Efrem Cattelan

Heimatschützer a.D.

Als «Rico» führte Efrem Cattelan eine Geheimarmee, bis ihn die Weltwoche 1990 enttarnte. Die P-26 war die Widerstandsgruppe der Schweiz. «Es war alles rechtens und interessant», sagt der Aufgedeckte heute zum Aufdecker.

Von Urs Paul Engeler

Herr Cattelan, das Internetlexikon Wikipedia bezweifelt, dass Sie der Chef der Geheimarmee P-26 waren: «Wer Chef der P-26 war, ist bis heute unbekannt. Offiziell war es Generalstabsoberst Efrem Cattelan. Daran bestanden von Anfang an Zweifel. Die P-26 kooperierte eng mit anderen Geheimorganisationen, insbesondere dem britischen MI6. Cattelan aber sprach kaum Englisch, und seine Auslandsreisen beschränkten sich auf Thailand.»
Bezweifeln Sie Ihre eigenen Recherchen? Sie haben mich vor 17 Jahren ja enttarnt.



Sicher ist man nie, vor allem in Geheimbereichen.
Selbstverständlich war ich der Chef dieser geheimen Kaderorganisation, verantwortlich für den Aufbau dieser Widerstandsgruppe für den Fall einer Besetzung des Landes. Im Ernstfall wäre aber wohl jemand anders Führer des Widerstands gewesen, jemand mit Charisma, ein Tito-Typ, eine Art de Gaulle vielleicht. Diese Person wäre vom Bundesrat eingesetzt worden.

Können Sie beweisen, dass Sie «Rico» waren?
Nein. Im Vertrag mit dem EMD stand nicht mein Deckname. Aber ich kann belegen, dass dieser Lexikoneintrag grundfalsch ist. Zum Beispiel war ich noch nie in Thailand.

Wie muss man sich einen Tag im Leben des Konstrukteurs der Widerstandsorganisation vorstellen? Planten Sie in Ihrem Consec-Büro an der Bäumleingasse 2 in Basel, oder instruierten Sie in Verstecken mit Waffen?
Es war sicher kein Bürojob. Ab und zu arbeitete ich an der Adresse der Tarnfirma Consec AG, meine Haupttätigkeit bestand aber im Aufbau und in der Führung der Organisation. Am Schluss umfasste die zirka 400 Personen. In den Jahren 1987 und 1988 leisteten Angehörige der P-26 rund 1700 Kurstage. Es fand also fast jeden Tag irgendwo in der Schweiz eine Ausbildung mit drei oder vier Personen statt.

Und was übten die Widerständler? In Gstaad gab es einen Schiesskeller, ebenso in Walenstadt, bei Brugg ein grosses Waffenlager.
Alle Angehörigen der Organisation wurden in den grundsätzlichen Fertigkeiten ausgebildet, zum Beispiel im konspirativen Verhalten, das heisst: Einbettung einer geheimen Tätigkeit ins tägliche Leben, Legendenbildung und so weiter. Je nach Spezialfunktion gab es Instruktionen für den Nachrichtendienst, die psychologische Kampfführung, für Propaganda, Übermittlungstechniken, Transportdienst und Sabotage. Die Ausbildung an Waffen erfolgte allein zum Selbstschutz, der Angriff wurde nicht geübt.

Wer instruierte Ihre Leute?
Uns wurden Spezialisten der Armee zur Verfügung gestellt. Wir zogen jedoch für einzelne Aufgaben Milizpersonen bei.

Polizisten?
Auf keinen Fall! Das konnten Lehrer, Bankiers, Beamte oder andere Fachleute sein.

Was muss man sich unter «konspirativem Verhalten» und dem «Aufbau einer zweiten Identität» vorstellen?
Tote Briefkästen, Verstecke, Treffen an sicheren Orten, Legendenbildung, Decknamen. Über allem aber stand die Geheimhaltung. Das Prinzip hiess: need to know, nicht nice to know. Jeder durfte nur so viel wissen, wie er wissen musste, kein bisschen mehr. Wir achteten darauf, dass in den Kursen keine Leute zusammentrafen, die einander hätten kennen können. Das erschwerte die Organisation. Aber Sicherheit kostet Geld und Zeit.

