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23.01.2008, Ausgabe 04/08

Literatur

Kaum der Rede wert

Peter Handke schreibt in seiner Erzählung «Die morawische Nacht» sehr schön über die Liebe. Was bleibt sonst von ihm?

Von Markus Gasser

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Aus den siebziger Jahren sind Bilder von ihm überliefert, wie man sie als Kind auf den Terroristenfahndungsplakaten am Grenzübergang bestaunen konnte: Da war Peter Handke zur Ikone einer neuen Literatur erhoben worden, die gegen alles Vorarrangierte, Romanhafte und Geschichtenreiche Amok lief.

Handke gehört zu einer Generation, die das wahrhaft Grosse mit dem vollendeten Mangel an Dreh und Drama gleichsetzte, die Spannung, sofern sie nicht aus Empfindung und Sprache kam, in die sogenannte Trivialliteratur verbannte und dann darüber klagte, dass ihr Publikum, statt ihre Texte zu lesen, fernsehen ging. «So wie einst», dekretierte Adorno, «lässt sich nicht mehr erzählen» – und Handke lieferte, auch ohne es zu wollen, die Bücher dazu: Es geschah bei ihm von Mal zu Mal weniger; die Plots, die er dem Kriminal- und Bildungsroman entlehnte und munter unter Titeln arrangierte, für deren Beschwörungskraft andere Autoren noch heute ein Flugzeug entführen würden – «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter », «Der kurze Brief zum langen Abschied» –, schwanden unter der Last existenzieller Dringlichkeit, die er ihnen auflud, unauffindbar dahin. Das Publikum wandte sich dem Macondo von Gabriel García Márquez zu – Handke aber blieb, auch wo er zu Homer, Cervantes, Joseph Conrad unterwegs war, immer bei sich.

Den «Hüftschwung» verloren

Den «Hüftschwung» verlorenDann kam seine «Schwermutszeit», in der er nach fünfzehn Stunden am Schreibtisch froh sein musste, drei Zeilen zu Papier gebracht zu haben: Immer kurz vorm Auf-geben, zitternd vor Furcht jeden Morgen beim Spitzen seiner Bleistifte, empfand er «den Schriftsteller» als Gleichnis fürs Dasein aller und sah sich trotzdem, wenn er abends schichtarbeitermüde durch die Strassen Salzburgs ging, «nicht zugehörig zu der grossen Zahl da» neben ihm. Sein Leitsatz war noch immer jene Zeile John Lennons von 1968: «You can count me out.» Was er während seiner «Langsamen Heimkehr» nach eigenem Bekunden an «Drive» und «Hüftschwung» verloren hatte, war an sinnlicher Beschreibung «reinen Gegenwärtigseins» gewonnen: der Beschreibung eines Ortes, einer «kleinwinzigen» Geste und der Dinge, «wie sie eben sind» – das allerschönste Werk war erst noch zu schaffen, würde allein aus solchen «Augenblicksepen» bestehen und, un-berührbar thronend, ein Werk für die wenigsten sein. Und so hielt sich Handke gerade auch in seinen politischen Ausfällen sorgsam vom Mainstream fern: ein Terrorist der Sanftmut und Revolutionär im Stillen, Prototyp des fast schon verschollenen Dichters – heimatlos umhergetrieben, empfindsam in sich verstrickt, dennoch sich selbst das grösste aller Rätsel und immer aufs «ganz Andere» aus. Der Nato-Einsatz im jugoslawischen Bürgerkrieg, nach Handke der Sündenfall der «Westwelt» und der «Scheisseuropäer, die heute nur noch Geld wollen und Disko und Video und Internet», hatte ihm seine «Gehheimat» zerstört, wo «der schöne Mangel» herrschte – ähnlich wie Goethe in Verona der Hinweis des Fremdenführers auf den Punischen Krieg den Augenblick «eines belebenden Friedens» jenseits der Geschichte verdorben hatte. Diese Geschichte – sie spielte in Handkes Werk längst keine Rolle mehr.

Keine Intrige, kein Mord, nur Rettung
RettungCharles Dickens lief nächtelang durch die Strassen Londons und fragte sich, wie er seine Romanfiguren möglichst dramatisch sterben lassen könnte. Peter Handke hingegen sitzt, so er nicht über den Erdball wandert, still für sich in Chaville bei Paris, empfindet es als literarischen Fortschritt, wenn er seine Figuren nicht in Intrigen verwickeln und zur Strecke bringen, sondern von vornherein «retten, retten, retten» will – so wie er sich selbst, in der vielleicht ergreifendsten Szene der «Morawischen Nacht», vor dem katholischen Knabeninternat rückwirkend bewahren möchte, worin er einst ausgesetzt worden war.

So hat er, wie zu erwarten, auch diesmal keinen Roman dickensscher Provenienz geschrieben, der Plot seiner romanlangen «Erzählung» folgt, zumindest darin durchaus vorarrangiert, der Gangart fast aller seiner Werke und ist, wie er’s am liebsten hat: kaum der Rede wert. Es geschieht darin – ausdrücklich – «wieder und wieder nichts». Namenloses Personal reist durch ein märchenhaftes Europa und kommt ob der glänzenden Beiläufigkeiten ringsumher aus dem Staunen nicht mehr heraus, die dem Leser eine nachhaltige Vorstellung vom Wort «Chaos» vermitteln.

Zuletzt ist alles, ähnlich wie in «Kali» vom letzten Jahr, eine Phantasmagorie des Autors auf ein Buch hin gewesen, das er erst noch schreiben wird: die sechs – oder sieben – Männer, die dem Ruf jenes Autors auf sein Hausboot «Morawische Nacht» folgten, damit er ihnen von seiner Reise zu drei Kongressen erzählen konnte, dem Kongress der Lärmgeschädigten, dem der Jugoslawien-Nostalgiker, dem der Maultrommelspieler, eine Leserin, die dem Autor nachstellte wie im «Butt» von Grass ein feministisches Tribunal der gesamten Männerwelt, und ein schriftstellernder Journalist, des Autors Widersacher, mit dem Handke sich ein ironiefrei heroisches Standbild seiner selbst erschwindelt. Auch geht Handkes hochspielerische Preziosität zuweilen derart drakonisch aufs Ganze, dass sie sich in einer delirierenden Allerwelts- und Gefühlsliebelei verliert, etwa wenn die sechs – oder sieben – Herren auf dem Erzählnachen einer weiblichen Hüfte ansichtig werden: «An ihr erschien uns die Schönheit. Die ganze Frau, der ganze Mensch dort konnte nur dem entsprechend schön sein. Und die Schönheit dieser Hüfte strahlte Güte aus. In der Hüftkurve fielen Schönheit und Güte zusammen. Die Hüfte der fremden Frau war, ohne einen Extra-Schwung, der Sitz der Güte.» Kitsch? Zu spät.

Die handkesche Schreibtischlogik sieht vor: Es bleibt stehen, gerade was nicht vorherzusehen war. Bei ihm hat der Weg sich selbst zum Ziel.

Und das zum Ärger eines der Bootsbesucher, der gleich der Leserschaft im zweiten Teil des «Don Quijote» immer wieder dazwischenfährt und so noch mäandrierend hinauszögert, was in dieser Nacht an Handlung zu haben wäre, dem Autor dann aber auch glückhaft zu jenen Augenblicksepen verhilft, gegen die die meisten Romane der Gegenwart wie Kinderbücher aussehen, aus denen man die Illustrationen entfernt hat. So finden der Autor und die grosse Unbekannte der «Morawischen Nacht» endlich zusammen – und den Leser bannen einige der schönsten Seiten über die Liebe in der deutschen Literatur, von gelassener Eleganz und einer perfekten Einfachheit, wie sie sonst einzig Johann Peter Hebel gelungen ist.

Wenn Handke zaubert
zaubertMit einem Mal scheinen alle Maultrommlerskurrilitäten nur ersonnen worden zu sein, um sich diesem proustschen Madeleine-Moment zu fügen; der Autor in Chaville hat seinen Zauberstabbleistift erhoben, und die Welt weitet sich und hält eine Sekunde lang den Atem an: «Am selben Abend setzte sich ein Kind zu ihnen und musste dann von den Eltern Finger um Finger von ihr und von ihm abgelöst werden, wie von einem Spielzeug, das man nicht hergeben will. [. . .] Tags darauf stieg jemand auf eine Leiter aus Strohhalmen, und sie hielt, und am Abend desselben Tages drückte jemand auf eine Klinke, und die Tür ging auf. [. . .] Während die zwei miteinander unterwegs waren [. . .], fuhren die Züge und die Busse ausnahmsweise ohne Unfall durch den Kontinent, brach kein neuer Krieg aus, starben ihnen keine Angehörigen weg, und denen, die krank waren, ging es diese Zeitlang besser. Es konnte nicht anders sein, so war es gedacht, so war es eingeteilt, so hatte es für diese ohnehin gar zu endliche Zeit zu erfolgen und ein Ding der Möglichkeit zu sein.» Hier ist bis in die letzte Satzkadenz hinein alles, wie es sein sollte, und das Gefühl überwunden, das einen jeden von uns zuweilen befällt: auf Erden nicht erwartet worden zu sein. So soll uns für diese fast 600 Seiten die «Sonne des Zeithabens » scheinen: allein des Lichtes wegen, das durch solche Zeilen bricht.

Peter Handke: Die morawische Nacht. Erzählung. Suhrkamp. 561 S., Fr. 47.-

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 04/08
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