Phänomen Obama

Surfing USA

Die Amerikaner wollen wieder einen «Diener des Volkes». Barack Obama ist der einzige demokratische Kandidat, der den Zeitgeist nicht nur erkannt hat – er weiss ihn zu nutzen.

Von Hanspeter Born

Was erklärt die «Obamania», die nicht nur die als nüchtern geltenden Wähler von New Hampshire, sondern ganz Amerika erfasst hat? Das Zauberwort im diesjährigen Wahlkampf ist «change». Im republikanischen wie vor allem im demokratischen Lager preisen sich die Kandidaten als besonders geeignete Erneuerer an, die den Hunger des Volkes nach einem grundlegenden Wandel in der Politik stillen können. Sieben von zehn Amerikanern sind mit dem Gang der Dinge in den USA unzufrieden. Die Gründe für das Gefühl, dass das Land auf der falschen Bahn ist, sind vielfältig: Der Irakkrieg, die Immobilienkrise, die hohen Kosten für Benzin und Heizöl, die abflauende Wirtschaft tragen alle zur Unzufriedenheit bei. Vor allem aber haben die Amerikaner das vergiftete politische Klima satt, das die Lösung dringlicher innenpolitischer Probleme verhindert.

Das Absetzungsverfahren gegen Clinton, die von den Demokraten nie wirklich akzeptierte Niederlage Gores 2000, die harte Gangart der siegreichen Republikaner im Kongress und schliesslich der unpopuläre Irakkrieg haben den seit den sechziger Jahren bestehenden Graben wieder aufbrechen lassen. Viele Demokraten hassen Bush, seinen Vize Cheney, Bushs Strategen Rove und Bushs neokonservative aussenpolitische Einflüsterer. Die Republikaner ihrerseits verachten zutiefst Ideologen des linken Lagers wie den Filmemacher Michael Moore, den Zeitkritiker Noam Chomsky oder die Scharfmacher der Webseiten Dailykos.com und MoveOn.org. Die meisten «gewöhnlichen» Amerikaner schenken der Politik nur zu Wahlzeiten ihre Aufmerksamkeit. Die Politiker als «Diener des Volks» sollen sich nicht in den Haaren liegen, sondern gefälligst ihre Arbeit machen.

Kommt dazu, dass in Amerika, einem «jungen» Land, der Wunsch nach Erneuerung tiefe Wurzeln hat. Drei grosse religiöse Erweckungsbewegungen kennzeichnen die Geschichte der USA, und der Wunsch, mit Altem, Verbrauchtem, Abgestandenem abzufahren, kennzeichnet die amerikanische Kultur, die amerikanische Wirtschaft und auch die amerikanische Politik. Im 20. Jahrhundert verdankten Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy, Jimmy Carter und Ronald Reagan ihre Präsidentschaft alle dem Bedürfnis nach «change».

Die meisten der noch im Rennen liegenden Kandidaten, nicht zuletzt auch Hillary Clinton, die sich nicht als blosse Verkünderin, sondern als erfahrene Vollstreckerin des Wandels präsentiert, tragen dem Zeitgeist Rechnung. Doch mit Ausnahme von Huckabee gehören die führenden Republikaner ebenso der alten, als abgestanden empfundenen Garde an wie Obamas demokratische Konkurrenten Clinton und Edwards. Obama ist ein frisches Gesicht und der Exponent einer Generation, die weder vom Vietnamkrieg noch von der Kulturrevolution der sechziger Jahre gezeichnet ist.

Er steht hin, auch zwischen Kampfhähne

Ein frisches Gesicht allein genügt nicht. Man muss den Zeitgeist nicht nur erkennen, man muss auf ihm surfen. Obama tut es vortrefflich. Barack Obama ist, was die Amerikaner «a natural» nennen, ein Naturtalent, ein Roger Federer der Politik. Doch auch ein Talent wird erst durch Praxis zum Meister.

Das Leben setzte Obama einer Vielfalt von Erfahrungen aus. Sein Vater, ein kenianischer Stammesfürst aus der als wortgewandt und politikbewusst geltenden Volksgruppe der Luo, hatte seine aus dem amerikanischen Herzland Kansas stammende Mutter kennengelernt, als beide in Hawaii studierten. Als Barack sechs war, nahm ihn die Mutter, in zweiter Ehe mit einem indonesischen Offizier verheiratet, nach Jakarta mit, wo er bis zum zehnten Lebensjahr in eine lokale Schule ging. Als er in Hawaii zurück war, steckten ihn seine Grosseltern in die prestigiöse Punahou-Privatschule, wo er durch sein verträgliches Wesen, durch seine eigenwillige Vorliebe für Jazz und die philosophischen Wälzer von Ayn Rand sowie sein elegantes Basketballspiel auffiel. Weitere Stationen seiner Bildungslaufbahn waren Universitäten in Los Angeles, in New York und schliesslich Harvard, wo ihn seine Kommilitonen als ersten Schwarzen zum Präsidenten der Zeitschrift Harvard Law Review wählten. In dieser Funktion verstand er es, die dort unter den Redaktoren üblichen ideologischen Streitereien zu schlichten – genauso wie er Kampfhähne auf dem Basketballfeld trennen konnte.