Wie wurden die Leute rekrutiert? Auf Empfehlung Eingeweihter?
Das hat es in Einzelfällen gegeben. In der Regel haben wir zuerst ein klares Anforderungsprofil erstellt und nach diesen Kriterien die geeignete Person gesucht. Diese Vorgaben bezogen sich auf Person, Funktion und Ort. Wir brauchten vielleicht – ein fiktives Beispiel – im Raum Freiburg einen Mann, der fähig war, eine Crew für Propaganda aufzubauen. So suchten wir dort eine Person, die führen konnte und etwas von der Sache verstand.

Waren auch Frauen in der P-26?
Zu wenige, vielleicht ein halbes Dutzend. Dass es nicht mehr waren, beruht auf einem interessanten sozialen Phänomen. Auch in Zeiten fortgeschrittener Emanzipation kann eine Frau sich nicht einfach mit einer vagen Begründung für zwei bis drei Tage von zu Hause entfernen. Bei Männern ist das meistens ohne weiteres möglich. So waren es nur ledige, alleinstehende Frauen und ein, zwei, bei denen der Ehemann im Grundsatz eingeweiht war und gegenüber der Verwandtschaft Rückendeckung geben konnte. Die Frauen wurden meist in den Bereichen Nachrichtendienst oder Propaganda eingesetzt, jedoch nicht für die Sabotage.

Trifft man sich heute noch?
Nein. Wozu auch? Jeder kannte höchstens zwei bis vier Personen.

Wo hatte Ihre Organisation neben den publik gewordenen Lokalitäten in Basel, Oberburg BE etc. ihre Stützpunkte und Waffenlager?
Da müssen Sie noch zwanzig Jahre warten. So lange bleiben die Akten unter Verschluss.

Haben Sie im Sinn, Memoiren zu schreiben?
Nein. Ich wüsste nicht, was es Interessantes zu berichten gäbe.

Es wäre zumindest ein Beitrag zu einem umstrittenen Thema der Zeitgeschichte. Sie könnten auch Gerüchten entgegentreten. Heute könnte man den Schleier des Geheimnisses lüften.
Gut, Sex and Crime zieht immer. Es ist klar, dass Geheimaktionen immer von Gerüchten begleitet werden. Ich habe viele Vorträge gehalten und so viel gesagt, wie ich sagen durfte. Details der Organisation unterliegen hingegen dem Geheimschutz.

Und wer ist Herr dieser Akten?
Das VBS. Ich habe alle Unterlagen abgegeben. Die Kommandoposten, Depots und Verstecke sind liquidiert.

Und das Büro in Basel geräumt?
Ja. Das war auch nicht eine wasserdichte Tarnung nach den Kriterien der P-26. Es diente nur dazu, gegenüber der Öffentlichkeit wirtschaftliche Normalität vorzutäuschen. Immerhin war die Legende so gut, dass die Steuerbehörden meine Consec-Steuererklärungen stets akzeptiert haben. Auch drei AHV-Kontrollen überstanden wir.

Wusste Ihre Familie von Ihrem Doppelleben?
Meine Frau habe ich orientiert. Diese Möglichkeit bestand. Meine Söhne habe ich erst informiert, als sie die RS absolviert hatten.

Der Historiker Daniele Ganser stellt im Buch über die vernetzten Nato-Widerstandsbewegungen, «Gladio» genannt, die These auf, die P-26 sei nicht direkt mit «Gladio» verbunden gewesen, habe jedoch informelle Kontakte unterhalten.
Das ist die These eines Historikers, der unzufrieden ist, weil er noch nicht alle Akten einsehen durfte. Kontakte unterhielten wir allein zu den Engländern, um von ihrem umfassenden Wissen in stay behind-Fragen zu profitieren. Eine Zusammenarbeit auf operativer Ebene gab es nicht.

Und wenn er alle Dokumente hätte einsehen dürfen?
Dann wäre er genau gleich enttäuscht wie jetzt. Es gibt nichts.

