat und sich dabei nicht auf einen Mann bezieht.» Sie heirateten – und liessen sich auch wieder gemeinsam scheiden: «Mit Adolf und Gerhard gehen wir in ein Restaurant in Kassel, um das Doppelereignis zu feiern.» Schliesslich heiratete Gisela nochmals, einen Enkel von Jean Paul Getty, dem texanischen Öl-Magnaten. Paul Getty ist damals ein mittelloser Junge, der ihr mit Aussehen und Herkunft Eindruck macht. Leider kommt er mit der Freiheit nicht zurecht, versinkt im Heroin und in anderen harten Drogen, wird entführt, eine sechsmonatige Tortur, man schneidet ihm ein Ohr ab – schliesslich macht ihn das Gift blind und querschnittgelähmt. Gisela ist heute nicht mehr mit ihm verheiratet, aber die Zwillinge sind immer noch mit dem mittlerweile steinreichen Mann befreundet und besuchen ihn regelmässig in seinem Domizil, irgendwo in Europa. «Toll, wie er das macht mit seinem Schicksal», sagen sie.

Leben, um darüber schreiben zu können

Ein Leben im Rausch, das sie jetzt aufgeschrieben haben, wie sie es sich schon von Anfang an vorgenommen haben: «Wir wollten so leben, dass wir einmal ein Buch darüber schreiben können.» Das Buch heisst «Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geld und Geist zu küssen» und erscheint Ende des Monats. Die beiden werden durch die grossen deutschen Illustrierten und die Talkshows gereicht werden, lebende Beweise für den Arbeitnehmer, dass es auch anders ginge. Ginge es wirklich? In den späten Fünfzigern sind sie jetzt, Gisela Getty und Jutta Winkelmann, sie haben je zwei Kinder, von drei Männern. Und sie bereuen nichts, nicht die Drogen, nicht die Männer, denen sie die Herzen gebrochen haben, nicht die Kinder, die wie Nomaden aufwuchsen, denen Sean Penn als Babysitter gut genug war – ausser etwas: «Wir hätten verantwortungsbewusster sein müssen gegenüber uns und anderen. Auch wir haben Gewalt ausgeübt. Wir waren nie Opfer, immer Täterinnen.»

Aber sie wollten es anders, damals, als sie, aneinandergekettet durch Geburt, die Macht des eigenen Körpers ausspielend, ins Ungewisse zogen, «die Geheimnisse der Welt zu suchen und den Tiger zu reiten». Sie wollten den Menschen finden, der nur sich selbst verpflichtet ist. Sie finden Dennis Hopper, der mit -«Easy Rider» gerade weltberühmt geworden ist, aber dem Heroin verfallen ist. Seine gewalttätigen Ausbrüche beeindrucken die beiden: «Er war ein Revolutionär, ein wirklich wilder Mann.» Diese Mischung aus Angst und Nähe, die sie von manchen Männern erfahren, wird sie ein Leben lang faszinieren.

Schliesslich finden sie den Übermann, den sie in ihren Träumen seit Jahren imaginieren, dessen Musik ihnen Lebensmelodie war, im fernen Amerika. Bob Dylan, bei einer Party sogleich von den deutschen Zwillingen angezogen, verwickelt Jutta in eine Diskussion: «Ihr seid natürlich Nazis.» – «Tochter Hitlers», antwortet Jutta. «Ja, und was noch?», fragt Dylan. «Kapitalismus und Familie führen zum Faschismus.» Dylan: «Ich weiss nicht, ob das Problem damit ausreichend beschrieben ist?.?.?.» So geht es weiter, Dylan führt die Nazi-Tochter in die Hölle der elterlichen Vergangenheit, sie zittert. Dann nimmt er ihre Hand und sagt: «No fear. You get through that. With me. I’ve seen something deeper.» Er fragt, ob er sie zeichnen darf. Zu mehr kommt es nicht. Aber die Zwillinge sagen heute: «Dylan ist nur selbstreferenziell, on his own, immer. Das hebt ihn über alle, die wir je kennengelernt haben, hinaus. Bob Dylan ist der moderne Mensch schlechthin.» Für sie aber unerreichbar. Das macht ihnen Eindruck.

«Männer sind die besseren Mütter»

Schliesslich finden sie in Berlin einen anderen Mann, der ihnen das Wasser reichen kann. Rainer Langhans, Gründungsmitglied der Kommune 1, verweigert ihnen seinen Körper – ein unerhörter Vorgang für die Zwillinge. Er treibt einen Keil zwischen die beiden, sagt ihnen, sie müssten zu sich finden, das Körperliche zugunsten des Geistigen aufgeben. Langhans hat die beiden nie mehr losgelassen. Er wird der Ersatzvater ihrer Kinder («Männer sind die besseren Mütter»). Noch heute sind sie Teil seines sechsköpfigen Münchner Gelegenheitsharems – und stolz auf dieses Arrangement: «Für das bürgerliche Leben sind wir verloren.»

Fragt man sie nach dem Fazit ihres Lebens, reden sie vom «gigantischen Unterschied zwischen Männern und Frauen». Männer könnten den Sex von der Liebe trennen, für Frauen sei Sex aber existenziell. «Beim Mann kommt das Werk immer zuerst. Es war für uns schockierend, wie wenig die Frau in der Geisteswelt des Mannes vorkommt.»

Dass man immer noch über ihre Zeit redet, erklären sich die Zwillinge mit den Werten von damals: «Toleranz, Frieden, Liebe.» Wir lebten heute in einer Zeit, sagen die beiden, wo man wieder nach diesen Werten suche, weil man gesehen habe, dass Besitz nicht alles sei. «Wir haben als Arbeitshypothese immer an das Gute im Menschen geglaubt. So etwas wirkt ansteckend.»

Gisela Getty, Jutta Winkelmann, Jamal Tuschick: Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geld und Geist zu küssen. Weissbooks. 400 S., Fr. 39.90. Erscheint Ende Februar

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