Innerhalb des Sonderfalls Schweiz ist der Kanton Neuenburg vielleicht der sonderbarste. Die «offizielle Website des Hauses Hohenzollern» stellt die Kantonshauptstadt als «preussischen Ort» vor – unter dem Titel «Preussen in der Schweiz». Die Website flunkert nicht. Noch bis 1857, beinahe zehn Jahre nach der Gründung des schweizerischen Bundesstaats, waren die Könige von Preussen zugleich Fürsten von Neuenburg, und der demokratische Kanton, der sich stolz «Republik» nennt, Teil einer Monarchie.
Das kam so: Neuenburg blieb – im Gegensatz zu andern Orten der alten Eidgenossenschaft, die sich vom Joch fremder Dynastien lösten – seit dem Mittelalter unter der Herrschaft europäischer Fürstenhäuser. Zwei Jahrhunderte lang wurde es von den Herzögen von Orléans-Longueville regiert. Als das französische Geschlecht 1707 ausstarb, meldeten sich 15 Prätendenten mit teils weit hergeholten Erbansprüchen. Die Neuenburger liessen sie zu sich kommen; man verhandelte, feilschte, intrigierte. Der Preussenkönig Friedrich I. machte das Rennen, weil er erstens calvinistisch, zweitens weit weg und drittens grosszügig war (er versprach seinen neuen Untertanen 600 000 Taler). Berlin entsandte einen Gouverneur ins Neuenburger Schloss, der sich aber nur wenig in die inneren Angelegenheiten einmischte.
Die Revolution kam aus den Bergen
Viel über den Kanton sagt das Ende der preussischen Herrschaft aus. 1848 rebellierte das Volk gegen den Monarchen – nicht die Hauptstädter und Seeanstösser, sondern die unabhängig und republikanisch gesinnten Bergbewohner aus La Chaux-de-Fonds und Le Locle. 1400 bewaffnete Bergler zogen über den Vue-des-Alpes-Pass, nahmen unterwegs im Val-de-Ruz das Schloss Valangin und noch am Abend desselben Tages dasjenige von Neuenburg ein. Doch erst ein Jahrzehnt später, nachdem es fast zu einem Krieg zwischen der Schweiz und Preussen gekommen war, verzichtete König Friedrich Wilhelm IV. auf seine Rechte. Den Titel eines «Fürsten von Neuenburg und Herrn von Valangin» durften die Hohenzollern behalten.
Verstehen kann man den Kanton Neuenburg wohl nur, wenn man seine Bestandteile, die Regionen, betrachtet. Er ist eine Art Miniaturschweiz, die auf engstem Raum verschiedene Landschaften, Menschen und Mentalitäten vereint. Die Einheimischen sprechen von «le haut» und «le bas», vom Oben und Unten, den Bergen und der Weinbaugegend am See. Dazwischen liegen die Täler: das Val-de-Ruz und das Val-de-Travers, von denen vor allem Letzteres ebenfalls einen eigenen Charakter wahrt.
Bleibende Gegensätze
Die historischen Gegensätze prägen den Kanton bis heute. Über der Hauptstadt mit ihren Palästen aus gelbem Jurakalkstein, in der die einheimischen Patrizier einen höfischen Stil pflegten, residiert die Kantonsregierung im alten Schloss. In den besseren Quartieren rühmt man sich, das geschliffenste Französisch der Schweiz zu sprechen. Man ist stolz auf die – von Preussen gegründete – Universität. Vor der Kathedrale hat man dem rigiden Reformator Guillaume Farel eine Statue errichtet, die, bärtig und böse wie Moses, eine Bibel in den Himmel reckt. Im bilderstürmenden Rausch der Reformation haben die Neuenburger nur etwas verschont: das Grabmal ihrer Grafen. Friedrich Dürrenmatt, der hoch über der Stadt wohnte (heute befindet sich dort ein von Mario Botta errichtetes, sehenswertes Museum mit Gemälden des Schriftstellers) und in einer jahrelangen Mesalliance mit seiner Wahlheimat lebte, liess seinem Spott freien Lauf: Die Figuren der Grafen, die aus einer ursprünglichen Liegeposition aufgerichtet wurden, hätten «eine penetrant schwule Haltung angenommen».