Berufliche Erfahrungen sammelte er zuerst als «community organizer» in einer Wohnsiedlung in Chicago als ein auf Bürgerrechtsfälle spezialisierter Anwalt und schliesslich Professor für Verfassungsrecht. Er heiratete die aus dem schwarzen Mittelstand von Chicago stammende brillante Anwältin Michelle, mit der er zwei Mädchen hat. 1996 bewarb er sich auf der politisch rauhen Südseite von Chicago um einen Sitz im Senat von Illinois und gewann nach einer Kampagne, in der er jeweils abends nach der Arbeit an Tausende von Türen geklopft hatte. Lehrgeld zahlte er 2000, als er in Selbstüberschätzung einen stark verwurzelten Kongressabgeordneten, einen ehemaligen «Black Panther», aushebeln wollte und geschlagen wurde.

Als Senator im Staatsparlament von Illinois baute Obama gute persönliche Beziehungen auch zum republikanischen Gegner auf. Er schmiedete Kompromisslösungen und brachte eigene Reformanliegen durch. National wurde der gutaussehende Politiker auf einen Schlag bekannt, als er am Parteikonvent mit seinen ebenso klugen wie feurigen Worten die Delegierten zu Begeisterungsstürmen hinriss. Im gleichen Jahr kandidierte Obama erfolgreich für den US-Senat. Der favorisierte Gegner war über einen Sexskandal gestolpert.

Abraham Lincoln hilft

Im Februar 2007 kündigte Obama vor 15 000 Anhängern vor dem Staatskapitol in Springfield seine Präsidentschaftskandidatur an. Das Leitmotiv seiner Rede war der Satz, den Abraham Lincoln an gleicher Stelle vor 150 Jahren ausgesprochen hatte: «Ein Haus, das in sich gespalten ist, kann nicht stehen.»

Dem Neuling auf der nationalen politischen Bühne gelang es, eine schlagkräftige Wahlkampforganisation auf die Beine zu stellen. Die zumeist jungen, idealistischen, aus allen Schichten und Ethnien stammenden Wahlhelfer, die von einem inneren Feuer beseelt scheinen, verglich Obama einmal scherzhaft mit einem Benetton-Inserat. «Nicht spalten, sondern einigen», ist die Botschaft, die jetzt in Iowa und New Hampshire auf ein überwältigend positives Echo gestossen ist. Eine Regel bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen war bisher immer die: Im Vorwahlkampf im Winter spricht man die eigene Basis an, im Herbst rückt man zur Mitte und versucht, Schwankende zu gewinnen. Zur Verblüffung seiner Gegner hält sich Obama nicht an das Rezept. Bereits jetzt richtet er sich nicht bloss an die Parteigetreuen, sondern an alle Amerikaner.

Weniger Programme zählen bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen als der persönliche Eindruck, den ein Kandidat hinterlässt. Kann man ihm (oder ihr) zutrauen, dass er in Krisensituationen ruhig Blut bewahrt? Versteht er es, Gesetze durch den Kongress zu bringen? Kann er hart genug verhandeln? Ist er ehrlich, zuverlässig und hat Rückgrat? Nimmt er Sorgen und Nöte seiner Wähler ernst und tut etwas, oder schwätzt er nur?

Auf Obamas rhetorische Brillanz anspielend, meinte seine Gegenspielerin Hillary Clinton: «Worte, so schön sie auch gewählt und so leidenschaftlich sie auch gefühlt werden, ersetzen Taten nicht.» Sie, Hillary, habe über lange Zeit bewiesen, dass sie Worte in Handlungen übersetzen könne. Obama antwortete: «Die Wahrheit ist die, dass Worte inspirieren können und die Leute ermuntern, sich zu engagieren.»

Noch ist Obama nicht Präsident, noch ist er nicht einmal demokratischer Kandidat – die formidable Hillary Clinton wird bis zum Schluss nicht aufgeben. Aber wer Obamas Auftritte in Wahlversammlungen oder an Debatten miterlebt, kriegt das Gefühl, dass hier Geschichte gemacht wird.

Download PDF: Nominationsmarkt, Demokraten

Audiofile zum Artikel

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben