Der Geschäftsmann George D. Bryson hatte nicht reserviert. Aber er hatte Glück: Als er in Louisville im amerikanischen Bundesstaat Kentucky ankam, waren im Hotel «Hampton Inn» noch Zimmer frei. An der Réception bekam er den Schlüssel, sein Raum trug die Nummer 307. Als er ihn betrat, fand er auf dem Schreibtisch einen Brief mit der Anschrift «George D. Bryson, Room 307, Hampton Inn, 101 East Jefferson Street, Louisville, Kentucky, United States 40202». Wie war das möglich? Wie hätte jemand voraussehen können, dass es ihn gerade in dieses Zimmer verschlägt? Des Rätsels Lösung: Der Vorgänger im Hotelzimmer 307 hatte ebenfalls George D. Bryson geheissen – der Brief war für ihn bestimmt.
«Das kann doch kein Zufall sein!», wird jeder sagen, der diese Geschichte aus den fünfziger Jahren zum ersten Mal hört. «Doch, genau das ist es: ein reiner Zufall!», ruft uns der Wiener Mathematikprofessor Rudolf Taschner entgegen, der die Anekdote in seinem neuen Buch «Zahl, Zeit, Zufall» aufgreift. Man bedenke: In einem Land mit damals rund zweihundert Millionen Menschen kommen die meisten Namen zehnmal oder noch häufiger vor. Und: Hotelzimmerwechsel gibt es in den USA vielleicht hundert Millionen Mal pro Jahr. Wenn man diese beiden Tatsachen miteinander verrechnet, kommt man darauf, dass sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jedes Jahr irgendwo in einem amerikanischen Hotel zwei Gleichnamige die Klinke in die Hand geben. Und dass dabei einmal in fünfzig Jahren ein Brief liegenbleibt, ist gewiss nicht unwahrscheinlich. «Ja, man müsste, bedenkt man die obige Rechnung, sogar am Zufall zweifeln, hätte ein solches Ereignis nie stattgefunden», schreibt Taschner.
Differenzialrechnung, einfach gemacht
Das Beispiel, das am Anfang des Kapitels über den Zufall steht, ist typisch für das Buch: Taschner erzählt unterhaltsam, er entmystifiziert vermeintlich Wundersames, und er macht mathematisches Denken nachvollziehbar, ohne dass der Leser selber rechnen müsste. So kann man auf bequeme Weise ein wenig mathematische Bildung nachholen. Man erfährt, womit sich ein Kepler, ein Galilei oder ein Gauss beschäftigten, begreift die Grundidee hinter der Differenzialrechnung, und man bekommt sogar eine Einführung in die einsteinsche Relativitätstheorie geboten.
Immer wohlformuliert und durchdacht, immer anregend, niemals überfordernd, aber auch niemals anbiedernd oder unzulässig vereinfachend. Und für den fortgeschrittenen Leser, der die meisten Anekdoten vielleicht schon kennt, bleiben immerhin die vielen philosophischen Anregungen.
Hundertmal besser als Hawking
Taschner ist ein grosser Popularisierer, wie es sie in der Mathematik nur wenige gibt. Er schildert äusserst geduldig und verwendet nie den billigen Trick vieler Mathematiker, manche Schlüsse für «trivial» zu erklären (was meist bedeutet, dass sie zu faul sind zum Erläutern). «Ich habe es geschrieben für Leute, die noch nie ein Mathematikbuch gekauft haben», sagt Taschner am Telefon. Darum habe er auch keine einzige Formel verwendet: «Formeln sind tödlich.» Für Uneingeweihte wirkten Formeln wie eine Fremdsprache, und schliesslich kaufe sich ja auch niemand ein finnisches Buch, wenn er kein Finnisch spreche. Insofern folgt Taschner dem britischen Starphysiker Stephen Hawking («Eine kurze Geschichte der Zeit»), der behauptet, jede Formel halbiere die Auflage. Nur mit dem Unterschied, dass Taschner hundertmal besser schreibt als Hawking, dem jedes Gespür für Popularisierung abgeht.
Das Konzept scheint aufzugehen. Seit dem Erscheinen Anfang September sind 25 000 Exemplare verkauft worden. In Österreich hält sich das Buch auf den vordersten Plätzen der Bestsellerlisten. Im Weihnachtsgeschäft ging es weg wie frische Mailänderli. Das gab es noch nie: ein Mathematikbuch, das als Weihnachtsgeschenk taugt! Offenbar gelingt es Taschner wirklich, der Mathematik ihren Schrecken zu nehmen. «Das Problem ist die Schule», sagt er, «da wird den Kindern das Interesse verdorben.» Es sei ähnlich wie im Musikunterricht: Wenn man nur Tonleitern lerne, bekomme man den Verleider. «In der Schule wird Mathematik mit Rechnen verwechselt», sagt er. «Man muss Formeln umformen, ohne zu verstehen, was diese sollen.» Das Wesen der Mathematik bleibe so auf der Strecke. Taschners Buch ist nun just dies: eine Einführung in das Wesen der Mathematik. Also das genaue Gegenteil von Schule.
Rudolf Taschner: Zahl, Zeit, Zufall. Alles Erfindung?
Ecowin, 2007. 187 S., Fr. 33.90
16.01.2008, Ausgabe 03/08
Sachbuch
Das Gegenteil von Schule
Mit «Zahl, Zeit, Zufall» macht es Rudolf Taschner einem leicht, mathematische Bildungslücken zu füllen.
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