Hat Ihre Enttarnung vor 17 Jahren Sie belastet oder eher entlastet?
Weder noch. Ich erhielt zwar eine Morddrohung, aber auch Applaus und Unterstützung. Ich mache den Journalisten einen anderen Vorwurf: Alle haben sie auf der ganzen Länge versagt! Sie folgten alle recht unkritisch dem PUK-Bericht, der aus der Optik der neunziger Jahre argumentierte, und schrieben einfach einander ab. Hätten die Medien ihren Job gemacht, dann hätten sie festgestellt, dass das Parlament, inklusive SP, zehn Jahre zuvor das Projekt, die Vorbereitung zum Widerstand, abgesegnet hatte und dass die Geschäftsprüfungskommission unter dem späteren FDP-Bundesrat Delamuraz festgehalten hatte, dass die P-26 «den Erfordernissen des Rechtsstaates» entspreche.

Die Vorwürfe der mangelnden Rechtsstaatlichkeit haben nicht nur die Medien erhoben, sondern die Parlamentarier der PUK.
Man muss auch sehen, wer diesen PUK-Bericht effektiv verfasst hat: Es waren nicht die Milizparlamentarier, es war ein Zürcher Untersuchungsrichter, der auf ein Gutachten des Lausanner Professors Etienne Grisel abstellte. Grisel argumentierte aufgrund der Rechtsauffassung der neunziger und nicht derjenigen der siebziger Jahre.

Immerhin gab es das Eingreif-Szenario im Falle eines «demokratischen Umsturzes». Das war der Kern der Vorwürfe an Ihre Organisation.
Zuerst eine Information, die niemand zur Kenntnis nehmen will: Im Friaul gab es die ausgerüstete Organisation «Gladio rosso», die von der Sowjetunion bezahlt wurde. Es gab also diese kommunistischen Zellen. Das Szenario «demokratischer Umsturz» gab es gar nicht. Wir sprachen immer nur von «Umsturz». Gemeint war der Umsturz der bestehenden Ordnung, was ja – per definitionem – nie ein demokratischer Prozess sein kann. Wir gingen bei den Eingreif-Szenarien ganz klar immer von einer gewalttätigen, illegalen, undemokratischen Machtübernahme aus.

Wo stehen Sie politisch?
Ich bin bürgerlich, unabhängig, parteilos. Das war ich auch zu den Zeiten von P-26.

Würden Sie diesen Job wieder annehmen?
Ich sehe nichts, was dagegen spricht. Es war alles rechtens und interessant. Ich habe dafür einen guten Posten als Vizedirektor der National-Versicherung aufgegeben.

Was hat Sie dann gereizt? Abenteuerlust? Geld?
Ich bin nicht der Typ, der ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt. Gereizt hat mich, von null auf eine komplexe Organisation aufbauen: Konzeption, Rekrutierung, Logistik, Ausbildung. Das Einkommen von 240 000 Franken, das im PUK-Bericht genannt wurde, erreichte ich erst ganz am Schluss; ich startete wesentlich bescheidener. Zudem musste ich mit dem Geld meine Pensionskasse finanzieren, auch 100 Prozent der AHV, einen Büro-Anteil und die Steuern für die Consec AG.

War diese Geheimorganisation auch sinnvoll? Selbst hohe Militärs warnten vor einem Guerilla-Widerstand ausserhalb der regulären Armee.
Das ist keine militärische Frage, sondern eine Frage der Sicherheitspolitik. Wenn ein Land Bedrohungen ausgesetzt ist, wie das im Kalten Krieg der Fall war, dann hat eine solche Organisation eindeutig ihren Sinn. Der Bundesrat hat 1973 in seinem sicherheitspolitischen Bericht diese Vorbereitung auch ausdrücklich verlangt.


Efrem Cattelan, 76, Dr. iur., Generalstabsoberst, arbeitete als Vizedirektor bei der National-Versicherung, bis er 1979 Chef der aufzubauenden Geheimarmee P-26 wurde. Heute lebt er mit seiner Ehefrau als Pensionär in Münchenstein BL.

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