Fährt man am Schloss Valangin vorbei und durch den Vue-des-Alpes-Tunnel in die Berge, verändern sich Landschaft und Klima auf wenigen Kilometern. Der Dichter Charles Ferdinand Ramuz schrieb über den kargen Neuenburger Jura, das könnte «so weitergehen bis nach Tibet». Die äusseren Bedingungen sind schwierig: raue Winter, kaum Flüsse und Seen, Kalkstein, der das Wasser absorbiert, wenig Rohstoffe. Dennoch ist das Hochland um La Chaux-de-Fonds zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung geworden, zum unermüdlichen Herzen des Kantons. Hier liegt die Geburtsstätte der Schweizer Uhrenindustrie, die sich – ein kleines ökonomisches Weltwunder – seit dreihundert Jahren hier behaupten konnte.
Man lebte immer schon freier hier oben. «Den Hauptstädtern», sagt ein Bürger von La Chaux-de-Fonds, «sind wir egal.» Dass dies auch umgekehrt gilt, sagt er nicht, aber es ist offensichtlich. Die aufkommende Uhrenindustrie, die zuerst zu Hause auf den Bauernhöfen und in kleinen Ateliers ausgeübt wurde, konnte von der Unabhängigkeit profitieren: Kein Feudalherr und keine Zunftordnung schränkte sie ein.
La Chaux-de-Fonds und die benachbarte Zwillingsstadt Le Locle sind «von Uhrmachern für Uhrmacher gebaut», wie Jean-Daniel Jeanneret sagt. Der Denkmalpfleger betreut die Kandidatur der beiden Städte für das Weltkulturerbe der Unesco (entschieden werden dürfte im Jahr 2009). Die Architektur zeugt von der Uhrmacherei: Wo die Fenster in den Häusern nahe zusammenstehen, haben die Uhrmacher gearbeitet. Sie brauchten das Licht, ihre Werkbänke standen entlang der Fensterfront. Das Geschäft blüht. Die Auftragsbücher sind bis 2011 voll, der Weltmarkt für mechanische Luxusuhren erweitert sich um Märkte in China, Indien oder Russland. Man rechnet damit, dass weltweit jährlich rund eine Million potenzieller neuer Kunden entsteht.
Selbstverständlich ist diese Entwicklung nicht. In den 1970er Jahren begann die grosse Krise, die den Menschen im Jura noch immer in den Knochen sitzt. Im Jahrzehnt nach 1973 verlor Neuenburg 14 000 Arbeitsplätze, was fast einem Zehntel der Bevölkerung entsprach. Noch sind Spätfolgen zu spüren: Man hat es damals versäumt, weiter in die hochspezialisierte Ausbildung zu investieren. Heute fehlen einheimische Uhrmacher. Tausende von Grenzgängern aus Frankreich füllen die Lücke.
Luxusgeschäft und stolze Linke
Der anhaltende Boom der Branche hat dazu geführt, dass viele der hier entstandenen Firmen, die weggezogen waren, wieder zurückgekommen sind. Sie nutzen das seit Jahrhunderten bestehende Know-how. Ein weiterer Grund für die fulminante Renaissance ist der erlesene Traditionssinn der neuen Oberschichten in Russland und Asien. Sie wollen, dass ihre Uhren dort hergestellt werden, wo sie es sich vorstellen: am Ursprungsort im Jura. Manche Kunden lassen ihre Uhr von einem einzigen Meister fertigen, den sie gern besuchen und kennenlernen. Das Einsteigermodell kostet in diesem Fall 120 000 Franken.
Merkwürdig mit dem Luxus-Business kontrastiert die politische Ausrichtung der Uhrenstädte: La Chaux-de-Fonds und Le Locle haben seit dem Ersten Weltkrieg ununterbrochen eine linke Regierung. Man begegnet dort einem Phänomen, das sonst selten geworden ist: einer stolzen und selbstbewussten Linken. Der Anarchist Bakunin fand hier viele Anhänger. Karl Marx lobt La Chaux-de-Fonds in seinem Hauptwerk «Das Kapital» als «eine einzige Uhrenmanufaktur».
Marx hat recht. Nach einem Brand hat man Tabula rasa gemacht und das Zentrum nach einem Plan von 1834 neu aufgebaut. Das Stadtbild verweist auf das Ideal einer klassenlosen Gesellschaft. Es gibt keine getrennten Quartiere von Patrons und Arbeiter, in den gemeinsam bewohnten Mietshäusern verband man Arbeit und Wohnen. Die regelmässig angelegten Gärtchen in den rechteckig verlaufenden Strassen waren für jedermann zugänglich.
Die Gründe für den neuenburgischen Gebirgssozialismus hängen mit dem Uhrenmetier zusammen. «Niemand hatte Angst, Privilegien zu verlieren, weil er keine Privilegien hatte», sagt Denkmalpfleger Jeanneret. Wer das Geschick hatte, konnte als Uhrmacher schnell reich, aber auch schnell wieder arm werden. Das Verhältnis von Patron und Angestellten war von gegenseitigem Respekt geprägt, denn die hochspezialisierten Handwerker lassen sich nicht beliebig ersetzen. Bakunin nannte die Uhrmacher «gebildeter, freier und glücklicher» als die übrigen Arbeiter, sie waren so etwas wie «Arbeiteraristokraten» (Fritz René Allemann).
Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist überdurchschnittlich hoch, der Kanton gehört zu den rötesten der Schweiz. Die kommunistische Partei der Arbeit (PdA), die national nichts mehr zu sagen hat, ist im Parlament konstant vertreten. Mit den Grünen bildet sie eine Fraktionsgemeinschaft. Zu «90 Prozent», sagt Kommunistenführer Alain Bringolf, stimme die PdA mit der grünen Politik überein.
Das bürgerliche Gegengewicht wurde jahrzehntelang durch die Freisinnigen und die Liberalen gebildet. Die CVP ist im reformierten Kanton inexistent. Auch die SVP war es noch vor kurzem – bei den Wahlen von 2001 gab es sie noch nicht. Dann setzte die neugegründete Kantonssektion zu einem Sturm auf das traditionelle System an. 2003 erreichte die SVP bei den Nationalratswahlen auf Anhieb 22,5 Prozent, im letzten Herbst waren es 23,2 Prozent. Ins 115-köpfige Kantonsparlament zog die Volkspartei 2005 mit 17 Sitzen ein.
Wir fahren durch die verschneiten Jurahügel, durch das kälteste Schweizer Dorf, La Brévine, wo ein Möbelhaus «Alaska» heisst und die Dorfbeiz den sibirisch anmutenden Namen «Loup blanc» (Weisser Wolf) trägt, vorbei an Tannengruppen und einsamen Höfen. Man kann hier eine Viertelstunde unterwegs sein, ohne ein anderes Auto zu kreuzen. Dann geht es hinab ins Val-de-Travers, ins letzte Dorf, La Côte-aux-Fées, wo die Strasse endet. Hinter einem geschlossenen Grenzübergang liegt Frankreich. Hier, im Haus, wo seine Mutter Uhren herstellte, wohnt der 41-jährige Yvan Perrin, einer der designierten Vizepräsidenten der SVP, der den erfolgreichen Wahlkampf der Partei in der Romandie organisierte.
Die Mentalität im Val-de-Travers, sagt Perrin, sei eine andere als in der Region Neuenburg. Man sei es gewohnt, nur auf die eigenen Kräfte zu zählen, man erwarte «nicht so viel» von den Behörden. In seiner Jugendzeit habe es im Dorf nur zwei Möglichkeiten gegeben: Die Bauern wählten freisinnig, die Uhrmacher liberal. Heute ist die SVP für viele Wähler im Kanton zu einer Alternative geworden, weil die Freisinnigen nach links gerückt seien.
Die Verschuldung hat unter der freisinnig-liberalen Herrschaft im Staatsrat ständig zugenommen. Der Kanton hat die höchsten Einkommenssteuersätze der Schweiz. So kann sich die SVP leicht als echte bürgerliche Alternative profilieren. Ausserdem steigt die Zahl der Arbeiter, die sich von der etwas abgehobenen «Gauche caviar» nicht mehr vertreten fühlen.
«Europäische Berufung»
Das Neuenburger Selbstverständnis ist durch eine offensiv vertretene Internationalität geprägt. In einem von den Behörden verbreiteten Porträt des Kantons ist wiederholt von einer «Berufung als nach aussen offenes Land» die Rede, von der «Bestimmung als europäischem Ort der Begegnung». Der Ausländeranteil der Bevölkerung beträgt fast ein Viertel, ein Jahr nach ihrer Niederlassung bekommen Ausländer das Wahlrecht. Die einheimischen Adelsfamilien stellten häufig Diplomaten. Die vier letzten Neuenburger Bundesräte Max Petitpierre (FDP), Pierre Graber (SP), Pierre Aubert (SP) und René Felber (SP) waren allesamt Aussenminister.
Bei europapolitischen Vorlagen erreicht der Kanton regelmässig den höchsten Ja-Stimmen-Anteil. Bei der EWR-Abstimmung 1992 sprachen sich vier von fünf Neuenburgern für einen Beitritt aus. Bei der Initiative «Ja zu Europa» 2001 waren es immerhin noch 65 Prozent. Schengen/Dublin stimmten 71 Prozent der Neuenburger zu. Die Offenheit des Grenzkantons gründet in seiner Geschichte. Er hatte jahrhundertelang französische, dann deutsche Herrscher. Den Aufschwung der Uhrmacherei verdankte man nicht zuletzt Hugenotten-Flüchtlingen aus Frankreich und Juden.
Selbst SVP-Stratege Perrin anerkennt, dass die Uhrenindustrie ohne ausländische Arbeitskräfte nicht auskäme. Der vormalige Grenzwächter tauschte mit seinen französischen Kollegen jeweils eine Flasche des einheimischen Absinths gegen einen Enzianschnaps. Die «grüne Fee», deren Produktion hundert Jahre lang verboten war, wird seit 2005 wieder legal hergestellt. Aber auch in den Zeiten der Prohibition war der Nachschub gesichert. Als einmal der französische Staatspräsident François Mitterrand zu Besuch kam, gab es zum Dessert ein «Soufflé à l’absinth» – mit gerichtlichen Folgen: Man untersuchte, ob tatsächlich Absinth drin war und wer ihn geliefert hatte.
Trotz dem Boom der Uhrenindustrie und der Legalisierung des Absinths ist es nicht einfach, im Val-de-Travers zu leben. Die Bevölkerungszahl ist in den letzten Jahren auf tiefem Niveau stabil geblieben. Von neun Ärzten im Tal sind acht über 55 Jahre alt. «Man muss wirklich die Ruhe lieben, um hier zu leben», sagt Yvan Perrin. «Oder hier geboren sein.»
Wir verlassen das Tal und fahren am See entlang zurück nach Neuchâtel. Es fallen einem die neuen Unternehmen auf, die sich hier in den letzten Jahren angesiedelt haben. Manche von ihnen – vor allem aus dem High-Tech-Bereich – konnte der legendäre ehemalige Wirtschaftsförderer Karl Dobler, ein Appenzeller, anlocken. Dobler pries Neuenburg gern als «Silicon Valley der Schweiz» an.
Ökonomisch haben sich die Gegensätze zwischen «le haut» und «le bas» ausgeglichen, die Mentalität aber ist verschieden geblieben. Dennoch lässt sich ein gemeinsamer Beitrag der Neuenburger zur Identität der Schweiz ausmachen: Präzision und Weltläufigkeit finden sich hier in Reinkultur.
Beide Eigenschaften begegnen einem im Musée d’art et d’histoire in der Kantonshauptstadt auf anrührende Weise. Dort sind drei Androiden zu Hause, menschenähnliche Automaten aus dem 18. Jahrhundert, geschaffen von den Uhrmachern Pierre und Henri-Louis Jaquet-Droz. Mittels einer komplizierten Mechanik, die sich im Rücken der Automaten befindet, werden sie zum Leben erweckt. «Der Schriftsteller» schreibt Sätze wie «Je pense, donc je suis», «die Musikerin» spielt Orgel, «der Maler» zeichnet perfekt einen Hund oder das Porträt von Louis XVI und bläst zwischendurch die Bleistiftkrümel weg.
Die Automaten waren eine Sensation, ganze Pilgerscharen strömten her, um sie zu sehen. Später gingen sie auf Reisen, besuchten Königshöfe von Paris bis Madrid, sahen Brüssel, London, das russische Kazan. Wie kaum jemand sonst haben die menschlichen Maschinen den Ruhm neuenburgischer Präzisionsarbeit in die Welt hinausgetragen.
Zum Kantonsgewinnspiel
Audiofile zum Artikel
23.01.2008, Ausgabe 04/08
Kantons-Serie (2)
Neuenburg - Schweiz auf engstem Raum
Der Kanton Neuenburg ist ein helvetischer Modellfall. Paradies für die Arbeiterklasse, ökonomisches Weltwunder
und von Widersprüchen geprägt.

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